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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.09.2011

"Man muss die Gefahr halt riechen"

Kriegsfotograf Dominic Nahr über die Arbeit in Krisengebieten

Dominic Nahr im Gespräch mit Susanne Führer

Fotografen müssen sich bei bewaffneten Konflikten gefährlichen Situationen stellen. (AP)
Fotografen müssen sich bei bewaffneten Konflikten gefährlichen Situationen stellen. (AP)

Um bewegende Bilder aus den Krieg machen zu können, müsse man mit Herz und Seele an der Geschichte dran sein - trotz großer Gefahr, sagt Dominic Nahr. Er ist einer von neun Kriegsfotografen der Agentur "Magnum", die ab morgen im NRW-Forum Düsseldorf ausstellen.

Susanne Führer: Morgen eröffnet im NRW-Forum Düsseldorf die Ausstellung "Frontline – die Macht der Bilder". Frontline heißt auf Deutsch Front, und um Bilder von der Front handelt es sich, um Kriegsfotografien. Es werden Fotos von neun Fotografen der Agentur "Magnum" ausgestellt, darunter Bilder der "Magnum"-Gründer Robert Capa, George Rodger, Henri Cartier-Bresson und David Seymour, und es werden Bilder von fünf jungen "Magnum"-Fotografen zu sehen sein, darunter auch die Fotos des 28-jährigen Dominic Nahr. Guten Tag, Herr Nahr!

Dominic Nahr: Guten Tag!

Führer: Sie waren schon im Kongo, im Sudan, nach dem Erdbeben in Haiti und während der Revolution in Ägypten. Was zieht Sie eigentlich in diese Krisen-, in diese Kriegs- oder auch Konfliktgebiete?

Nahr: Es ist sehr schwer zu erklären. Ich glaube, ich gehe dahin, um die Informationen und die Geschichte für meine eigenen Augen zu sehen und dann halt mit der Kamera versuchen zu erklären, was wirklich da passiert. Ich glaube, ich kann es nicht einfach im Fernseher oder übers Radio hören oder sehen, ich muss da sein und für meine eigenen Augen sehen, wie das alles geschieht und warum.

Führer: Aber warum gerade Krisen, Kriege?

Nahr: Es hat schon früh angefangen. Als ich sehr jung war, habe ich einfach immer Fernsehen geguckt, BBC oder CNN oder Al Dschasira, und ich wollte halt immer da sein, ich habe keine Ahnung warum. Und sobald man da ist, merkt man, dass man da ist für einen Grund, und mein Grund war halt, die Geschichte so gut wie möglich zu erzählen durch Fotografie.

Führer: Wenn Sie in so einem Krisengebiet sind, wie arbeiten Sie da eigentlich? Haben Sie bestimmte Regeln für sich aufgestellt, Arbeitsregeln, Vorsichtsmaßnahmen?

Nahr: Ja, natürlich ist man sehr viel mehr aufmerksam auf die Situation, jede Stunde, jede Minute, wo man schläft, wie man sich bewegt, mit wem man Kontakte hat. Ich war gerade in Mogadischu, in Somalia, und da zu arbeiten ist sehr, sehr schwer, und wir müssen Bodyguards haben und man kann nicht überall hingehen, wie man will, und man kann nur kurz da bleiben. Also man hat für jeden Ort oder jedes Krisengebiet halt andere Sachen, die man aufpassen muss.

Führer: Sie sind ja noch ziemlich jung und damit ja auch logischerweise noch nicht so erfahren wie die alten Hasen, die ja manchmal sagen, sie können die Gefahr schon riechen, also die können so Situationen einschätzen. Sind Sie sich denn dieser Gefahr bewusst?

Nahr: Ja, schon, aber ich mache das jetzt seit 2006, also jetzt schon fünf Jahre, und ich glaube, es ist irgendwie so ein Instinkt. Ich meine, man lernt von jeder Situation neue Sachen, aber ich glaube auch, ich habe mich am Anfang sehr nah mit älteren Kriegsfotografen zusammengestellt, als wir die Story fotografiert haben, und einfach von denen gelernt, wie man sich bewegt und was man macht. Und ich habe immer sehr viele positive Sachen von denen bekommen, und die haben auch gesagt, man sieht die Gefahr nicht, man hört die Gefahr manchmal nicht, aber man muss die Gefahr halt riechen. Und die haben das gesagt, dass ich das schon früher gehabt habe.

Führer: Und welche Story war das, die Sie mit den älteren zusammen gemacht haben?

Nahr: Also im Kongo schon, die Stories vorher war ich immer alleine, also ich habe das … in Gaza oder in East Timor, da war ich immer alleine, und Kongo war das erste Mal, wo ich mit sehr experiencten Kriegsfotografen zusammen war, …

Führer: Mit erfahrenen …

Nahr: … ja, mit erfahrenen Kriegsfotografen zusammen war.

Führer: Von Robert Capa stammt ja der berühmte Satz "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann bist du nicht nah genug dran." Hat er recht?

Nahr: Ja, ich glaube, am Anfang dachte ich, er meinte Distanz, also man muss so nah wie möglich mit der Kamera zum Subjekt sein, aber ich glaube auch, ich habe wieder darüber nachgedacht und dachte, auch mit der Seele und mit dem Herz nah sein, nicht nur physical, aber auch mental so nah wie möglich zur Story sein.

Führer: Also nicht körperlich direkt einen Meter davor, sondern eben auch mit dem Herzen, der Seele.

Nahr: Ja.

Führer: Ich meine, so Kriegsfotografen haben ja einen ambivalenten Ruf, zum einen sagt man, Mensch, toll, wie mutig die sind und toll, dass die uns das zeigen, was Schlimmes passiert, aber andererseits sagt man auch, es ist ja auch wirklich verrückt da hinzugehen, wo eigentlich die Menschen, die da sind, eigentlich alle weg wollen.

Nahr: Ja, ich meine, ich wusste noch, in Haiti, ich bin nach dem Erdbeben gleich da angekommen und wir haben gehört, das wäre so (… unverständlich), und der erste Schuss ging ab und ich natürlich runter und habe mich umgedreht und fange an zu rennen wie alle anderen. Und dann musste ich mich irgendwie so anhalten, so "Wait, Dominic", erst mal aufstehen und gucken, was überhaupt hier los ist. Und ich glaube, viele Leute würden einfach wegrennen, aber wir müssen mal dastehen und erst mal gucken, was überhaupt passiert: Wo ist der Schuss abgegangen, ist er in unsere Richtung? An wen, wieso? Und ich glaube, das hat viel zu tun mit was wir machen, dass wir … wir müssen stehen bleiben und wirklich gucken, was überhaupt passiert und dann eben das auch dokumentieren, nicht einfach wegrennen.

Führer: Man kann natürlich auch sagen, es ist zynisch, dann auf den Auslöser zu drücken, wenn man doch eigentlich vielleicht eher helfen sollte.

Nahr: Ja, ich habe … manchmal war es schon mühsam, zu fotografieren, aber ich weiß genau, dass wenn ich das Foto nicht gemacht hätte, dann wäre die Aktion, die da passiert ist, nie dokumentiert worden, das wäre vergessen. Und ich weiß nicht, ob Leute meine Bilder da gesehen haben und ob sie verstanden haben, was da passiert ist, aber für mich war das klar, dass ich jetzt nicht mehr helfen kann, aber was ich noch machen kann, ist dokumentieren, dass das überhaupt geschehen ist in einem Platz, wo niemand irgendwie aufpasst.

Führer: Und wie verarbeiten Sie das, was Sie an Elend und Leid und Gewalt gesehen haben, Herr Nahr?

Nahr: Ich glaube, man muss eine spezielle Person sein, um das zu machen. Es geht irgendwie so in meinen Kopf rein und dann bleibt es mal da, und dann irgendwann kommt es wieder raus, aber man muss es einfach kontrollieren und wissen, warum man da ist. Und ich glaube, sobald man vergisst, warum man für das kämpft, dann wird es ein bisschen mühsam, aber für mich ist das wirklich, dass man für die Geschichte kämpfen muss.

Führer: Aber verfolgen Sie die Bilder nicht manchmal?

Nahr: Nein, mehr so der Geruch oder das Gefühl verfolgt mich.

Führer: Es gibt ja ein berühmtes Beispiel eben von George Rodger, also einem der "Magnum"-Gründer, der war ja einer der ersten Fotografen, der im April 1945 das KZ Bergen-Belsen betreten hat, und heute würde man sagen, er hat dort ein Trauma erlitten, er hat danach dann nie wieder Kriegsfotografie gemacht.

Nahr: Ja, ich kann schon sehen, wie das passieren kann. Manchmal muss ich auch Pause machen oder ich will die Kamera überhaupt nicht anfassen und ich will auch nicht mit irgendjemandem reden. Und dann verstecke ich mich für ein paar Tage oder paar Wochen. Ich meine, jeder hat seinen eigenen Weg, wie man das durcharbeitet. Ich habe meinen Weg noch nicht ganz so richtig hingekriegt, aber wie gesagt, hoffentlich kommt das mit der Erfahrung.

Führer: Deutschlandradio Kultur, ich spreche mit dem Fotografen Dominic Nahr über Kriegsfotografie. Manche dieser Kriegsfotos sind ja wirklich zu modernen Ikonen geworden, Herr Nahr, also Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg zum Beispiel oder auch aus Vietnam. Aber wie ist denn das heute? Gehen da die Fotos nicht in diesem allgemeinen Medienrauschen unter?

Nahr: Ja, es ist anders heutzutage. Ich meine, früher gab es nicht so viele Fotografen und die Fotografen, die dann die Bilder rausgeschickt haben, haben auch dann nicht so viele Bilder rausgeschickt und es war ein sehr langsamer Prozess. Und jetzt mit Internet oder Satelliteninternet können Fotografen irgendwo Bilder schicken und aus Szenen wie Ägypten oder Libyen kommen tausende von Bildern am Tag raus. Und wie kriegt man ein ikonisches Bild, wenn man tausende Bilder sieht? Für mich, ich habe sehr Glück, dass ich oft jetzt als "Time"-Fotograf fotografiere, und ich glaube, viele Leute lesen auch das Magazin und gucken die Bilder an, und hoffentlich bleiben ein paar Bilder stecken im Gedächtnis.

Führer: Es sind ja nicht nur die Fotografen, die diese vielen Bilder liefern, sondern noch … heute sind das ja die Beteiligten, also Handyfotos, oder man denke an diesen kleinen Film auf YouTube über die Neda, die in Teheran erschossen wurde, zig-millionenfach angeklickt.

Nahr: Ja, und ich glaube, YouTube und so Phone-Generation ist jetzt schon wahnsinnig, und Twitter und alles, und es ist ein neuer Weg, Informationen zu kriegen. Man muss sich immer noch überlegen, ob das jetzt überprüfbar ist. Man sieht so viele Fotos von beiden Seiten, man weiß halt nie ganz genau, ob das jetzt echt ist oder nicht echt ist, meiste Zeit ist es, aber es ist halt schwer zu sagen. Und als Fotojournalist müssen wir halt schon einen ethical code behalten.

Führer: Also ethische Verhaltensregeln.

Nahr: Ja, ethische Verhaltensregeln. Und auch als Fotograf, der nicht von da ist, können wir uns auch viel leichter zwischen beiden Seiten bewegen.

Führer: Herr Nahr, Sie sitzen heute Abend auch auf dem Podium, wenn eben am Vorabend der Ausstellungseröffnung darüber diskutiert wird, ob Bilder Kriege und Krisen beeinflussen können, beschleunigen oder vielleicht sogar beenden können. Was meinen Sie?

Nahr: Ja, für mich war schon seit Anfang an sehr wichtig einfach, die Ereignisse zu fotografieren, dass sie für die Geschichte dokumentiert sind. Ich hatte einen Geschichtslehrer in der Schule, und die haben immer gesagt, Geschichte kann man nicht gleich analysieren, es braucht Jahre und Jahre, bis man das richtig verstehen kann. Und für mich war das schon da klar, dass ich vielleicht diese Fotos nicht für jetzt fotografiere, aber vielleicht für 50 Jahre.

Führer: Aber das heißt ja, dass Sie nicht glauben, dass die heute eine Wirkung haben können, also ich denke jetzt an den Vietnamkrieg, wo ja die Fotos aus dem Vietnamkrieg auch eine große Rolle gespielt haben dafür, um in den USA die Menschen zu mobilisieren, dagegen auf die Straße zu gehen.

Nahr: Also ich glaube, zum Beispiel jetzt für den Arab Spring, ich glaube, die Bilder haben schon einen Effekt gehabt für die anderen Länder …

Führer: Jetzt während der arabischen Rebellion.

Nahr: … ja, wegen der Arabischen Revolution, weil ich glaube, andere Länder haben dann auch gemerkt, dass die Medien interessiert sind und dass das auch klappt. Und als Ägypten, Mubarak fertig war, ich glaube, dann haben die anderen auch gesehen, dass vielleicht durch internationale Medien, dass das klappt, und hat denen einen Push gegeben, auch ihre eigene Revolution zu machen.

Führer: Welche Bilder werden denn von Ihnen in der Ausstellung jetzt in Düsseldorf zu sehen sein?

Nahr: Meine Bilder sind von Ägypten. Ich war da so bevor es richtig losging und blieb, bis Mubarak vom Platz gegangen ist.

Führer: Der Fotograf Dominic Nahr, morgen öffnet im NRW-Forum Düsseldorf die Ausstellung "Frontline – Die Macht der Bilder" mit Fotos von neuen Fotografen der Agentur "Magnum", darunter eben auch Dominic Nahr. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Nahr!

Nahr: Danke vielmals!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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