Dienstag, 23.07.2019
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 29.07.2016

MahlzeitDie Tütengebühr ist nur ein Ablasshandel

Von Udo Pollmer

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Ein Mann schleppt seine Einkäufe in mehreren Plastiktüten aus dem Supermarkt nach Hause. (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)
Ein Mann schleppt seine Einkäufe in mehreren Plastiktüten aus dem Supermarkt nach Hause. (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)

Schuldgefühle und erzieherische Absichten sind der Grund, warum Plastiktüten Geld kosten sollen. Und die Deutschen bauen an der Supermarkt-Kasse aus braunen Papierbeuteln mit grünem Baum virtuelle Dämme gegen den Weltuntergang. Sind wir noch zu retten?

Wenn das keine gute Nachricht ist: Die Plastiktüten verschwinden aus den Geschäften, damit die Meere nicht weiter vermüllen und die Delfine endlich wieder aufatmen können. Zudem sparen wir damit wertvolles Erdöl und entlasten die Umwelt, die an den leichten Tüten schwer zu tragen hatte. Wenn, dann akzeptieren wir nur noch biologisch abbaubare Beutel aus nachwachsenden Rohstoffen.

Doch die sind teuer. Die hohen Preise der Bio-Kunststoffe spiegeln die aufwändige Herstellung wider, ein kleiner Hinweis auf den ökologischen Fußabdruck. Daran wird die Umwelt also kaum genesen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass biologisch abbaubare Materialien in freier Natur nur verdammt schwer abbaubar sind. Im Salzwasser, also im Meer dauert die Zersetzung besonders lange. "Biologisch abbaubar" heißt nach offizieller Lesart, das Material sollte bei 60 Grad innerhalb von drei Monaten halbwegs zersetzt sein.

Zur schnelleren Kompostierung wird der Bioabfall in den Anlagen beheizt. Aber auch dieser Abbau reicht bei den Tüten nicht wirklich. Denn manche Biokompost-Betriebe haben keine drei Monate Zeit, sie fahren ihre Anlagen so, dass sie ihre Ware bereits nach vier Wochen abfüllen können. Da sind die Tüten noch intakt. Nach der DIN-Norm EN 14045 dürfen selbst nach den drei Monaten immer noch zehn Prozent der Bio-Tütenreste mit bloßem Auge sichtbar sein (also größer als zwei Millimeter). Weil der Kunde das nicht akzeptiert, werden die "biologisch abbaubaren" Mülltüten aus der vermadeten Biotonnen-Müllmatsche herausgefischt.

Was gegen Jute- und Papierbeutel spricht

Für nachwachsende Rohstoffe wie Mais, Baumwolle oder Jute braucht man Land, das der Nahrungsproduktion entzogen wird. Wer argumentiert, dafür sei ja nur wenig Fläche erforderlich, vergisst, dass das Gleiche für Erdöl zutrifft. Das Erdöl, das für die gesamte Menge der weltweit erzeugten Kunststoffe benötigt wird, macht nur wenige Prozent des Gesamtverbrauchs an Öl aus. Die Tüten wiederum sind davon nur das Schwarze unterm Nagel.

Jute wird in tropischen Ländern erzeugt, der Jutestrauch benötigt zum Gedeihen viel Wasser. Um die Faser geschmeidig zu machen, wird ein fragwürdiges Erdöldestillat, ein sogenanntes Batch-Öl aufgetragen, das später ausgewaschen wird. Es verseucht in den Erzeugerländern das Wasser und bei uns die Lebensmittel. Die Verwendung von Jutesäcken zum Transport von Reis, Haselnüssen und anderen Rohwaren hat jahrelang unsere Nahrung erheblich mit Rückständen belastet.

Wer zur Papiertüte statt zum Jutebeutel greift, muss sich im Klaren sein, dass auch der Rohstoff Holz in Plantagen angebaut wird. Die Produktion des Papiers erfordert Energie, Wasser und Chemie. Werden die Tüten aus Altpapier hergestellt, gasen sie allerlei Druckereichemikalien aus und die Lebensmittel werden auch diesmal belastet − zum Beispiel mit Mineralöl.

Bei uns gibt es keine Müllhalden mehr

Immer mehr Waren sind in aufwändigen Plastikverpackungen eingeschweißt. Vor allem Kleinteiliges wird mit voluminösen, schwer zu öffnenden Kunststoffschalen umhüllt, damit es nicht so leicht geklaut werden kann. Das macht Menge! Relevant ist, was in der Plastiktüte ist, nicht die Tüte selbst.

Aus Deutschland gelangen sowieso kaum Plastiktüten in die Meere. Bei uns gibt es keine Müllhalden mehr. Alles muss recycelt oder verbrannt werden. Wozu also das ganze Theater um eine riesige Tütenflut, in der – gefühlt – die Weltmeere zu ertrinken drohen? Und die Deutschen bauen nun an der Supermarkt-Kasse aus braunen Papierbeuteln, auf denen ein grüner Baum prangt, virtuelle Dämme gegen den Weltuntergang! Sind wir noch zu retten?

Wenden wir uns lieber der Tütengebühr zu, die der Gesetzgeber dem Handel in die Bilanz spült. Nicht der Wert der Tüte bestimmt den Preis, sondern die erzieherische Absicht. Die Erfahrungen aus anderen Ländern wie Irland, in denen schon länger Geld für Plastiktüten verlangt wird, zeigen, dass die Kunden nach einem anfänglichen Verzicht allmählich wieder zum bewährten Plastik greifen. Dann wird der Preis erhöht. Bis Schuldgefühle und Ablasshandel ein neues Gleichgewicht gefunden haben – aber auf höherem Niveau.

Nur darum geht es. Mahlzeit!

Literatur

Probst S: Das kann kein Meer mehr schlucken: Unsere Ozeane versinken im Plastikmüll. WWF.de, ohne Jahr

Bundesverband Meeresmüll: Makroplastik – aus dem Alltag in das Meer. Ohne Jahr

Verpackung - Bewertung der Desintegration von Verpackungsmaterialien in praxisorientierten Prüfungen unter definierten Kompostierungsbedingungen; Deutsche Fassung EN 14045:2003

Deutsche Umwelthilfe eV: Die Wahrheit über biologisch abbaubare Plastiktüten. Hintergrundpapier 11. April 2012

Schadwinkel A, Brauns B: Auf der Suche nach der perfekten Tüte. Zeit online 1. Juli 2016

Sommerfeldt N: Der "Kita-Effekt" macht die Plastiktüte unsterblich. Welt-Online 1. Juli 2016

Anon: Biofolie in Kompostanlagen unerwünscht. Stuttgarter Zeitung 15. August 2008

Pollmer U: Ökologie: Siedlungszone Plastikmüll. Deutschlandradio, Kolumne Mahlzeit vom 21. Dez. 2013

Wendel M: Papier statt Plastik: Apple Stores stellen auf umweltfreundlichere Tüten um. 5. April 2016

Mehr zum Thema:

Müllreduzierung - Plastiktüten kosten künftig Geld
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 26.4.2016)

Bloggerin Nadine Schubert - Ein Leben ohne Plastik
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 23.2.2016)

Umweltverschmutzung - Plastikmüll-Alarm am Rhein
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 19.7.2016)

Mülltrennung - Zu viel Plastik in der Biotonne
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 24.6.2016)

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