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Im Gespräch | Beitrag vom 29.04.2021

Malerin Ulla Walter"Ich möchte mit meiner Kunst Antworten finden"

Moderation: Katrin Heise

Die Malerin Ulla Walter in ihrem Atelier in Schöneiche bei Berlin (Andreas Merkel)
"Das aktuelle Lebensgefühl einfangen" will die Malerin Ulla Walter immer noch – seit einiger Zeit beschäftigt sie die digitale Welt. (Andreas Merkel)

Ulla Walter war Meisterschülerin bei Bernhard Heisig, zählt zur berühmten Leipziger Schule. Ihr Atelier nennt die Malerin heute einen "Zeitenmixer". Ihre Bilder, so die Künstlerin, können sie in die unterschiedlichsten Zeiten zurückversetzen.

An mehreren Bildern gleichzeitig zu arbeiten, das ist bei Ulla Walter der Normalzustand. "Manchmal sogar an sieben", erzählt die Malerin in ihrem Atelier. "Ich gehe dahin, wo ich wieder einen Impuls habe. Das hängt manchmal einfach mit der Farbe zusammen."

Ulla Walter hat viel Platz für ihre Werke. 200 Quadratmeter ist ihr Atelier groß, ein ehemaliger Tanzsaal mit einer Deckenhöhe von über sechs Metern. Hier stehen und hängen großformatige Bildern aus den verschiedensten Schaffensphasen: Werke aus den 1990er-Jahren, ebenso aktuelle. So kommt es vor, dass Ulla Walter ihre Bilder nach Jahrzehnten verändert.

"Das nicht Sichtbare sichtbar machen"

"Dann merke ich, da fehlt noch was. Allgemein sind Bilder natürlich fertig. Aber wenn sich gravierend in einem Menschen etwas verändert, es gibt immer mal Zäsuren, dann kann es passieren, dass ein Bild benutzt wird."

Brüche gab es einige im Leben von Ulla Walter, in ihren Bildern werden sie sichtbar. Nach dem Mauerfall verschwanden die Figuren aus ihren Werken. "Das war eine Farb- und Formexplosion. Da dachte ich, die brauche ich gar nicht mehr."

Nach einer schweren Herzerkrankung um die Jahrtausendwende kamen sie wieder zurück. Deshalb hat die Malerin einige Bilder "richtig aufgeschnitten und Figuren hineingebaut".

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Seit einiger Zeit beschäftigt sich Ulla Walter in ihrer Kunst mit der digitalen Welt. Schon immer, so die 66-Jährige, habe sie das "das aktuelle Lebensgefühl einfangen" wollen. Ob das der DDR-Alltag war, die Zeit nach der Wiedervereinigung oder heute, in der das Internet in jeden Lebensbereich eingedrungen ist.

"Ich möchte mit meiner Kunst Antworten finden. Ich finde Antworten auf Fragen, von denen ich vorher nicht mal wusste, dass ich sie mir stelle. Seitdem ich mich damit beschäftige, finde ich Einzelbilder. Ich versuche das nicht Sichtbare sichtbar zu machen."

Das Atelier als "Zeitenmixer"

Ihr Atelier bei Berlin nennt Ulla Walter einen "Zeitenmixer". Durch ihre Bilder werde sie nicht nur in die unterschiedlichsten Zeiten ihres Schaffens zurückversetzt. "Wenn ich ein Bild von mir ansehe, was ich vor 20 Jahren gemalt habe, kommt alles wieder, was da ringsum passiert ist. Also ich fühle mich beim Durchwandern meines Ateliers auch immer wieder in diese Zeiten versetzt. Und die lassen mich wiederum rotieren wie einen Teig, den man immer wieder durchknetet."

Ulla Walter war von Malerei schon in der Kindheit fasziniert, besonders von Rembrandt: So "tolle Bilder" wollte sie auch malen.

Für ihren Vater war dagegen klar, sie müsse etwas mit Mathematik machen, wenigstens etwas Praktisches lernen. Also landete Ulla Walter zunächst an der TU Dresden, im Bereich Arbeitswissenschaften. Zuvor hatte sie bereits eine Ausbildung zum Facharbeiter für Computerbau gemacht. Für Ulla Walter klar, das sind nur Übergangsphasen.

Nachts allein mit Rembrandt

Um Geld zu verdienen, arbeitete sie zwischenzeitlich als Küchenhilfe in der Mensa, als Heizerin, später als Nachtwächterin im Dresdner Zwinger. Hier, ganz allein im Museum, begann Ulla Walter, die Bilder von Rembrandt zu kopieren. "Das war das pure Paradies. Ich hatte einen Schlüssel, mit dem ich in alle Museen des Dresdner Zwingers gehen konnte. Das war meine Vorbereitung für das Kunststudium."

Von 1981 bis 1984 war sie Meisterschülerin bei Bernhard Heisig. Den berühmten Maler und Gründer der "Leipziger Schule" kannte Ulla Walter gar nicht, nur seine Bilder. Und die bewegten die Studentin: "Ich habe gemerkt, hier malt jemand, wie du fühlst. Was mir vor allem auch gefallen hat, war seine Art der Rhetorik, also mit Plausibilität zu überzeugen. So hat er seine Schule gegenüber der Staatsobrigkeit in ein Bild gesetzt, dass es um die Kunst ging, dass es nicht um die Ideologie ging."

"Ich möchte Freiheit haben"

Nach der Wiedervereinigung bildeten einige ihrer ehemaligen Kommilitonen die sogenannte Neue Leipziger Schule, darunter Neo Rauch, Rosa Loy und Tim Eitel. Sie verkaufen heute ihre Bilder weltweit. Ulla Walter ist das so nicht gelungen. Dafür habe sie mehr Möglichkeiten das zu malen, was ihr gefällt.

"Was wäre passiert, wenn ich jetzt einen Galeristen hätte? Galeristen sind auch diejenigen, die Zeitströmungen marketingmäßig formulieren. Dann hätte ich Bilder so weiter malen müssen, wo sie sich gut verkaufen. Und ich spüre, dass ich die Freiheit haben möchte, wenn ich die Welt anders sehe. Und über diese Freiheit freue ich mich heute im Jahr 2021 ganz besonders."

(ful)

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