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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.05.2013

"Man darf die Hoffnung nicht aufgeben"

In Deutschland gelten etwa 100 Kinder als langzeitvermisst

Veit Schiemann im Gespräch mit Nana Brink

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Wenn Kinder über ein Jahr vermisst sind, geht man von einem Gewaltverbrechen aus. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Wenn Kinder über ein Jahr vermisst sind, geht man von einem Gewaltverbrechen aus. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Anlässlich des Internationalen Tages der vermissten Kinder erinnert die Kriminalitätsopfer-Hilfsorganisation Weißer Ring an vermisste Kinder und Jugendliche. Der Großteil vermisst gemeldeter Kinder sei am nächsten Tag wieder da.

Nana Brink: Heute ist der Tag der vermissten Kinder, und seit 2003 wird er in Deutschland von der Elterninitiative vermisste Kinder ausgerichtet, und die arbeitet zurzeit gemeinsam mit der Opferorganisation Weißer Ring. Veit Schiemann, Koordinator des Tags des vermissten Kindes in Deutschland, ist vom Weißen Ring und jetzt bei uns. Schönen guten Morgen, Herr Schiemann!

Veit Schiemann: Schönen guten Morgen!

Brink: 50.000 Kinder verschwinden jährlich in Deutschland, die meisten Kinder werden dann innerhalb Gott sei Dank von wenigen Stunden unter Tagen gefunden oder kommen alleine zurück. Laut Bundeskriminalamt gelten aktuell 1.836 Kinder und Jugendliche als vermisst. Das ist eine Zahl, die mir gerade für Deutschland erschreckend hoch vorkommt.

Schiemann: Sie dürfen nicht vergessen, dass das BKA eine sogenannte Tagesstatistik führt, das heißt, die zählen in dieser Statistik die Kinder zusammen, die heute weg sind, morgen ist die Zahl vielleicht wieder ähnlich hoch, aber es sind andere Kinder, weil fast alle sind bis morgen wieder da.

Brink: Trotzdem ist diese Zahl – es sind ja dann immer mehrere Hundert oder mindestens 500 – für ein reiches Land wie Deutschland … dann stellt man sich ja schon Fragen: Wo sind die Ursachen, was bewegt diese Kinder dazu, fortzulaufen, oder sind sie Opfer von kriminellen Verbrechen?

Schiemann: Wir haben tatsächlich verschiedene Aspekte: Eine sehr geringe Zahl der Kinder, so ungefähr von – man geht von 100 aus –, sind Langzeitvermisste, über ein Jahr, da geht man tatsächlich von einem Verbrechenshintergrund aus.

Brink: Und was ist bei den anderen?

Schiemann: Bei den anderen kann es sich um Familienstreitigkeiten handeln, es kann sich handeln um weggelaufene Kinder, die sich mit ihren Eltern oder Freunden gezankt haben, und dann allerdings weniger Stunden, Tage, maximal drei Wochen wieder da sind.

Brink: Weiß man denn zumindest statistisch vielleicht, wann ein Verbrechen zu vermuten ist? Ich könnte mir vorstellen, dass das sehr schwer einzuschätzen ist.

Schiemann: Das ist unheimlich schwer und ist eigentlich bei jedem Einzelfall auch wieder anders einzuschätzen. Es kommt drauf an, welche weiteren Hinweise hat man. Also wenn ein Abschiedsbrief da ist – ihr habt mich geschimpft, ich hau jetzt ab –, dann ist es ziemlich klar. Aber wenn gar kein Hinweis ist, wenn nicht mal eine Spur ist, wenn ein Kind aussteigt aus dem Bus und einfach weg ist, dann beginnt für die Eltern halt auch diese schlimme Zeit der Ungewissheit, und da gibt es so die Pi-mal-Daumen-Regel, dass man nach drei Tagen eigentlich anfängt zu überlegen, ob nicht wirklich ein Kriminalitätshintergrund gegeben sein kann.

Brink: Was bewegt denn Kinder – Sie haben es ja schon ein bisschen angedeutet –, wegzulaufen? Das muss ja schon ein unglaublicher Druck sein, wenn man sozusagen als Minderjähriger oder als Zehnjähriger sein Elternhaus verlässt.

Schiemann: Ja, es sind ganz andere Gründe, als wir das vorhin in dem Beitrag gehört haben. Da geht es nicht um ein besseres Leben, da geht es um ein anderes Leben. Da geht es darum, vielleicht nicht die empfundene Bevormundung weiter zu bekommen, das muss von den Eltern gar nicht so gemeint gewesen sein oder von den Erziehungsberechtigten, von den Lehrern. Man will Problemen aus dem Weg gehen, und da ist der natürliche Instinkt des Menschen da: Flucht. Und das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen.

Brink: Die sich aber wahrscheinlich keine Gedanken machen, was dann irgendwie weiter auf sie zukommt. Wir haben in den Beitrag ja gehört, in Afrika, dass viele auch verkauft werden, es gibt Menschenhandel, das ist eine Sache, wo man ja denken könnte, dass findet in Deutschland nicht statt. Ist das so?

Schiemann: Nein, in Deutschland findet auch Menschenhandel statt – weniger mit Kindern, eher mit Jugendlichen und Heranwachsenden, da geht es dann auch in den Bereich der Zwangsprostitution hinein –, Menschenhandel allerdings mehr eigentlich in der Regel nach Deutschland hinein. Wir haben aber auch Fälle, wo Kinder in Deutschland entführt worden sind, und dann ins Ausland weiterverkauft wurden.

Brink: Also von einem Elternteil entführt worden sind.

Schiemann: Nein, gar nicht. Das ist noch ein zweiter Bereich: Wir haben diesen zweiten Bereich der Kindesentziehung, das ist, wenn die Eltern sich ums Sorgerecht streiten und einer der Partner das Kind dem Sorgeberechtigten quasi entzieht, wegnimmt, und damit zumeist ins Ausland wegzieht, und dann halt auch nicht mehr aufspürbar ist. Das ist ein weiterer Aspekt, aber gemeint war von mir jetzt tatsächlich die wirkliche Kindesentführung.

Brink: Ja, genau – was können sie als Verein tun in dieser Situation?

Schiemann: Wir unterstützen die Eltern, zunächst einmal schauen wir uns an, ob ein Kriminalitätshintergrund gegeben ist, dann ist der Weiße Ring aktiv, ansonsten geben wir diesen Fall dann auch an die Initiative vermisste Kinder ab, die da anders vernetzt sind, wenn es um die direkte Suche von Kindern geht, und wenn ein Kriminalitätshintergrund gegeben ist, dann kümmern wir uns um die Eltern und sagen: Gib die Hoffnung nicht auf. Das ist das ganz, ganz Wichtige – Fälle wie Natascha Kampusch oder jetzt mit den drei Frauen in Amerika haben uns einfach gezeigt, man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Man muss sein Leben nicht unbedingt komplett danach ausrichten, dass die Straftat das Leben bestimmt, aber abschließen sollte man erst, wenn man die wirklich schlechte Nachricht erhalten hat.

Brink: Dass das Kind verschwunden ist oder vielleicht sogar tot, eine Nachricht, mit der viele Eltern dann wahrscheinlich … kann man sich gar nicht weiter vorstellen. Ich möchte noch mal auf diese Suchprozess kommen, wo sie ja auch sehr viel Erfahrung haben. Wie läuft denn so ein Suchprozess ab?

Schiemann: Im Prinzip werden zuerst von den Eltern die markanten Punkte abgesucht, wo das Kind sich gerne aufhält, die Freunde abtelefoniert, vielleicht auch entferntere Freunde abtelefoniert, Verwandte abtelefoniert, alles potenzielle Orte, wo das Kind sein könnte, wo es sich vielleicht auch nur verspätet hat oder gar nicht dran gedacht hat, dass ich noch Bescheid geben muss. Auch wenn heute jedes … viele Kinder ein Handy haben – ich hätte fast jedes gesagt –, kann da auch mal der Akku leer sein, die Telefonkarte abtelefoniert sein. Es kann also auch normale Erklärungen geben, warum das Kind sich nicht gemeldet hat. Nach diesem ersten Suchmuster kommt die Polizei ins Spiel, die ganz andere Erfahrungswerte, ganz andere Mittel auch hat, um nach den Kindern zu suchen.

Brink: Also gibt es dann auch das, was man als Plakate immer sieht, im und übers Internet? Es gibt ja auch regelrechte Seiten.

Schiemann: Ja, auch das gibt es natürlich, das kommt dann nicht von der Polizei in der Regel, oder selten von der Polizei, weil die diese Möglichkeit nicht haben, sondern da kommt unser Partner, die Elterninitiative, ins Spiel, die entsprechend auch gewerbliche Partner im Bereich der Außenwerbung haben, wo Plakate aufgehängt werden – dieser Klassiker der Milchtüte, auch das gibt es noch.

Brink: Veit Schiemann, Koordinator Tag des vermissten Kindes, der heute ist, vom Weißen Ring. Schönen Dank für das Gespräch, Herr Schiemann!

Schiemann: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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