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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2013

"Man muss nicht alles wissen", sagt die Mama

Jörn Klare: "Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 250 Seiten

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"Wenn es schwer wird, muss man es sich leicht machen." Beschwichtigungen wie diese helfen aber nicht bei Demenz. (AP)
"Wenn es schwer wird, muss man es sich leicht machen." Beschwichtigungen wie diese helfen aber nicht bei Demenz. (AP)

Jörn Klare wollte mehr erfahren über die fortschreitende Demenz seiner Mutter und führte daher 13 Interviews mit Fachleuten. Er spricht in diesem Buch auch über sich selbst und seine Gefühle. Und er lässt die Mutter - es sind Abschriften alter Tonbandaufzeichnungen - aus ihrem Leben erzählen.

Es passiert im Oktober 2009. Der Journalist Jörn Klare besucht seine Mutter im Ruhrgebiet, die, wie er sich einzureden versucht, ein bisschen vergesslich geworden ist. Nach dem Essen möchte sie die Teller in die Küche tragen - und steht ratlos im Flur.

In diesem Moment sei er aufgewacht, schreibt Jörn Klare in seinem neuen Buch "Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand". Mit Ängsten und Überforderung kämpfend, macht er sich auf Spurensuche und geht in dreizehn Interviews - eine Alternswissenschaftlerin, ein Sozialarbeiter, ein Jurist, ein Theologe, ein Philosoph, ein Psychologe sind unter seinen Gesprächspartnern - wichtigen Fragen auf den Grund: Was hat es medizinisch mit dieser Krankheit auf sich? Wie fühlt sich das Vergessen von innen an? Vor welchen Herausforderungen steht die Pflege in Deutschland? Wie steht es um die Menschenwürde von Patienten, die dem Dunkel des Vergessens entgegen treiben?

Die vielen Stimmen fließen zu einem vielschichtigen Bild des Phänomens Demenz zusammen. Immer wieder schimmert dabei auch Hoffnung auf: Dass es Gesunden und Kranken möglich sein könnte, den gegenwärtigen Moment zu teilen, geleitet vom "leiblichen Gedächtnis", dessen Bedeutung, auch in menschenrechtlicher Hinsicht, der Philosoph Thomas Fuchs in einem der beeindruckendsten Gespräche des Buches betont. Lächeln, singen, tanzen, Haut an Haut spüren - das ist tiefer im Menschen verankert als jede kognitive Reflexion.

Ein Pflegebedürftiger wird in Euskirchen bei Köln von einer Altenpflegerin gefüttert. (AP)In Deutschland leben heute etwa 1,3 Millionen Menschen mit Demenz. (AP)Wie das Gedächtnis seiner Mutter fällt auch das Buch in Mosaikstücke auseinander. In einem zweiten Erzählstrang erzählt der Autor von seinem Erleben der Krankheit und den damit einhergehenden Herausforderung. Etwa die umherirrenden Gefühle seiner Mutter nachzuempfinden; vom Augenblick, als sie ihn nicht mehr erkennt; von der mühsamen Suche nach einem Heim, das mehr als kostendeckende Menschenverwaltung betreibt. Schmerzhaft offen berichtet Jörn Klare auch von seinen eigenen Unzulänglichkeiten: Obwohl er es besser weiß, kann er sich nicht abgewöhnen, die lückenhaften Erinnerungen seiner Mutter mit kritischen Nachfragen zusätzlich zu erschüttern.

Kursiv eingestreute Passagen liefern den dritten Erzählstrang. Es sind die Mitschriften alter Tonbandaufzeichnungen, in denen Klares Mutter aus ihrem Leben erzählt, aufgeräumt und munter. Ein bescheidenes Leben am Rande des Sauerlands, gezeichnet durch Armut und Krieg, Heirat und Kinder, Haushalt und einem hartnäckigen Willen zum aufrechten Gang.

Haltung bewahren, auch wenn es eng wird - bis zur letzten Buchseite, wenn die alte Frau nicht einmal mehr sich selbst erkennt, wird ihr Wille zur Haltung, den Schicksalsschlag Demenz abfedern, auch für ihre Angehörigen. "Man muss nicht alles wissen." - "Was fragst du mich?" - "Wenn es schwer wird, muss man es sich leicht machen." Die Jahrzehntelang geübten Beschwichtigungsformeln bieten keinen schlechten Schutz inmitten der geistigen Erosion. Eine starke Frau. Ein starkes Buch.

Besprochen von Susanne Billig

Jörn Klare: "Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand - Vom Wert des Lebens mit Demenz"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
250 Seiten; 17,95 Euro

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