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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2015

MahlzeitVon wegen Alleskönner Spargel!

Von Udo Pollmer

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Körbe mit frischem weißem und grünem Spargel (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)
Entschlacken, entgiften, entwässern - Spargel soll allerhand können. (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)

Wenn es auf deutschen Tischen ein Wundermittel schlechthin geben muss, dann ist das der Spargel. Das behaupten zumindest Ernährungsberater und Medien. Tatsächlich aber kann Spargel nichts - außer schmecken, meint unser Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Die Hymnen auf den Spargel werden von Jahr zu Jahr euphorischer. Was den Amerikanern ihre "Polypill", also jene magische Tablette, ist, die gegen alle Krankheiten dieser Welt hilft, das ist den Deutschen ihr Spargel: "Spargel – der Alleskönner" lese ich auf einer beliebigen Website, die wie viele andere auch Gesundheitsversprechen als Geschäftsmodell betreibt.

Ganz vorne an steht wie immer das willentliche Verkleinern des eigenen Körpers, der Versuch mittels einer Diät, sprich mit quälendem Hunger, seine äußeren Konturen an die Konfektionsgrößen der Modeindustrie anzupassen. Beim Spargel geht das wie von selbst. Der löst nämlich keinen Frust, sondern Abnehmbegeisterung aus. Abnehmbegeisterte, lese ich, "können bei Spargel … zuschlagen bis zum Abwinken". Denn: "Kalorien sucht man im Spargel nahezu vergeblich". Stimmt. Der Nährwert entspricht tatsächlich dem Inhalt einer Seifenblase oder einer Website über gesunde Ernährung. Doch heute ist alles, was ohne jeden Nährwert ist, offenbar zu Höherem berufen.

Brauchbare Untersuchungen gibt es nicht

Unweigerlich wird der Spargel an die Krebsfront abkommandiert und darf sogar bei Alzheimer für positive Effekte sorgen. Brauchbare Untersuchungen gibt es nicht, es existieren lediglich ein paar Experimente mit Zellkulturen in Reagenzgläsern. Als sich zeigte, dass Krebszellen in alkoholischem Spargelextrakt den Alkohol abbauen, war die nächste Wunderwirkung geboren: Spargel hilft bei Kater. Allerdings waren im Reagenzglas nicht Spargelspitzen wirksam, sondern das ungenießbare Laubwerk der Pflanze.

Unter den unzähligen unsinnigen Claims gibt es gerademal einen, der eine gewisse therapeutische Tradition aufweisen kann. Früher wurde Spargel manchmal zur Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der… Harnwege verwendet – meist als Teeaufguss von Spargelpulver. Doch Vorsicht: Wer's mit der Niere oder dem Herzen hat, insbesondere Entzündungen derselben, sollte, so die Pharmakologen, lieber die Finger von diesem Entzündungshemmer lassen. Da frage ich mich doch, dürfen diese Patienten noch regelmäßig Spargel essen?

Dabei gäbe es schmackhaftere und nützlichere Getränke, die Harndrang hervorrufen, als Kannen voll Tee mit fragwürdigem Spargelpulver. Auch echter Bohnenkaffee wirkt harntreibend, senkt das Nierensteinrisiko und beugt noch dazu dem Leberkrebs vor. Doch die harntreibende Wirkung brachte ihm den Ruf ein, "Wasserräuber" zu sein. Wenn's schmeckt, gräbt das Getränk dem Körper das Wasser ab, schmeckt es nicht, spült es die Niere. So einfach können Ernährungstipps sein.

Ein wenig harntreibend

Ja, ein wenig harntreibend ist der Spargel – und das war's denn auch. Allerdings enthält er in seinen Wurzeln und Blättern weitere Wirkstoffe. Noch mehr davon finden sich in seiner Wildform. Inzwischen wird auch der wilde Spargel eifrig gesammelt und gegessen, weil natürlich und damit noch gesünder. Der bekannteste Inhaltsstoff ist wohl das Diosgenin. Dieses Steroid ist der wichtigste Ausgangsstoff zur Herstellung zahlreicher Hormone, insbesondere der Antibabypille.

Da liegen hormonelle Folgen nicht fern. Im Tierversuch lässt wilder Spargel die Fortpflanzungsorgane von Rattenweibchen wachsen. Bei Milchvieh sorgt er für mehr Milch. Verabreicht man den Wurzelextrakt an trächtige Ratten, so kommt es zu Missbildungen. In der schönen neuen Welt der Aufklärung heißt es dann: "Spargel – ideal für Schwangere". Und dann kaufen die Kunden ganz bewusst den teuren Wildspargel, weil das ursprünglichere Naturprodukt noch idealer sein muss.

Es hatte offenbar gute Gründe, dass wir die Wildform zu einer Nutzpflanze umgezüchtet haben, um so die Gehalte an unerwünschten Wirkstoffen zu senken. Nicht umsonst essen wir vom Kulturspargel traditionell nur jene Teile, die praktisch frei von Wunderstoffen sind. Ein guter Spargel kann nichts – außer schmecken. Ein Gemüse ist um so bekömmlicher und vorteilhafter, je langweiliger seine Pharmakologie ist. Sonst wäre es eine Heilpflanze – und die gehört nicht auf den Teller, sondern in die Apotheke. Mahlzeit!

 

Literatur

Blaschek W et al: Hagers Enzyklopädie. WVG, Stuttgart 2007

Singh SP et al: Plasma hormones, metabolites, milk production, and cholesterol levels in Murrah buffaloes fed with Asparagus racemosus in transition and postpartum period. Tropical Animal Health & Production 2012; 44: 1827–1832

Wamng L et al: Simultaneous analysis of diosgenin and sarsasapogenin in Asparagus officinalis byproduct by thin-layer chromatography. Phytochemical Analysis 2011; 22: 14–17

Goel RK et al: Teratogenicity of Asparagus racemosus Willd. root, a herbal medicine. Indian Journal of Experimental Biology 2006; 44: 570-573

Pandey SK et al: Effect of Asparagus racemosus Rhizome (Shatavari) on Mammary Gland and Genital Organs of Pregnant Rat. Phytotherapy Research 2005; 19: 721–724

Kim BY et al: Effects of Asparagus officinalis extracts on liver cell toxicity and ethanol metabolism. Journal of Food Science 2009; 74: H204–H208

Christina AJM: Antilithiatic effect of Asparagus racemosus Will. On ethylen glycol induced lithiasis in male albino Wistar rats. Methods and Findings in Experimental and Clinical Pharmacology 2005; 27: 633-638

Larsson SC, Wolk A: Coffee consumption and risk of liver cancer: a meta-analysis. Gastroenterology 2007; 132: 1740-1745

Sang LX et al: Consumption of coffee associated with reduced risk of liver cancer: a meta-analysis. BMC Gastroenterology 2013; 13: e34

Bravi F et al: Coffee reduces risk for hepatocellular carcinoma: an updated meta-analysis. Clinical Gastroenterology & Hepatology 2013; 11: 1413-1421

Bøhn SK et al: Coffee and cancer risk, epidemiological evidence, and molecular mechanisms. Molecular Nutrition & Food Research 2014; 58: 915-930

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