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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.05.2018

Mahi Binebine: "Der Hofnarr"Ein Autor rüttelt an einem Tabu seiner Familie

Von Claudia Kramatschek

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Buchcover Mahi Binebine: "Der Hofnarr" (Lenos Verlag / dpa / Ronald Wittek)
Mahi Binebine blickt in "Der Hofnarr" in eine dunkle Ära in der Geschichte Marokkos. (Lenos Verlag / dpa / Ronald Wittek)

Der Vater dient unter König Hassan II., während der Bruder in einen Putschversuch gegen den Monarchen verwickelt ist. Mahi Binebine, marokkanischer Maler und Schriftsteller, erzählt in "Der Hofnarr" erstmals seine eigene Geschichte.

Lange lebte Mahi Binebine – der Schriftsteller und Maler zugleich ist – in Paris. Lange lebt er nun schon wieder in seiner Heimatstadt Marrakesch, wo er 1959 zur Welt kam. In seinen Gemälden – gehalten in gedeckten Farben – stehen oft verloren wirkende Wesen im Mittelpunkt. Seine Romane – stets getragen von einem fast märchenhaften Ton – wirken dagegen auf den ersten Blick heiter. Doch hinter diesem heiteren Äußeren geht es immer um die Probleme der Gegenwart, sei es das Schicksal der Flüchtlinge, die von Marokko aus nach Europa wollen und elend im Meer ertrinken, sei es die Armut in den Vororten von Casablanca, wo die Islamisten leichtes Spiel haben und die Arbeitslosigkeit Selbstmordattentäter geriert.

Von Gewalt überschattet

Nun erzählt Mahi Binebine in "Der Hofnarr" zum ersten Mal seine eigene Geschichte, die aber ist nicht minder schrecklich und von Gewalt überschattet. Denn Binebines Familie ist fast daran zerbrochen, dass Binebines älterer Bruder 1971 – Binebine ist da gerade mal zwölf Jahre alt – in einen Putschversuch gegen Hassan II. verwickelt war, jenen König, in dessen Dienst wiederum der Vater 35 Jahre stand. Der Vater verleugnete diesen Sohn fortan – der Sohn selbst verschwand für Jahrzehnte in Tazmamart, einem der berüchtigsten Gefängnisse Marokkos.

Politisch rührt Binebine damit an eine dunkle Ära in der Geschichte Marokkos, die jedoch schon seit geraumer Zeit aufgearbeitet wird – Hassan II. selbst hatte die Existenz dieses Gefängnisses lange verschwiegen, aufgedeckt wurde diese erst, wie man im instruktiven Nachwort der Übersetzerin Regina Keil-Sagawe lesen kann, durch einen französischen Journalisten. Persönlich aber rührt Binebine hier an ein Tabu: Zum ersten Mal schlüpft er in die Haut des Vaters, um das Innenleben jenes Mannes zu verstehen, der sich und den Rest der Familie zu retten versuchte und dafür einen hohen Preis zahlte: eine schreckliche Einsamkeit.

Ohne Vergebung kein Friede

Das Erstaunliche ist: Erneut schreibt Binebine mit einem Lächeln auf den Lippen und fast mit orientalischem Überschwang – der höfische Ton wird von ihm gekonnt imitiert. Wir lernen das Leben am Hof kennen, bekommen Anekdoten serviert, die uns Einblick geben in das gnadenlose Regime des damaligen despotischen Herrschers. Der seelische Widerstand gegen den lange verdrängten Schmerz sowohl auf Seiten des Autors wie auf Seiten der Erzählfigur – der Hofnarr spricht hier selbst – überträgt sich übrigens auf den Roman selbst. Lange windet dieser sich in immer neuen Schleifen und Exkursen wie um den heißen Brei herum, dann plötzlich bricht die Wunde des Schmerzes jäh und unhintergehbar in den Roman ein: ein gekonnter Erzähltrick. Gekonnt und genau fängt auch Regina Keil-Sagawe die irisierende Stimmlage zwischen äußerer höfischer Manieriertheit und dem inneren Schmerz eines gequälten Menschen ein. Wer diesen Roman liest, begreift also auch die Schule, durch die der Schriftsteller Binebine gegangen ist: Früh hat er verstanden, dass Menschen nie nur gut oder böse sind; dass man von ihnen nur in Zwischentönen, nie schwarz-weiß erzählen kann. Ohne Vergebung kein Friede, heißt es programmatisch gegen Ende des Romans. "Der Hofnarr" schillert insofern in vielen Farben.

Mahi Binebine: "Der Hofnarr"
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Lenos Verlag, Basel 2018
200 Seiten, 22 Euro

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