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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 04.07.2008

Mal richtig auf den Müll hauen

Von Rolf-Bernhard Essig

Diesmal geht es um die Redensarten: "ein Bäuerchen machen", "mal richtig auf den Müll hauen", "um des Kaisers Bart streiten" u. a.

"Gute Nacht, Marie, das Geld liegt auf der Fensternbank": Das sagt die Großmutter, wenn etwas Unangenehmes unerwartet geschieht, das sagt man bei Geldverlust und überhaupt, wenn etwas schief geht.

Der Zusammenhang mit der gebräuchlichen Wendung "Na, dann gute Nacht" ist unverkennbar, aber die ganze Wendung verdankt sich offenbar dem Lied "Wir drei, wir geh’n jetzt auf die Walze", das Kurt Tucholsky 1924 verfasste. In diesem beliebten Wanderlied heißt es in der letzten Stroph:

"Am Weg, da blüh'n die wilden Schlehen / und auch die Liebe klopft mal an, jawohl! / Für die, die morgen weiter gehen / da lehnt sie gern die Fenster an, jawohl! / Und schlagen früh die Finken dann / tun wir manchmal winken / mit der Leber-, Leberwurst, mit der Leberwurst / gute Nacht, auf Wiederseh'n, Marie!/ Falschen Tritt, falschen Tritt, die ganze Kompagnie."

Da haben wir die Formel "Gute Nacht, Marie", das Fenster, fehlt nur das Geld statt der Leberwurst. Wahrscheinlich hat sich die alte Verlustformel "Gute Nacht" mit dem Lied und einer erotischen Fortführung – "das Geld (für den Liebesdienst) liegt auf der Fensterbank" – zu einer neuen verbunden, wobei der Geldverlust durch die Fensterbank, die die schlechteste Bank für Anlagen ist, noch einmal witzig betont wird. Dass Soldaten das Lied sangen und nur erotisch verstanden, verwundert nicht.

"ein Bäuerchen machen": Die Sitten ändern sich immer wieder, teilweise verkehren sie sich sogar. Was bei Martin Luther noch gern gesehen war, galt schon zweihundert Jahre später als unanständig: das laute Aufstoßen und Rülpsen.

Deswegen zitiert man in aufgeräumter Stimmung noch heute manchmal die Luther zugeschriebene Äußerung: "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?" Tatsächlich verhielt man sich früher weniger zimperlich, menschlicher vielleicht und definitiv weniger ängstlich und rücksichtsvoll untereinander. Als das Bürgertum vom Adel viele Verhaltensmaßregeln übernahm, verurteilte man alle körperlichen Lautäußerungen als ungehörig ein und forderte dazu auf, sie zu unterdrücken oder zu diskret wie möglich auszuführen. Man bildete sich also einiges darauf ein, nicht zu schmatzen, leise zu husten und zu niesen, keinen fahren zu lassen und eben nicht zu rülpsen. Wer es doch tat, den schätzte man als ungehobelt und bäuerlich ein. Nur bei den kleinen Kindern machte man eine Ausnahme, wusste man doch von den üblen Folgen jeder Magen- und Darmbeeinträchtigung im zarten Alter sowie dem noch nicht idealen Zusammenspiel von Luft- und Speiseröhre. Den erwünschten Rülpser eines gestillten Kindes bezeichnete man deshalb verniedlichend als Bäuerchen.

"mal richtig auf den Mulli hauen": Dieser Ausdruck aus dem Sächsischen klingt nicht nur so wie eine Variante zu "auf den Putz hauen" oder "auf die Pauke hauen", sie bedeutet auch dasselbe, also "angeben, Ärger machen, sich lautstark beschweren, viel Geld springen lassen".
Warum aber "Mulli"? Ich kann nach der Suche in einigen Nachschlagewerken nur meine Vermutung äußern, es handele sich um eine umgangssprachliche Form von "Muli", also des Maultiers. Der Muli gilt im Volksmund wie der Esel als störrisch und lässt sich deshalb leicht mit Schlägen in Verbindung bringen. Die Wendung bezöge ihren Reiz dann aus dem Ersetzungswitz.

"um des Kaisers Bart streiten": Früher bezog man sich bei der Erklärung dieser Redensart auf das unergiebige und unerhebliche Streiten darüber, ob bestimmte römische Kaiser oder auch Karl der Große einen Bart getragen hätten oder nicht, was schließlich das unbedeutendste Detail im Leben dieser bedeutenden Herrscher war.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich jedoch um eine lustige Umdeutung und unfreiwillige Aufwertung, die der Volksmund zu verantworten hat. Im klassischen Latein gab es schon die Formulierung "um Ziegenwolle streiten" "de lana caprina rixari" (Horaz). Es ging darum, ob man Produkte aus Ziegenfell auch als Wolle bezeichnen dürfe; wahrlich eine Frage von geringem Gewicht. Diese Redensart wurde im ganzen Abendland beliebt, so auch in deutschen Gebieten, wo man allerdings aus der "Ziegenwolle" "Geißenhaar" und dann den "Geißenbart" machte.

Da man den klassischen Zusammenhang nicht kannte, konnte es im Laufe der Zeit durch lautliche Umformung zum "Kaiserbart" kommen, um den schließlich gestritten wurde. Vorstellen konnte man sich das viel besser.

"das läuft ja wie am Schnürchen": So unscheinbar es ist, das Schnürchen führte zu allerlei Redensarten. Da trifft man auf den Ausdruck "etwas am Schnürchen haben", der vom Gängelband der kleinen Kinder herkommt. Das war eine Art Geschirr, mit dessen Hilfe man die unruhig hin- und herstrebenden, oft auch fallenden Kleinen leiten, lenken und halten konnte, so dass der Ausdruck bedeutet "alles im Griff haben".

Bei dem Ausdruck aber "das läuft ja wie am Schnürchen" geht es um das reibungslose, flotte Ablaufen einer Handlung. Da ist einerseits an den Rosenkranz zu denken, der manchmal sogar explizit in Varianten der Redensart vorkommt. In Köln heißt es: "Dat muß immer förangohn wie de Schnur am Rusekranz." Eine zweite Erklärung bezieht sich auf die Marionettentheater und die Hampelmänner, deren Bewegungen von "Strippenziehern" oder "Drahtziehern" abhängen. Hier gab es keinen eigenen Willen, die Handlung lief also folgerichtig ab.

Die Schnur war allerdings auch seit alter Zeit ein Bild für die Folge überhaupt und im ganz wörtlichen Sinne, spätestens seit antiken Tagen. Beliebt war die Sage von Theseus, der mit Hilfe des Ariadne-Fadens aus dem Labyrinth herausfand. Diese Vorstellung übertrug sich damals schon auf das folgerichtige Denken und blieb es bis heute. Es gibt ja immer noch das alte Wort "Leitschnur" des Denken und Handelns, das die Prinzipien eines Menschen bezeichnet, nach denen er konsequent vorgeht. Wenn man eine Leitschnur hat, dann "klappt alles wie am Schnürchen". Man musste ihr nur aufmerksam folgen.

"neben der Kappe stehen", "neben der Kappe sein": Die Kappe trugen als sehr übliche Kopfbedeckung seit dem Mittelalter nicht nur Mönche, sondern auch sehr viele einfache Menschen und sogar die Ritter unter ihrem Helm als Dämpfer zwischen Kopf und Metall. Weil die meisten eine aufhatten, konnte die Kappe für den Kopf selbst und dann auch den ganzen Menschen stehen. Deshalb kann man "etwas auf seine Kappe nehmen". Man sprach früher außerdem davon, wenn man jemandem zum Narren hielt, man "setze ihm eine Kappe auf", womit die Narrenkappe gemeint war.

Damit sind wir schon im Bereich der geistigen Fähigkeiten oder deren Beeinträchtigung. Wenn jemand "neben der Kappe war" oder "stand", dann befand er sich gleichsam neben seinem Kopf, er war nicht ganz bei sich. Deshalb kann der Ausdruck sowohl bedeuten "benommen sein" als auch "dumm, unzurechnungsfähig".

"wie Kai aus der Kiste": Es gibt Spielzeuge, deren Beliebtheit und Verbreitung erstaunen. Zu ihnen gehört der Schachtelteufel, in England als "Jack in the box" bekannt. Mit dessen Bekanntheit spielt der Autor Wolf Durian in seinem Kinderbuch "Kai in der Kiste", das erstmals 1927 erschien. Darin schmuggelt sich ein Junge mittels einer Kiste in die Hotelsuite eines Amerikaners, der in Berlin seine Produkte unter die Leute bringen lassen will. Kai verkauft sich als Werbefachmann und liefert ein überraschendes Gesellenstück ab, indem er das Zeichen seiner Bande, die schwarze Hand, über Nacht zum Stadtgespräch macht.

Das Buch war sehr beliebt, erlebte immer neue Auflage und 1988 noch eine Verfilmung in der DDR. Überraschender noch als ein Schachtelteufel wirkt es natürlich, wenn aus einer Kiste ein Junge steigt, weshalb sich die Wendung prächtig eignet, plötzlich Erscheinendes zu bezeichnen.

"auf dem falschen Dampfer sein": Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hielten sich Segelschiffe im Ferntransport, denn ihre geringere Geschwindigkeit machten sie mit geringeren Kosten wett. Sie brauchten ja im Gegensatz zu den Dampfern keine Kohle. Zunehmende Effizienz der Maschinen führte dann in allen Bereichen dazu, dass fast ausschließlich Dampfschiffe verkehrten. Am frühesten setzten sie sich auf den Linienverbindungen durch. Da sie in der Regel weite Reisen vor sich hatten, bis sie im nächsten Hafen anlegten, war es natürlich besonders problematisch, wenn man auf dem "falschen Dampfer" gelandet war. Das Bild bezieht sich auf die falsche Denkrichtung, die jemand eingeschlagen hat, er irrt im wahrsten Sinne des Wortes, und das gewaltig.

"Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln.": Der Mensch ist allerlei, manche sagen sogar, er sei gut, aber die vielen neidgeprägten Redensarten weisen in eine andere Richtung. Was soll man davon halten, wenn das Glück eines Menschen auf Kommentare trifft wie: "Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf.", "Der Teufel scheißt immer auf denselben Haufen." oder "Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln."? Dabei kommt es allerdings sehr auf den Ton an, in dem so ein Sprichwort geäußert wird. Es kann bloß Verwunderung ausdrücken, dann auch Neid, Empörung, Ironie, ja manchmal sogar Befriedigung.

In die Bauernwendung speziell spielt noch mehr hinein, denn alt ist die Vorstellung, dass geistig Arme von Gott oder vom Schicksal begünstigt werden. Und im Bereich der Landwirtschaft, das wussten selbst die Städter, hängt Erfolg oft von Ereignissen ab, die mit Klugheit oder Planung nicht beeinflussbar sind. Da muss man einfach Glück haben.

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