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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.10.2017

Manal al-Sharifs Kampf gegen das AutofahrverbotEin Stückchen Emanzipation

Von Tobias Wenzel

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Eine saudische Frau sitzt hinter dem Lenkrad eines Autos in Riad, Saudi-Arabien am 28. Oktober 2013. Am 27. Oktober hatten Behörden 14 Frauen verhaftet, die in Saudi-Arabien Auto gefahren waren (EPA/ DPA/ Str)
Frauen dürfen künftig in Saudi-Arabien Auto fahren. Ein entsprechendes Dekret des saudischen Königs soll ab kommenden Juni gelten. (EPA/ DPA/ Str)

Ab Mitte 2018 dürfen auch Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren. Es ist ein Stück Freiheit, für das sich die Aktivistin Manal al-Sharif bereits seit Jahren eingesetzt und in ihrem Buch "Losfahren" dokumentiert hat.

Fast wäre Manal al-Sharif, den Blick auf ihr Smartphone gerichtet, am Treffpunkt in Berlin-Mitte vorbeispaziert. Erst auf Zuruf hat die 38 Jahre alte Frau mit den pechschwarzen Haaren aufgeschaut und ist stehengeblieben, vor dem Haus, in dem ein Kunstsammler wohnt. Davor parkt ein Auto.

"Es ist nicht nur ein Auto. Für mich ist es ein Symbol des zivilen Ungehorsams in Saudi-Arabien. Was mich an meine Geschichte erinnert, ist, wenn ich im Ausland sehe, dass Frauen ein sehr normales Leben führen. Ich möchte auch einfach nur ein normales Leben haben. Wie dieser Mann hier auf seinem Fahrrad. Es gibt in Saudi-Arabien so viele Beschränkungen für Frauen. Eine davon ist das Autofahren. Aber das bedeutet mir persönlich sehr viel. Ich war ja schließlich dafür im Gefängnis."

Eineinhalb Wochen im Gefängnis

"Die Geheimpolizei kam um zwei Uhr morgens, um mich zu holen. Schlug gegen die Tür. Ich hatte das Verbrechen begangen, das Auto meines Bruders zu fahren. Genauer gesagt bestand das Vergehen darin, als Frau am Steuer gesessen zu haben."

Im Mai 2011 sitzt Manal al-Sharif eineinhalb Wochen lang in einer stinkenden, von Kakerlaken wimmelnden Gefängniszelle. Und das, obwohl es in Saudi-Arabien gar kein offizielles Gesetz gibt, dass Frauen das Autofahren verbietet. Aber die Machthaber fürchten einen Sittenverfall und Manal al-Sharif selbst, weil sie ihre Fahrt gefilmt und das Video ins Internet gestellt hat, um andere Frauen zu ermutigen. "Women2Drive", die Kampagne der Aktivistin, sorgt in Saudi-Arabien und in den internationalen Medien für Aufsehen. Al-Sharif erhält später internationale Preise.

"Mein Gott, ist das schön! Kunst! Wir haben keine Museen."

In der Dachgeschosswohnung des Kunstsammlers Christoph Müller blickt Manal al-Sharif gebannt auf eine mit Gemälden tapezierte Wand: dänische Malerei aus dem 19. Jahrhundert. Als Kind liebte es Manal zu malen. Aber in der Schule in Mekka wurde genau überwacht, was sie malte:

"… die Interpretation der islamischen Gesetze durch den saudischen Klerus verbietet die Darstellung von Menschen. Oft habe ich versucht, die Grenzen dieses Verbots auszutesten. Meine lächelnden Früchte hatten öfter mal menschliche Hände und Füße. Aber meistens nahmen mir meine Lehrerinnen die Zeichnungen weg und warfen sie zerrissen in den Papierkorb."

Also malte sie zu Hause im Verborgenen Menschen und Tiere. In ihrem hochspannenden Buch "Losfahren" schildert die Aktivistin nicht nur ihren Kampf für das Recht der Frauen, Auto zu fahren. Vielmehr zeigt sie anhand ihrer eigenen Biografie die allgemeine Ungleichbehandlung der Frau in diesem salafistisch geprägten Staat auf. Wie Frauen und Männer durch getrennte Eingänge in die Wohnhäuser gehen, wie die Frauen zur Vollverschleierung genötigt werden. Wie Frauen sexuell belästigt und von ihren Männern geschlagen werden.

Beschimpft, geschlagen und belästigt

Manal al-Sharif hat zwei Narben auf der Stirn, eine weitere unter einem Auge. Mahnmale gewalttätiger Übergriffe ihrer Eltern.

"Ich erinnere mich an zwei. Als ich sieben war, hat mir mein Vater meine Nase gebrochen, indem er mir das Fahrrad meines Bruders ins Gesicht geschleudert hat. Und die Narbe hier stammt von einer Holzschachtel für Taschentücher, die meine Mutter nach mir geworfen hat. Ich bin aber nicht mehr wütend auf sie. Ich liebe meine Mutter und meinen Vater. Ich musste ihnen vergeben. Zuerst einmal mir selbst zuliebe. Wütend zu sein, heißt nämlich, eine große Last mit sich herumzutragen."

Die saudische Frauenrechtlerin Manal al-Sharif (picture alliance / dpa / Filip Singer) Die saudische Frauenrechtlerin Manal al-Sharif (picture alliance / dpa / Filip Singer)

Man kommt beim  Lesen von "Losfahren" nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wie kann diese Frau, deren Eltern dafür sorgten, dass ein Friseur mit Schere und Faden ihr Genital verstümmelte, noch Liebe für sie empfinden? Wie konnte sie bis heute eine tiefgläubige Muslimin bleiben und so klar trennen zwischen dem Islam und der pervertierten Interpretation durch salafistische Prediger, die auf die jugendliche Manal wie eine Gehirnwäsche wirkte?

"Ein saudischer Scheich formulierte es in einem Vortrag so: ‚Wenn dein Mann eine eitrige Verletzung hat und du den Eiter aus seiner Wunde saugst, ist das noch viel weniger, als er mit Recht erwarten kann.‘"

"Ich wollte eine gute Muslimin sein, wollte die muslimische Welt verbessern. Und da sagte man mir, ich solle bei mir selbst anfangen und bei den Menschen in meiner Nähe. Also habe ich unter anderem die Musikkassetten meines Bruders zerstört: Ich habe sie im Ofen schmelzen lassen oder sie mit Predigten überspielt. Ich habe auch meine eigenen Zeichnungen und meine selbstgemalten Bilder weggeworfen. Das sage ich jetzt, da ich hier von all diesen Gemälden und Zeichnungen umgeben bin. Sie haben uns gesagt, so etwas sei haram, verboten."

Nur ein erster Schritt auf einem langen Weg

Die Bildung und die sozialen Medien machten aus der Salafistin Manal al-Sharif nach und nach eine Frauenrechtlerin. Sie hatte den besten Schulabschluss in Mekka, studierte Informatik, war erfolgreich im Beruf, ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden, der sie vor dem gemeinsamen Kind verprügelte, arbeite ein Jahr in den USA, wo sie sich emanzipierte und das Kopftuch ablegte. Während des Arabischen Frühlings entdeckte sie, dass auch sie eine eigene Stimme hatte. Sie diskutierte auf Facebook und startete ihre Kampagne "Women2Drive", wurde als "Schlampe" beschimpft, erhielt Morddrohungen und musste das Land verlassen. Als nun am 26. September aus Saudi-Arabien die Nachricht kam, ab Juni 2018 dürften auch Frauen Auto fahren, war Manal al-Sharif schon mit ihrem zweiten Mann und dem gemeinsamen Sohn nach Australien gezogen. Die Nachricht erreichte sie um 5 Uhr früh, als der Rest der Familie noch schlief.

"Erstmal konnte ich es nicht glauben. Wir haben 27 Jahre darauf gewartet. Ich habe vor Freude geweint. Ich war so glücklich und hatte nicht mal jemanden zum Umarmen."

Mission erfüllt, könnte man denken. Wenn man Manal al-Sharifs Buch "Losfahren" nicht gelesen hätte:

"Ich werde mich nun nicht auf dem Erfolg ausruhen! Das ist für uns ein positiver Schub, um weiterzumachen. Nicht um uns auszuruhen. Und wenn man ein Recht erkämpft hat, muss man trotzdem noch ein Auge darauf haben. Sobald man sein Gesicht abwendet, wird einem dieses Recht nämlich wieder weggenommen."

Manal al-Sharif: "Losfahren"
Secession Verlag für Literatur, 2017
380 Seiten, 25,00 Euro

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