Dienstag, 20.04.2021
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.04.2016

Mannheimer Ausstellung über Hannah HöchWürdigung der Frau mit den Scherenhänden

Von Johannes Halder

"Die Journalisten" von Hannah Höch aus dem Jahr 1925. (dpa/picture alliance/Stephanie Pilick)
Hannah Höchs Werk "Die Journalisten" stammt aus dem Jahr 1925. In der Kunsthalle Mannheim kommen auch ihre jüngeren Werke zur Geltung. (dpa/picture alliance/Stephanie Pilick)

Als "Revolutionärin der Kunst" feiert die Städtische Kunsthalle Mannheim die legendäre Dada-Künstlerin und Collagistin Hannah Höch. Der Schwerpunkt der Retrospektive liegt auf den Jahren nach 1945. Doch diese Werke muss man suchen.

56 Jahre alt war Hannah Höch, als der Krieg vorüber war - gewiss kein Alter, um nochmal so richtig durchzustarten. Und also tat sie das, was sie auch vorher getan hatte, sie behielt Haltung und machte weiter. Die Mannheimer Schau macht das Beste daraus und mischt die späten Werke thematisch geschickt unter die frühen. Das betont die Stärken, versteckt die Schwächen und zeigt, was ihr Werk bis zuletzt zusammenhält: es ist, natürlich, die Collage.

Über die Jahre der NS-Diktatur und die Kriegszeit hatte sich Hannah Höch regelrecht verkrochen, sagt die Kuratorin Karoline Hille:

"1939 hat sie am Rande, im Norden Berlins in Heiligensee ein kleines Häuschen gekauft von einer Erbschaft, die sie gemacht hat. Und dort hat sie gelebt, die Kriegszeit überstanden, und mit ihrem großen Garten hauptsächlich, der sie ernährt hat. Und dort hat sie bis an ihr Lebensende gelebt."

Verkannt, vergessen, lange Zeit verarmt, so hat sie ihr brisantes Werk unbeschadet über den Krieg gerettet und während dieser Zeit ihre düsteren "Notzeitbilder" gemalt: Hunger, Elend, ausgemergelte Gestalten.

"Sie war eine sehr mutige Frau. Sie hat das also aufgehoben und hat es in Kisten gepackt und hat es im Garten vergraben, und dort hat sie diese Sachen versteckt vor den Nazis."

Hannah Höch saß an den Schnittstellen der Kunstgeschichte

Und als der späte Ruhm dann kam, hat sie ihn auch genossen: sie wusste, was ihr Werk wert war. Doch war sie wirklich eine "Revolutionärin der Kunst", wie der Ausstellungstitel etwas vollmundig behauptet?

Rebellisch war sie schon, und die hohe Schule der Ironie betrieb sie mit emanzipatorischer Entschlossenheit. Wo es ihren männlichen Dada-Kollegen um Anti-Kunst ging, verwandelten sich ihre Werke in Kunst. Immerhin: mit Hannah Höch saß eine Frau an den Schnittstellen der Kunstgeschichte.

"Sie war ja wirklich eine sehr starke Frau. Und das ist eines ihrer ganz großen Verdienste, dass sie also wirklich maßgeblich mit dazu beigetragen hat, dass die Collage als Kunstform anerkannt worden ist."

In ihrem großformatigen Gemälde "Roma" von 1925, einem der vielen Glanzstücke dieser wunderbaren Schau, hat sie das Prinzip der Collage in die Malerei übersetzt - eine Methode, die später von der Pop Art praktiziert wurde. Hier lag ein Potenzial, das sie nach dem Krieg leider nicht mehr aufgriff. Zu sehen sind auch einige ihrer frühen Tapeten- und Textilentwürfe. Das Kunstgewerbe war ihr Brotberuf gewesen, technisch war sie entsprechend versiert.

"Das ist eine unserer Thesen, dass die Wurzeln ihrer Kunst, auch diese Vielfalt des Werks und die Vielfalt der Stile wirklich seine Wurzeln im Kunstgewerbe hat."

Vieles in Höchs Spätwerk ist Reprise

Die späten Werke, wie gesagt, muss man suchen, und was sie da beschäftigt, ist oft die Rolle der Frau:

"Der Biss ist nicht weg. Er hat sich vielleicht etwas verlagert. Was sie interessiert hat, war die berufstätige Frau, die leistungsfähige Frau. Also sie hat, ganz egal, ob das jetzt eine Tänzerin gewesen ist oder eine Schauspielerin oder eine Malerin, wenn sie etwas geleistet haben, die Frauen, das hat sie interessiert. Aber nicht das, was man unter den Glamourgirls der 50er, 60er Jahre verstanden hat."

Bemerkenswert ist der affektbeladene Titel einer Collage von 1969. "Entartet" tauft sie, allen Ernstes, die Darstellung einer schimmernden Korsage mit spitzen Kegelbrüsten, wie sie später die Popsängerin Madonna auf ihrer Tournee trug. Die leere Kleiderhülle ohne Kopf ist umschwärmt von Fliegen. Das riecht nach Moralpredigt und muffigem Feminismus - na gut, die Künstlerin war damals 80 Jahre alt.

Das Polemisieren ließ sie ohnehin bald sein, und vieles in ihrem Spätwerk ist Reprise, collagiert und gemalt: Blumen, Pflanzen, Phantasiegeschöpfe.

"Hannah Höch hat die Farbe geliebt. Das sieht man in der Ausstellung immer wieder. Sie hat wunderbare, ganz farbintensive, starke Bilder gemalt. Aber die Farbe war ja einfach in den 20er Jahren in den Massenmedien nicht da. Und wie dann Anfang der 50er Jahre die Farbfotografie in die Massenmedien eingewandert ist - es war wie eine Offenbarung, sagt sie. Sie hat geschwelgt in diesen Zeitschriften und hat diese Zeitschriften ausgebeutet."

Wie sie die gedruckten Bilder mit der Schere filetiert und neu montiert, so sie hat sie auch die Kunstgeschichte ausgebeutet und Neues daraus geschaffen. Wie sie die informelle Malerei der Nachkriegszeit ins Medium der Collage übersetzt hat, ist fast schon genial.

Hannah Höch in Mannheim - das ist ein Werk, dem man in allen Phasen mit Respekt begegnet. Die Achtung vor dem Alter gehört dazu.

Die Ausstellung ist in der Städtischen Kunsthalle Mannheim bis zum 14.8.2016 zu sehen, danach im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr.

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