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Profil / Archiv | Beitrag vom 05.11.2009

Malen für die Einheit

Künstler Feridun Isiman im Porträt

Von Mirko Heinemann

Blick auf den Flughafen der geteilten Stadt Nikosia auf Zypern. (AP)
Blick auf den Flughafen der geteilten Stadt Nikosia auf Zypern. (AP)

Die letzte Mauer in der EU zerschneidet seit 1974 die Insel Zypern und ihre Hauptstadt Nikosia. Bei einer Aktion des Goethe-Zentrums Nikosia bemalten Künstler der griechischen und der türkischen Seite gemeinsam einige Mauersteine, die nun in Berlin zu sehen sind. Zu den Künstlern gehört der türkische Zyprer Feridun Isiman.

"Wenn meine Frau sehen könnte, was ich hier mache, würde sie mich umbringen. 'Wie kannst du nur eine andere Frau anfassen!'"

Vorsichtig zieht Feridun Isiman mit dem Malerpinsel die Konturen einer Frauengestalt nach. Die Figur prangt auf einem drei Meter hohen Block aus Styropor, der einem Segment der Berliner Mauer nachempfunden ist. Es ist einer von drei Mauersteinen, die hier im Hof des Goethe-Zentrums Nikosia bemalt werden.

Die Frauengestalt soll Aphrodite darstellen und ist ein Werk von Andreas Kalogirou, einem Maler aus dem griechischen Süden. Feridun Isiman und er sind Teil einer kleinen Gruppe von Künstlern aus beiden Teilen Zyperns, die gemeinsam an den Steinen arbeiten. Selbstverständlich ist das nicht; das Misstrauen zwischen den Volksgruppen ist groß. Doch Feridun Isiman und Andreas Kalogirou sind Freunde geworden.

Isiman: "Wir haben die gleichen Vorstellungen über Zypern, aber das ist eine persönliche Sache. Wir haben Zeit miteinander verbracht, wir haben zusammen gegessen und gesungen. Wir haben uns kennen gelernt. Wir haben herausgefunden, dass es keinen Grund gibt, sich voreinander zu fürchten."

Feridun Isiman gehört zur Volksgruppe der türkischen Zyprer. Als die Insel noch nicht geteilt war, waren sie paritätisch an der Regierung beteiligt. Heute leben sie im Nordteil Zyperns, der von der türkischen Armee besetzt ist. Für viele griechische Zyprer sind ihre türkischen Landsleute im armen Norden Menschen zweiter Klasse, meint Feridun Isiman.

Isiman: "Das Problem hier auf Zypern sind nicht die Mauern aus Stein. Wenn wir als Künstler etwas bewegen wollen, müssen wir zunächst die Mauern in den Köpfen und Herzen beseitigen."

Feridun Isiman wirkt viel jünger als 61 Jahre. Die langen, schwarzen Haare trägt er zu einem Zopf zusammengebunden, grüne Augen leuchten über einem schwarzen Vollbart. Auch als Sänger ist er auf Zypern bekannt.

Feridun Isiman studierte Kunst in Ankara, heute lehrt er als Kunstprofessor an drei Hochschulen. Die meisten seiner Arbeiten sind Porträts, die über die Jahre seines Schaffens ins Abstrakte tendieren. Eine Kritikerin schrieb einmal, die Menschen auf seinen Bildern schienen auf etwas zu warten. Isiman glaubt: Es ist ein Trauma, das sich durch seine Kunst zieht. Er wuchs in einem Dorf in der Nähe von Nikosia auf, in dem Türken und Griechen zusammen lebten.

"In unserem Dorf war es üblich, dass Griechen uns besuchten. Sie sprachen sehr gut Türkisch. Meine Großmutter und mein Vater sprachen sehr gut Griechisch. Meine Großmutter war eine Hebamme. Sie hat allen geholfen, auch den Griechen, ohne über Nationalität oder Religion nachzudenken."

Immer wieder hatte es blutige Konflikte zwischen den Volksgruppen gegeben. 1963, kurz vor Weihnachten, drangen griechische Freischärler in die Dörfer ein und deportierten die türkischen Bewohner. Feridun Isiman war 15 Jahre alt.

Isiman: "Als wir in dem Lastwagen saßen, der uns Gefangene wegbringen sollte, stand eine Nachbarin davor. Sie war früher regelmäßig Gast in unserem Haus. Und sie machte so eine Bewegung ..."

Er fährt mit seiner Hand an seinem Hals entlang, als durchschneide er ihn.

Isiman: "Das war sehr traurig. Meine Mutter und meine Großmutter sahen das auch. 'Wie kann das sein?', fragten sie sich. 'Wir waren doch wie Schwestern.'"

Feridun Isiman wurde mit seiner Familie und 600 anderen in einer Schule festgehalten, während ein Bulldozer davor Gräben aushob. Massengräber, fürchteten die Gefangenen. Erst nach Eingreifen des Roten Kreuzes wurden die Gefangenen freigelassen. Feridun Isiman lebte mit seiner Familie in Flüchtlingsheimen, jahrelang. Sein Dorf hat er nie wieder gesehen.

Isiman: "Ich habe meinen Cousin verloren, aber es wurden auch ganze Familien auf türkischer Seite im Krieg ermordet. Aber so etwas gab es eben nicht nur bei uns, sondern auch bei den Griechen. Ich meine, wir sollten unsere Lektion lernen und an die kommende Generation denken."

Heute lebt Feridun Isiman mit seiner Frau in einem Bergdorf im Norden Zyperns. Er träumt von einer Wiedervereinigung der Insel, deren EU-Mitgliedschaft praktisch nur für den griechischen Süden gilt. Von diesem Traum handelt auch sein Lied; mit einem Text der Dichterin Feriha Altiok.

Auch wenn der Vogel der Sehnsucht einmal schweigt, dann heißt das nicht, dass er vergessen oder die Hoffnung aufgegeben hat.

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