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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2010

Manga-Manufaktur im Großstadtmoloch

Jiro Taniguchi: "Ein Zoo im Winter", Carlsen Verlag, Hamburg 2010, 240 Seiten

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Ein Bild der Mangafigur Hello-Kitty in den Straßen von Tokio. (AP)
Ein Bild der Mangafigur Hello-Kitty in den Straßen von Tokio. (AP)

In einem fein gezeichneten Comic-Roman des Japaners Jiro Taniguchi verschlägt es einen jungen Manga-Zeichner nach Tokio. Der Autor reflektiert in der Geschichte seinen eigenen Werdegang.

Ein junger Mann steht vor einer Käfiganlage, Schnee liegt dick auf Gitterstäben, Bäumen und Bänken. Es ist so still, wie es in einer Stadt nur sein kann. Im ersten Bild seines Comic-Romans "Ein Zoo im Winter" etabliert Jiro Taniguchi eine Stimmung der Ruhe und Versenkung, die das ganze Buch trägt, auch wenn sich die Ereignisse später beschleunigen.

Der 63-jährige Jiro Taniguchi ist in vielen seiner Bücher in seine Kindheit und Jugend zurückgekehrt, in diesem gezeichneten Roman aus dem Jahr 2008 geht es nun um seine Anfänge als Comiczeichner. Taniguchi steigt mit einer Parallelgeschichte ein: Eine junge Frau bricht aus einer arrangierten Ehe aus und brennt mit ihrem Geliebten durch, eine unerhörte Regelverletzung in der streng formierten japanischen Gesellschaft der 60er Jahre. Jiro Taniguchis Alter Ego in diesem Buch, der 18-jährige Mitsuo Hamaguchi wird in diese Geschichte verwickelt, er erlebt sie als Vorspiel zu seinem eigenen Ausbruch.

Mitsuo kündigt seinen ersten Job in einer Textilfirma und geht nach Tokio, um seinen Traum zu verwirklichen: ein Mangaka, ein Comiczeichner zu werden. Mitsuos Mutter ist deshalb sehr beunruhigt, sie schickt ihrem jüngsten Sohn Mitsuo den älteren Bruder hinterher, um ihn aus dem Moloch Tokio wieder herauszuholen. Der Bruder aber lässt sich von Mitsuo überzeugen, dass er hier am richtigen Platz ist.

Das ist also eine klassische Wie-ich-ein-Künstler-wurde-Geschichte, in der allerdings die bekannten Motive der Befreiung und Selbstfindung auf interessante Kontraste stoßen. Mitsuo arbeitet in einer kleinen Manga-Manufaktur, die gar nichts von einer wilden Künstlerbude hat. An ihrer Spitze steht der Comicautor Kondo, der ehrfürchtig "Sensei", also Meister genannt wird. Über einen Vorarbeiter und einen ersten Assistenten verzweigt sich die Hierarchie weiter bis zu Mitsuo, der als Neuling mit dem Austuschen der Figuren und dem Anbringen von Speedlines beschäftigt wird.

Mitsuo wächst aber außerhalb der Werkstatt langsam in ein bewegteres Leben hinein, der enorm schüchterne junge Mann hat ein paar unternehmungslustige Bekannte. Einer nimmt ihn zum Aktzeichnen mit, ein anderer schleift ihn durchs Nachtleben von Tokio. Schließlich begegnet Mitsuo Mariko, einer jungen Frau, die ihm mit ihrer Phantasie und sanftem Druck hilft, seinen ersten eigenen Manga herauszubringen.

Jiro Taniguchi führt mit sehr fein gezeichneten, klaren und schnörkellosen Schwarz-Weiss-Bildern durch diese Geschichte. Für seinen sonst oft sehr wortkargen, ganz auf die Zeichnungen konzentrierten Stil ist dieses neue Buch fast schon gesprächig. Taniguchi bleibt sich aber in seiner Hauptfigur treu, der schweigsame, unsichere Mitsuo geht wie ein stiller Beobachter durch seine eigene Geschichte. Immer wieder verweilt "Ein Zoo im Winter" bei Blicken in erstaunlich menschenleere Tokioter Strassen oder in einen Himmel, der nur in einem japanischen Comicbuch mit so berückenden Wolken glänzen kann. "Ein Zoo im Winter" ist ein neuer Beweis für Jiro Taniguchis gänzlich unaufgeregte, große Kunst.

Besprochen von Frank Meyer

Jiro Taniguchi: Ein Zoo im Winter
Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand
Carlsen Verlag, Hamburg 2010
240 Seiten, 16 Euro

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