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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.04.2014

"Mamica"Das vierte Kind mit 19 Jahren

Ein Projekt will jungen Roma-Müttern eine Zukunft bieten

Von Michael Hollenbach

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Eine Gruppe junger Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken - möglicherweise Sinti und Roma aus Osteuropa - geht in Berlin über einen Bürgersteig im Stadtteil Mitte. (picture alliance / dpa /  Wolfram Steinberg)
Eine Gruppe junger Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken - möglicherweise Sinti und Roma - in Berlin. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Ein Hilfsprojekt der Caritas in Wuppertal versucht, jungen Roma-Müttern einen Weg aus dem Teufelskreis von früher Schwangerschaft und Armut zu weisen. Die Misere dieser Mütter hat vor allem kulturell-religiöse Hintergründe.

Rund zehn Roma-Frauen haben sich mit ihren Kindern zum Frühstück im Internationalen Begegnungszentrum der Wuppertaler Caritas eingefunden. Während die Kleinen in der Spielecke herumwuseln, haben die Mütter Zeit, sich auszutauschen oder mit Elisabeth Cleary zu reden. Die Pädagogin leitet das Projekt Mamica.

"Die Frauen sind sehr jung, die jüngste ist 13, hat schon ein Kind, und ist wieder schwanger. (...) Es ist normal, dass Mädchen mit 14, 15 Jahren verheiratet werden, man heiratet auf romanisch, nicht, wie wir denken, auf den Standesamt, (...) und dann werden sie schnell schwanger."

So wie Sunita. Sie ist 19 Jahre alt, hat drei Kinder und ist erneut im vierten Monat schwanger:

"Mit zwölf habe ich mich verliebt und habe auch geheiratet, meine Eltern wollten das nicht, aber ich bin doch bei ihm geblieben, und dann hatte ich auch eine Abtreibung, ich wollte Verhütungsmittel haben, aber das konnte ich nicht, weil ich zu jung war, und dann bin ich immer schwanger geblieben."

Geschlechtsverkehr verpflichtet direkt zur Heirat

Ihr Arzt hatte sich geweigert, ihr Anti-Baby-Pillen zu verschreiben. In der Roma-Kultur gebe es keine religiösen Übergangsrituale vom Kind zum Erwachsenen, die beispielsweise mit einer Konfirmation oder einer Firmung vergleichbar seien, sagt die Ethnologin Ortrud Krickau:

"Da spielt der kulturelle Hintergrund eine Rolle, dass der Übergang vom jugendlichen Alter in das Erwachsenenalter in der Roma-Kultur häufig mit Eheschließung vollzogen wird.(...) das ist ein Grund, warum früh Ehen geschlossen werden."

Anders als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verpflichtet der erste Geschlechtsverkehr die Jugendlichen auch direkt zur Heirat – nach Roma-Recht.

Sunita hat mit 13 geheiratet. Ihr damaliger Freund war vier Jahre älter; nach der Geburt des dritten Kindes hat er sie sitzen lassen; und auch der neue Freund ist gegangen, als er erfahren hat, dass Sunita wieder schwanger ist. Die Verantwortung für die Verhütung liege immer bei den Roma-Frauen, sagt die 19-Jährige:

"Er hat gesagt, ich soll verhüten. Er möchte das nicht. (...) Unsere Landsmänner machen das nie. Die Frau soll das immer machen, aber die Männer machen das nie."

Männer, die keine Verantwortung übernehmen

Ein Teufelskreis für viele Roma-Frauen. Frühe Schwangerschaft, viele Kinder, Männer, die keine Verantwortung übernehmen. Auf der Strecke bleiben für die Frauen eine eigene Schulbildung, eine Ausbildung und die Chance auf einen guten Job. Das will das Wuppertaler Projekt Mamica ändern.Hier arbeiten die Schwangerenberatung, die Erziehungsberatung und der Flüchtlingsdienst der Caritas zusammen, um die jungen Frauen von Anfang an zu unterstützen.

Möglich geworden ist das Caritas-Projekt mit finanzieller Unterstützung des europäischen Flüchtlingsfonds. Bislang waren die Roma aus allen staatlich geförderten Projekten ausgeschlossen, erläutert Elisabeth Cleary:

"Man hat immer gesagt, das ist ein Volk, das immer mit Wohnwagen gependelt hat in Europa, die waren nirgendwo sesshaft, immer nur geduldet, also gab es die Zuschüsse nicht."

Und das, obwohl die Roma zumindest in Wuppertal die größte Flüchtlingsgruppe bilden. Doch kaum einer von ihnen erhält Asyl in Deutschland:

Cleary: Hauptproblem ist der Aufenthaltsstatus, (...) Viele sind geduldet, haben Schwierigkeiten mit Bleiberecht, haben sehr wenig Geld."

Krickau: "Das bedeutet: Kein Zugang zu Sprachkursen, zu Integrationskursen und keinerlei Zugang zu gesellschaftlichen Institutionen. (...) Roma ziehen sich auf Grund dieser Erfahrungen auf ihre eigenen Werte und Normen zurück, (...) weil eigene Werte und Normen geben Orientierung, (...) gibt die Sicherheit in einem unsicherem Aufenthalt."

Synkretistische Systeme

Eine eigene Religion haben die Roma nicht, sagt die Göttinger Ethnologin Ortrud Krickau:

"Wenn man von einer ethnologischen Warte daran ginge, würde man von synkretistischen Systemen sprechen. Es ist immer eine Vermischung von verschiedenen Glaubensvorstellungen. Es gibt Roma, die sind katholische Christen, es gibt Muslime, es ist eine ganze Bandbreite. Man findet aber auch in ihren Glaubensvorstellungen, wenn man sich dem etwas annähert, natürlich auch noch Elemente des Hinduismus."

Diese hinduistischen Elemente haben die Roma und Sinti vor Jahrhunderten aus ihrem Herkunftsland Indien mitgebracht. Kurt Holl, der sich in Köln seit Jahrzehnten für die Rechte der Roma einsetzt, beschreibt, wie sich dieser Synkretismus zeigt – zum Beispiel beim katholischen Fest Mariä Himmelfahrt:

"Am 15. August kommen 5000, 6000 Roma aus ganz Europa in den Kölner Dom, um die Schmuckmadonna, die im linken Kirchenschiff ist, zu verehren und ihre Dankbarkeit zu zeigen, weil die Madonna ihnen geholfen hat. (...) Das sind aber keine Katholiken, sondern Muslime. Das sind muslimische Roma aus dem Kosovo. Der Hintergrund ist: im Kosovo gab es ein Marienkloster, was in der Bevölkerung als wundertätig galt."

Seit 25 Jahren in Deutschland nur geduldet

Bei dem Caritas-Projekt Mamica wird nicht gefragt, ob die Roma katholisch, orthodox oder muslimisch sind. Entscheidend ist die Hilfe für Frauen wie zum Beispiel Dafina. Sie hat fünf Kinder. Dank Mamica drückt sie nun – mit 30 Jahren – zum ersten Mal hinter die Schulbank. Sie ist bei ihrer Großmutter in Wuppertal aufgewachsen, und die sei nie auf die Idee gekommen, sie in eine Schule zu schicken:

"Früher konnte ich nicht lesen und schreiben (...) früher kannte ich keine Schule, ich war nie in der Schule."

Nun will Dafina lesen und schreiben lernen, damit die Alleinerziehende für ihre fünf Kinder genug Geld verdienen kann. Und auch, damit andere sich nicht über sie lustig machen.

"Ich konnte nicht so gut Deutsch, die haben über uns gelacht, die sagen immer Roma, die können nicht lesen und schreiben. Das war nicht so schön."

Doch richtig Geld verdienen kann sie erst, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Seit 25 Jahren lebt sie in Deutschland, und ist dennoch nur geduldet. So kann es ihr jederzeit passieren, dass sie ins Heimatland ihrer Eltern, nach Serbien, abgeschoben wird – in ein Land, mit dem sie nichts verbindet.

 

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