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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.12.2010

"Man muss ja lernen, über diese Krankheiten zu reden"

Historiker Wellach über psychische Erkrankungen und seine Magdeburger Ausstellung "Dämonen und Neuronen"

Peter Wellach im Gespräch Klaus Pokatzky

Depressionen gelten immer noch als gesellschaftliches Tabu-Thema. (AP)
Depressionen gelten immer noch als gesellschaftliches Tabu-Thema. (AP)

Die Magdeburger Schau "Dämonen und Neuronen" setzt sich mit psychischen Krankheiten auseinander. Das größte Problem sei, dass solche Krankheitsbilder immer noch mit Tabus belegt seien, sagt Ausstellungsmacher Peter Wellach – und erklärt das Konzept der Schau.

Klaus Pokatzky: Wenn wir uns einmal die fünf häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisungen ansehen, dann gehören dazu Geburten, und die vier anderen sind psychische Erkrankungen aller Art, und die führen auch zu den längsten Krankenhausaufenthalten. Wer nach einem Motorradunfall mit einem gebrochenen Bein ins Krankenhaus eingeliefert wird, der erzählt später vielleicht gern darüber. Doch der Umgang mit den psychischen Krankheiten gilt bis heute als Tabu. "Dämonen und Neuronen" heißt die Wanderausstellung, die dieses Tabu durchbrechen will. Gestaltet hat sie der Historiker Peter Wellach, den ich nun im Studio begrüße – guten Tag, Herr Wellach!

Peter Wellach: Guten Tag!

Pokatzky: Morgen wird die Ausstellung im Magdeburger Landtag eröffnet, und das macht der Schirmherr, der Sänger Herbert Grönemeyer. Wie haben Sie den denn als Schirmherren gewonnen?

Wellach: Herbert Grönemeyer engagiert sich ja nun auch öfter mal gesellschaftlich, und der Mitkurator, Professor Tögel, ist ein guter Freund von Herrn Grönemeyer, und so haben sich die Kontakte aufgebaut zu Herrn Grönemeyer. Und ihm liegt das sehr am Herzen, dass Schwellenängste gerade gegenüber diesen Krankheiten oder Störungen, wie man sie ja auch nennt, abgebaut werden.

Pokatzky: Das heißt, diese Ausstellung richtet sich gerade auch an uns, die sogenannten Normalen?

Wellach: Ja, aber ganz sicher soll sie das, natürlich. Man muss ja lernen, über diese Krankheiten zu reden. Das ist halt immer das größte Problem, besonders auch in Deutschland, dass die Krankheitsbilder oder psychiatrische Störungen immer noch mit Tabus belegt sind und eigentlich niemand gerne drüber redet, wenn er beispielsweise mal depressiv war, was ja eigentlich eine normale Krankheit ist wie Husten und Schnupfen auch.

Pokatzky: Was bieten Sie den Besuchern?

Wellach: Wir versuchen, die Besucher eigentlich mal heranzuführen, woher kommt überhaupt die Einschätzung psychisch krank, also woher, in welchen Gesellschaftsformen, ein bisschen gesellschaftsvergleichend natürlich auch aus der Geschichte heraus, das liegt ja in der Natur der Sache ...

Pokatzky: Woher kommt sie?

Wellach: Na ja, woher kommt sie? Das hat mit übersinnlichen Dingen zu tun, darum nennen wir das ja auch ein bisschen spielerisch "Dämonen und Neuronen". Also das heißt, eigentlich das Somatische oder Medizinische als Hintergrund, nämlich die Neuronen, und natürlich auch das, was man immer so ein bisschen als die weichen Faktoren einer psychischen Krankheit ansieht, nämlich, wir nennen das Dämonen, und das hat natürlich viel mit unserem christlichen Hintergrund zu tun, aber natürlich auch schon vorchristliche Ursachen.

Pokatzky: Und was bieten Sie da jetzt an Exponaten?

Wellach: Es soll ja eine Wanderausstellung sein, das heißt, wir können natürlich nicht mit großen kulturhistorischen Leihgaben aus irgendwelchen Museen auf Wanderschaft gehen, das heißt, es wird viel Medieneinsatz geben. Wir haben versucht, zum Beispiel in Griechenland – nur um ein Beispiel zu nennen – mal dieses Heiligtum Epidaurus, Asklepios-Heiligtum, mit einem Modell nachzubauen und mehr oder weniger 3D-Simulationen zu machen, wie sozusagen ein Kranker in Griechenland durch so eine – heute würde man Sanatorium sagen – hindurch geht, und die Leute können sozusagen mal das nachvollziehen, wie man in Griechenland mit solchen Auffälligkeiten umging. Zum Beispiel Tempelschlaf und solche Dinge, wo dann eben auch schon, was dann irgendwann mal Herr Sigmund Freud in wissenschaftliche Bahnen geführt hat, so was wie Psychoanalyse nachher gemacht wurde, wenn man das mal so bezeichnen will.

Pokatzky: Also da wurde das durchaus dann mithilfe "ärztlicher Mittel", in Anführungsstrichen, versucht zu beheben und nicht so mit dieser Brachialgewalt, wie wir sie aus dem Exorzismus der katholischen Kirche kennen?

Wellach: Nein, nicht wirklich. Wir haben natürlich – es ist immer ein schwieriges Thema ... Was hat eigentlich verhindert, dass es einen wissenschaftlichen Zugriff früher gab auf diese Art von Krankheiten, was wahrscheinlich im westlichen Europa eher sagen kann, dass das eigentlich mit der Französischen Revolution losging, wo man dann eben diese gestörte Beziehung zu Gott mal ein bisschen zurückstellte, was ja dann immer gerade in der katholischen Kirche als Grund genannt wird, um psychisch krank einzuschätzen. Das heißt, der Dämon, der in einen hineinfährt, den man in irgendeiner Weise austreiben muss, und dann ist alles wieder gut. Und die Jünger von Jesus Christus wurden ja eigentlich auch als Dämonenaustreiber von Christus irgendwann mal oder von Jesus irgendwann mal gesalbt, und dem ist man auch sehr lange treu geblieben, zumindest in Europa. Diese Dinge, die man vielleicht in Griechenland oder wir gehen sogar noch weiter zurück, als man in Ägypten schon mal gedacht hat, sehr schnell vergessen, was im Islam nicht unbedingt der Fall war.

Pokatzky: Sondern im Islam, wie ist man da umgegangen mit "Besessenen", in Anführungsstrichen?

Wellach: Besessenheit ist ja zum Beispiel auch schon so ein Wort aus der christlichen Lyrik dazu. Also die wurden da als normale Kranke gesehen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass im Koran diese Gestörtheitsbeziehung nie wirklich Thema ist, sondern es gibt da eine Sure, die vierte Sure, glaube ich, da geht es darum, wie soll man mit den Schwachsinnigen umgehen – so werden sie da wohl genannt. Und da gibt es ganz klar den Auftrag, dass man die pflegen soll und gut behandeln soll.

Pokatzky: Warum sind psychische Krankheiten bei uns immer noch mit diesem Tabu belegt, ist das auch die christliche Tradition?

Wellach: Na ja, wenn man böse sein will, würde man das vielleicht so sagen, aber es hat natürlich in Deutschland vielleicht noch einen anderen Grund, warum man ungerne – sagen wir es mal so – in der Öffentlichkeit diese Thematik behandelt und was wir ja gerne abstellen wollen würden, hat sicherlich auch mit dem, wenn man so will, mit diesem Sündenfall der Euthanasiepolitik im Dritten Reich zu tun, wo natürlich das Schlimmste passiert ist, was passieren kann, dass Schutzbefohlene von denjenigen, zu denen man geht, sozusagen eigentlich getötet wurden und das auch noch mehr oder weniger mit politischen Auftrag und sehr preußisch akkurat.

Und das hat natürlich zu Schweigen geführt, gerade in der psychiatrischen Gilde, lange Zeit. Und eigentlich bis in die 70er-Jahre hinein könnte man sagen, hat sich auch nach dem Krieg nicht so viel verändert, außer natürlich, dass man natürlich nicht mehr die Kranken umgebracht hat. Aber die Thematik, was ist Psychiatrie für die Gesellschaft, kam eigentlich erst wieder in Diskussion mit der Psychiatrie-Enquete, die dann irgendwann mal aus der Politik eigentlich hervorging.

Pokatzky: Der Historiker und Ausstellungsmacher Peter Wellach zur Wanderausstellung "Dämonen und Neuronen", die morgen eröffnet wird. Herr Wellach, das ist ja eine unglaubliche Zeitspanne: Wenn wir die Ägypter meinetwegen 2000, 3000 vor Christus nehmen, wenn wir denn jetzt gehen bis hin Euthanasie während des Nazireiches, dann hinterher die nicht aufgearbeitete Vergangenheit genau dieser Psychiater, die ja in der Bundesrepublik dann weiter praktiziert haben, einer der dunklen Flecke, wenn es um die Aufbereitung unserer Nazivergangenheit angeht – wie packen Sie das alles zusammen, gibt es da Schwerpunkte?

Wellach: Ja, es gibt sicherlich Schwerpunkte, und wir können auch diese ganzen Themenblöcke natürlich nur anreißen. Eigentlich nennen wir diesen Bereich, der sich um die Geschichte der Psychiatrie kümmert oder um die Geschichte des Umgangs mit psychisch Kranken, auch Prolog, und der Hauptteil ist eigentlich das, was wir auch besonders wollen, nämlich aufklären über Krankheitsbilder. Also das heißt, es gibt immer kleine Themeninseln, wo man angeregt wird, drüber nachzudenken, wie geht man eigentlich um oder wie ging man um. Hat es vielleicht auch in der Vergangenheit etwas gegeben, wo man schon mal interessanter damit umging oder besser, wie auch immer man das sehen will. Und in dem Hauptteil stellen wir eigentlich auch noch die wichtigsten Krankheitsbilder vor, das heißt Depressionen, Schizophrenie und so was, und wollen eigentlich auch ein bisschen Orientierung geben, wie werden die heute behandelt, wie sind die Diagnosen dafür.

Und dieser Prolog ist eigentlich eine Heranführung und ein Mündigmachen von den Besuchern, um dann am Ende das einschätzen zu können, wie man heute – oder zumindest ein bisschen einschätzen zu können – wie man heute mit den Krankheitsbildern dann umgeht. Also woher kommt dieser Umgang mit den heutigen Krankheitsbildern, die man dann antrifft um sich herum.

Pokatzky: Mit welchen Mitteln machen Sie das?

Wellach: Wir haben Patienteninterviews geführt zusammen mit dem SALUS-Institut in Sachsen-Anhalt, die ja dann eigentlich der Auslöser dieser Ausstellung waren. Mit Herrn Professor Tögel und seinem Institut haben wir versucht, kranke oder geheilte Patienten zu finden, die über ihre Krankheiten erzählen, und wir stellen natürlich auch Promis vor, wenn man so will. Also Beckham ist in der Ausstellung, der eine Zwangsstörung hat, oder ...

Pokatzky: Welche?

Wellach: Na ja, er muss zum Beispiel immer seine Cola-Dosen in seinem Kühlschrank aufräumen oder er saugt sein ...

Pokatzky: Ist das eine Zwangsneurose? Ich räume bei mir im Kühlschrank auch auf.

Wellach: Aber vielleicht nicht immer in Sechserreihen.

Pokatzky: Vielleicht ist er militärisch geprägt?

Wellach: Ja, genau, vielleicht ist er das, und er muss seinen Teppich – sie haben irgendeinen Langflorteppich, so beschreibt er das in einem Interview, was wir da zeigen – wie den Wembley-Stadion-Rasen saugen und solche Dinge kommen da vor. Oder Prinzessin Diana …

Pokatzky: Aber Entschuldigung, das ist doch vollkommen harmlos, das heißt, es gibt im Grunde da so einen Graubereich dann zwischen richtig heftig krank und sagen wir mal Marotten, Macken ...

Wellach: Das ist genau die Fragestellung: Wo fängt es an, dass sozusagen die Umgebung das ernst nimmt, was man da hat? Das ist natürlich bei Beckham ein ganz großes Problem, die lachen sich natürlich auf Deutsch gesagt alle tot in diesen Interviews, wenn er das sagt, aber es ist für ihn sozusagen eine Belastung täglich. Wenn er in ein Hotelzimmer kommt, muss er dieses Hotelzimmer vollständig neu aufräumen.

Und wir haben dann auch so einen ganz interessanten Beitrag von Herrn Maragall, das ist der frühere katalonische Präsident und Bürgermeister von Barcelona – Olympia-Bürgermeister, so wird er genannt –, da geht es um Demenz. Der hat sich dann, als bei ihm die Krankheit ausbrach, zwei Jahre lang durch einen Dokumentarfilmer begleiten lassen, und da ist ein sehr schöner Film entstanden, da zeigen wir ein bisschen was raus und lassen ihn sprechen dazu. Also da ist ein Medieneinsatz über diese Promis, wo man – auch Ronald Reagan ist Teil der Ausstellung – wo man halt zeigen kann, man kann drüber reden, ohne abzustürzen.

Und das ist halt ganz wichtig in der Ausstellung: Man darf drüber reden, über das, was man hat. Und dann geht es halt auch darum, was sind die Diagnosen, was für Therapien gibt es. Und da sind wir in einer Psychiatrieklinik in (…) gewesen und haben da mal mit Patienten gezeigt, was ist Psychotherapie, was ist Physiotherapie, und dann kann man sich mit diesem Thema – zumindest meinen wir das – gut beschäftigen.

Pokatzky: Danke, Peter Wellach, Historiker und Ausstellungsmacher. Seine Wanderausstellung "Dämonen und Neuronen" wird morgen eröffnet vom Schirmherrn Herbert Grönemeyer im Landtag von Magdeburg, und für die Öffentlichkeit ist die Ausstellung dann im Magdeburger Landtag zu sehen vom 20. Dezember, also vom Montag ab, bis zum 28. Februar 2011, und zwar jeweils montags bis freitags von 8:00 bis 18:00 Uhr.

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