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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.06.2011

"Man lebt nur einmal"

Deutsch-amerikanischer Komponist über die Flucht vor den Nazis und seine Konzerte in Berlin

Samuel Adler im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der Komponist Samuel Adler (Deutschlandradio - Christiane Habermalz)
Der Komponist Samuel Adler (Deutschlandradio - Christiane Habermalz)

Im Rahmen einer Ausstellung über die von den Nazis verfemten Komponisten werden auch Werke von Samuel Adler aufgeführt. Der 83-jährige Amerikaner wurde in Mannheim geboren und kommt jedes Jahr mit Schülern nach Deutschland: "Die Versöhnung ist wichtiger als alles andere für mich."

Liane von Billerbeck: Mein heutiger Gast ist so etwas wie ein Jahrhundertzeuge. Samuel Adler, 1928 in Mannheim geboren – eigentlich müsste man sagen: Samuel Adler – in einer jüdischen Familie, hat sich mit seiner Familie nur mit viel Glück und ein paar kleineren und größeren Wundern vor den Nazis nach Amerika retten können. Aus dem Mannheimer Jungen, der früh Geige spielen lernte, wurde ein Musikstudent, der unter anderem bei Herbert Fromm und Paul Hindemith studiert hat und später ein über die USA hinaus gefeierter Dirigent und Komponist.

Über 30 Jahre lang hat Adler an der Eastman School in Rochester, New York unterrichtet, hat Opern, Sinfonien und zahlreiche Orchesterwerke komponiert und viele Schüler in aller Welt musikalisch geprägt. Er gibt bis heute Meisterkurse, gerade in Berlin, und dortin Berlin werden heute Abend einige von Adlers Werken aufgeführt am Holocaustdenkmal im Rahmen einer Ausstellung über die von den Nazis verfemten Komponisten. Samuel Adler, ganz herzlich willkommen!

Samuel Adler: Vielen Dank, sehr schön, hier zu sein!

von Billerbeck: Was ist das für ein Gefühl, wenn jetzt Ihre Musik am Denkmal für die ermordeten Juden Europas gespielt wird – mitten in der deutschen Hauptstadt?

Adler: Natürlich – wir dürfen nie vergessen, was gewesen ist, aber die Versöhnung ist wichtiger als alles andere für mich. Und darum komme ich jedes Jahr nach Berlin und habe auch … ich bringe amerikanische Schüler hierher, um Berlin zu genießen. Nämlich, es ist was ganz anderes geworden. Und darum ist das Holocaust-Museum sehr wichtig. Aber es ist auch wichtig für uns, daran zu denken, dass wir am Leben sind, und wir müssen sehr dankbar sein, dass es so geworden ist.

von Billerbeck: Sie sind Jahrgang 1928, ihr Vater war Oberkantor an der Mannheimer Hauptsynagoge, Ihre Mutter vor ihrer Ehe Amateursängerin und Pianistin, Sie hatten also äußerst musikalische Eltern. Gab es für Sie überhaupt einen anderen Weg als den zur Musik?

Adler: Nein, ich habe nie einen anderen Weg gesehen. Ich liebe Geschichte. Aber Musik war immer die erste Stelle. Und mein Vater war auch Komponist, und besonders, als ich geboren wurde, da hat er viele große Werke geschrieben. Wir haben immer Musik gehabt. Meine Mutter hat gesungen, als ich noch ein Baby war, ich erinnere mich an Schubertlieder und alles das. So ist man aufgewachsen mit dieser Musik. Es war überall Musik, und das war besonders so in der Nazizeit, nämlich, das war so, dass man nirgends hinkommen konnte, nicht in Restaurants gehen oder ins Kino gehen oder irgendwas. Und dann haben wir daheim – das war wirklich eine Familiensache daheim. Und von der Zeit, als ich sieben, acht Jahre alt war, haben wir immer daheim gesungen und gespielt und so weiter. So ist man mit der Muttermilch groß geworden mit den klassischen Sachen.

von Billerbeck: Sie sind aber auch unterrichtet worden von einem Mann, der selber vorher beim Pfalzorchester gearbeitet hat.

Adler: Ja, das war der Konzertmeister vom Pfalzorchester, war Hermann Levi, und als ich hier war in der Armee, das erste deutsche Orchester, das mich gefragt hat, zu dirigieren, war das Pfalzorchester.

von Billerbeck: Das war 1950 bis 52, da waren Sie in der U.S. Army, und waren dann hier stationiert.

Adler: Ja, und es war 51, da habe ich das Pfalzorchester dirigiert und das erste, was ich gesagt hatte: Ich fühle mich in der Familie vom Orchester! Nämlich, ich habe Violinstunden gehabt von eurem früheren Konzertmeister. Und die alten Leute im Orchester, die haben alle geweint. Die haben das so gefühlt, nämlich, der war wirklich ein beliebter Mann und sehr guter Geiger gewesen. So, alles kommt wieder!

von Billerbeck: Aber es gibt ein Datum, das in Deutschland von historischer Bedeutung ist – in mehrfacher Hinsicht: Der 9. November. Und Sie erinnern sich ganz sicher noch an den 9. November 1938, die Pogromnacht. Wie war dieser Tag, diese Zeit?

Adler: Also, ich kann Ihnen ganz genau den Tag schildern, nämlich um zwei Uhr morgens in der Nacht vom 9. bis 10. November war eine große Explosion, und es sind alle aufgewacht und haben das Radio angemacht: Auf dem jüdischen Friedhof war eine Kapelle, die haben sie gesprengt. Und das war das erste, das wir gehört haben vom 10. November, und wir haben ein Wunder in unserem Haus gehabt: Der SS-Standartenführer ist in die Nachbarwohnung von uns eingezogen.

von Billerbeck: Da denkt man, das ist für Juden gefährlich!

Adler: Wir haben gedacht, das ist das Ende! Das war gerade anders, wir haben drei jüdische Familien, es waren früher mehr, er hat gesagt, in meinem Haus wird nichts passieren! Wir haben das natürlich nicht gewusst. Da waren zwei SS vor dem Haus gestanden, und haben natürlich sehr Angst gehabt. An dem Tag haben wir unsere Pässe bekommen. Und mein Vater hat gesagt: Also, ich gehe weg und fahre nach Amsterdam. Ich habe einen Onkel gehabt in Amsterdam, der hat viele Leute gerettet, weil er ein sehr reicher Mann war. Und mein Vater – es war Unsinn, dass er dahin gegangen ist, in seinem Pass war ein "J", und da ist er an die Grenze gekommen, und da haben sie …

von Billerbeck: … ihn verhaftet?

Adler: … seinen Pass gesehen, da haben Sie ihn nach Sachsenhausen …

von Billerbeck: … ins KZ?

Adler: Ins KZ. Wissen Sie, da hat Präsident Roosevelt den amerikanischen Botschafter aus Berlin gerufen und hat gesagt: Mit so Barbaren können wir nichts machen. Und dann haben sie die 100.000 Juden losgelassen aus dem KZ. Und dann ist mein Vater heimgekommen. Weil er ein Kantor war, haben sie ihm gesagt: Wenn Sie in 15 Tagen nicht fort sind, geht es nach Dachau. Gott sei Dank konnten wir dann ein Visa – er war nämlich in Antwerpen geboren, und für Amerikaner war er ein Belgier, kein Deutscher. Und darum … meine Großeltern wollten raus und haben Nummer 42.000 bekommen, und wir haben Nummer 35 bekommen, und darum konnten wir raus.

von Billerbeck: Ein zehnjähriger Jude samt Familie, gerade noch der Verfolgung durch die Nazis entkommen, in Amerika. Sie konnten sich das erste Mal wieder richtig frei bewegen, wie war das? Wie war diese Ankunft in Amerika? Ich glaube, es gibt sogar ein Foto, wo sie als Junge drauf sind, als sie ankommen.

Adler: Ja, die Statue of Liberty angucken, ja? Das war eine wunderbare Sache, wir waren wieder zusammen, wir haben viele Verwandte da gehabt. Aber ich habe Angst gehabt, wegen der Sprache. Alle Leute konnte ich nicht verstehen. Aber nach ein paar Wochen war alles wunderbar. Und dann sind wir in eine kleine Stadt, mein Vater wurde Kantor in Wooster, Massachusetts, das war bei Boston, und da bin ich groß geworden. Und es war ganz anders, zum ersten Mal konnten wir in ein Restaurant gehen und ins Kino, und man hat sich befreit gefühlt, wissen Sie?

von Billerbeck: Gab es etwas, was Ihre Familie, trotzdem Sie geflüchtet sind, musikalisch aus Deutschland mitgenommen haben?

Adler: Natürlich.

von Billerbeck: Das hatten Sie immer im Gepäck?

Adler: Deutsche Musik … und dann – ich war zwölf Jahre alt – mit Herbert Fromm studiert und der war natürlich Dirigent in Bielefeld, und so weiter. Und der war ein Wagnerianer und der hat mich gelehrt, was Wagner ist, und so weiter, und …

von Billerbeck: Hat man da als Jude kein Problem, wenn man jetzt weiß …

Adler: Ich habe kein Problem, das ist Unsinn! Die Musik ist sehr gut, die Philosophie ist sehr schlecht. Und was brauche ich die Philosophie? Das ist alles so …

von Billerbeck: … wunderbar …

Adler: … so wunderbar und sehr verwandt! Und ich habe keinen Grund zum Hass, Wagner war ein großer Komponist, ich habe sehr viel von ihm gelernt, das ist alles, was ich sagen kann!

von Billerbeck: Sie sind in die U.S. Army auch gegangen, 1950, und waren in Europa stationiert, unter anderem in Stuttgart, und haben dort das 7th Army Symphony Orchestra gegründet. Wie haben Sie denn die Deutschen erlebt und was haben Sie gespielt?

Adler: Wir haben alles gespielt, aber ich habe immer in meinen Programmen ein großes amerikanisches Stück gespielt. Niemand kennt die Werke hier! in 90 Städten haben wir gespielt! Ich war ja nur für 9 Monate – aber ich war der erste Dirigent, und wir hatten einen großen Erfolg überall, wo wir waren, und das war ein riesiges Publikum.

von Billerbeck: 1952 sind Sie dann zurück in die USA, haben in Dallas gearbeitet als Chorleiter in der Erwachsenenbildung, waren auch Dirigent in Dallas, dann Professor für Komposition, zuerst im texanischen Denton und seit 1966 dann an der Eastman School of Music, an der Universität in Rochester, sind viel in der Welt herumgereist, haben Meisterkurse gegeben, komponiert und ein ganz umfangreiches Werk geschaffen, Sinfonien, Opern und Orchesterwerke, und jetzt, mit 83 Jahren, geben Sie noch immer Meisterkurse. Sie sind verheiratet in zweiter Ehe, haben zwei Töchter und drei Enkelkinder, habe ich gelesen, seit langem eigentlich im Ruhestand, unterrichten aber bis heute. Gibt es irgendetwas, das Sie unbedingt noch machen wollen, was Ihnen noch fehlt?

Adler: Ich muss Ihnen sagen, ich habe ein sehr gutes Leben. Jetzt schreibe ich ein Stück – ein Violinkonzert. Ich habe schon 16 Konzerte geschrieben. Als ich sehr jung war, habe ich ein kleines Violinkonzert geschrieben, aber das kann ich nicht mehr ausstehen, das habe ich zurückgezogen, und jetzt wollte ich das haben, dass ich ein richtiges Violinkonzert schreibe. Was noch? Ich habe schon vier große Stücke für Mannheim geschrieben, und das war sehr schön, wir gehen nächste Woche nach Göttingen, und die spielen ein Stück, dass ich vor fünf Jahren von Mannheim geschrieben habe, es heißt "Man lebt nur einmal". Das ist eine Tanzsuite. Die Göttinger spielen die nächsten Donnerstag, und wir gehen hin, und das wird sehr schön sein.

von Billerbeck: Und aus diesem Stück hören wir auch ein paar Auszüge bei uns in der Sendung …

Adler: Haben Sie das? Von Mannheim?

von Billerbeck: … ja, wir haben ein Stück daraus …

Adler: … Oh! Gut!

von Billerbeck: Samuel Adler war das, Professor für Kompositionslehre an der Eastman School of Music in Rochester, emeritierter Professor. Danke Ihnen für das Gespräch!

Adler: It’s my pleasure!

Das Konzert mit Werken von Samuel Adler findet am 17. Juni um 19 Uhr im Ausstellungspavillon direkt am Berliner Holocaust-Mahnmal statt.
Die Werke:
Sonata Nr. 2 for violin and piano (1956)
Close Encounters für Violine und Violoncello (1989)
Canto X für Violoncello (1979)
Trio für Violine, Violoncello und Klavier (1964)
Interpreten: Tatjana Blome, Klavier / Wolfgang Bender, Violine / Maria Wiesmaier, Violoncello

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"Es gibt eben immer noch Werke von Komponisten, die man gar nicht kennt"

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