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Sein und Streit | Beitrag vom 14.06.2020

Manifest zur Zukunft der ArbeitWeniger Markt, mehr Mitbestimmung

Lisa Herzog und Anke Hassel im Gespräch mit Simone Miller

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Die Illustration zeigt eine Frau mit einem Taschenrechner als Rucksack, gestützt auf einen Bleistift als Wanderstock steht sie auf einem gelben Post-it-Zettelblock und schaut durch ein Fernglas auf umher fliegende Zettel, Ziffern und Symbole für verschiedene Währungen. (imago images / Alice Mollon)
Gesucht wird die faire Arbeitswelt von morgen. Wie müssen wir die Weichen stellen, damit in Zukunft nicht nur Zahlen zählen? (imago images / Alice Mollon)

In einem Manifest fordern 3000 Wissenschaftler soziale und ökologische Reformen der Arbeitswelt. Die Philosophin Lisa Herzog hat den Aufruf mit initiiert. Aus Sicht der Soziologin Anke Hassel schießen die Forderungen über das Ziel hinaus.

Die Wucht, mit der die Corona-Pandemie Gesellschaften weltweit trifft, hat den Wert von Arbeit in ein neues Licht gerückt. Nicht Konsum, sondern Grundversorgung steht seit Wochen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch ausgerechnet "systemrelevante" Tätigkeiten, die unser Zusammenleben sichern, sind oft schlecht bezahlt und durch ökonomischen Druck erheblich gefährdet. 3.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von 600 internationalen Universitäten mahnen deshalb in einem Manifest zur Zukunft der Arbeit umfassende Reformen an.

Gleichberechtigung im Unternehmen

Die Unterzeichnenden, darunter der französische Ökonom Thomas Piketty, die US-Sozialphilosophin Nancy Fraser und die politische Theoretikerin Chantal Mouffe, empfehlen, dass Unternehmen demokratisiert werden und ihren Beschäftigten gleichberechtigt an wichtigen Entscheidungen beteiligen.

Porträt der Philosophin Lisa Herzog (Sylvia Germes)Macht sollte auch in Unternehmen demokratisch kontrolliert werden, meint Philosophin Lisa Herzog. (Sylvia Germes)

"Im politischen Bereich gehen wir davon aus, dass Macht demokratisch kontrolliert werden sollte", sagt Lisa Herzog, Professorin für politische Philosophie und Ökonomie an der Universität Groningen und eine der Initiatorinnen des Manifests. Vieles spreche dafür, auch das Wirtschaftsleben demokratischer zu organisieren. Nicht zuletzt brächte ein solcher Schritt auch ökonomische Erfolgschancen mit sich, "zum Beispiel, dass das Wissen aller Akteure gleichermaßen mit eingebracht werden kann", so Herzog.

Bessere Führung durch Mitbestimmung

Tatsächlich sei die Mitbestimmung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern "ein sehr hohes Gut", pflichtet ihr die Soziologin Anke Hassel bei. "Wir wissen aus der Forschung, dass mitbestimmte Unternehmen besser geführt sind", sagt Hassel, die als Professor of Public Policy an der Berliner Hertie School lehrt. Meist hätten solche Unternehmen mehr Frauen in ihren Vorständen, sie investierten mehr in die Ausbildung und zahlten niedrigere Vergütungen an ihre Vorstandmitglieder.

Was das Manifest fordere, sei allerdings eine "Mitbestimmung Plus", die ihrer Ansicht nach zu weit gehe: "Man will den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ein Vetorecht einräumen, wenn es um Geschäftsmodelle oder um die Bestellung der Vorstände geht."

Hassel befürchtet, dies würde dazu führen, dass Unternehmen sich selbst blockieren. Und sie gibt zu bedenken: "Es würde die Arbeitnehmervertreter überfordern, wenn sie die Geschicke des Unternehmens mehr oder weniger allein bestimmen können", insofern  sie die Möglichkeit hätten, jeden Vorschlag der Geschäftsführung und der Kapitalgeber abzulehnen.

Porträt der Soziologin Anke Hassel (Hertie School)Der Staat muss Unternehmen klare Vorgaben für soziales und ökologisches Wirtschaften machen, sagt die Soziologin Anke Hassel. (Hertie School)

Dahinter steckt ein weiterer Dissens. Herzog ist zuversichtlich, dass Unternehmen mit mehr Mitbestimmung auch sozial und ökologisch verantwortlicher handeln würden. Doch Hassel ist da skeptisch. Die Interessen von Arbeitnehmern könnten durchaus im Widerspruch zu Umweltschutzanliegen stehen, argumentiert sie. Das habe sich gerade erst im Streit um staatliche Coronahilfen für die Autoindustrie gezeigt, wo die Gewerkschaft IG Metall eine Prämie auch für den Kauf von Autos mit Verbrennungsmotor gefordert habe.

Faire Jobs vom Staat für das Gemeinwohl

Ein weiterer Vorstoß des Manifests zielt darauf ab, eine staatliche Jobgarantie im "Green Deal" der EU zu verankern. Das Szenario: Fair bezahlte Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen, bieten dann eine realistische Alternative zu einer Beschäftigung in der Privatwirtschaft, so Herzog: "Jemand, der im privatwirtschaftlichen Bereich keine Arbeit findet, kann nicht nur das absolute Minimum durch Sozialversicherung erhalten, sondern es gibt staatlich organisierte, auf der lokalen Ebene angesiedelte Möglichkeiten, Jobs zu haben, die sozial nützlich sind, die mit dem Mindestlohn in dem jeweiligen Land entlohnt werden, und die den Leuten einfach erlauben, dann nicht in der Passivität der Arbeitslosigkeit zu verharren, sondern sich in derartigen Tätigkeiten gesellschaftlich einzubringen."

Mehr Geld für Bildung, Wohnen und Gesundheit

Hassel hält die Idee, staatlich finanzierte Jobs zu garantieren, in Anbetracht rückläufiger Arbeitslosigkeit in Deutschland für "eine falsche Schwerpunktsetzung". Zwar stimme sie mit Herzog darin überein, dass wichtige gesellschaftliche Aufgaben wie Bildung, Wohnen, Infrastruktur und Gesundheitsversorgung "dem Zweck der Daseinsvorsorge vorbehalten" werden sollten, so dass sie nicht unter dem Zwang stünden, Profite zu erzielen. Der richtige Weg, um das zu erreichen, seien jedoch gezielte Investitionen, um dort neue Jobs zu schaffen, wo sie für die gesellschaftliche Grundversorgung besonders dringend gebraucht würden.

Dabei könnten durchaus auch private Anbieter eine Rolle spielen, so Hassel. Entscheidend sei, dass der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setze und zum Beispiel Wohnungsunternehmen "ganz klare Kriterien vorgebe, nach denen sie zu wirtschaften haben – dazu gehört natürlich auch eine Mietpreisbremse oder andere Formen, um Mieten zu regulieren."

Das von Herzog und vielen anderen lancierte Manifest sei aus ihrer Sicht ein guter Anstoß, um die Diskussion weiterzuführen, wie wir wirtschaften wollen, und wie Unternehmensführung auch sozial-ökologisch verbessert werden könne, sagt Hassel, denn da liege tatsächlich noch "sehr vieles im Argen."

(fka)


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