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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2018

Magnum-Fotograf Ara GülerDie "Augen von Istanbul" haben sich geschlossen

Jim Rakete im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Der Fotograf Ara Güler gestorben - Undatiertes Bild. (imago stock&people)
Fotograf Ara Güler: "Eine Gestik, die sah aus, als ob er die Welt umarmen wollte." (imago stock&people)

Ara Güler hat seine Heimatstadt fotografisch eingefangen wie kein anderer. Nun ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Sein Kollege Jim Rakete erinnert sich an einen ungeheuer offenen und empathischen Menschen.

Ara Güler war einer der bedeutendsten Fotografen der Türkei und auch Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum. Die meisten seiner Fotos sind schwarz-weiß, meist zeigen sie Szenen aus seiner Heimatstadt Istanbul. Daneben fotografierte er auch Konrad Adenauer, Maria Callas, Alfred Hitchcock und Pablo Picasso. Im Alter von 90 Jahren ist er nun gestorben.

Meister der empathischen Fotografie

Der deutsche Fotograf Jim Rakete findet, eine der hervorstechendsten Eigenarten von Güler sei sein zugewandtes Wesen gewesen: "Empathisch und vor allem sehr offen. Er hatte eine Gestik, die sah aus, als ob er die Welt umarmen wollte." 

Das spiegelte sich auch in seinem Werk, wie Rakete erklärt. "Er war ein Meister dieser empathischen Fotografie, dieser Magnum-Fotografie. Die Gesichter, die Landschaften, der Nebel und das Wetter - das spielte alles immer eine Rolle in der Bildkomposition, ohne dass das irgendwie angestrengt wirkte. Der konnte wirklich noch berichten, aus dem Flanieren heraus."

Rakete sagt, er schätze an Güler am meisten seine Neugierde auf Menschen: egal, ob er einen alten Mann, ein spielendes Kind oder Picasso fotografiert habe: "Man hat den Eindruck gehabt, er adoptiert die Menschen so ein bisschen mit der Kamera – und er macht sie sichtbar."

Motiv Istanbul

Gülers Hauptmotiv war seine Heimatstadt am Bosporus und ihre Menschen. Raketes Lieblingsbild zeigt einen Fischer aus Kadikoy: "Ein Gesicht wie ein ungemachtes Hotelbett, mit 'ner Mütze auf und einem Glas in der Hand, und er schaut wie einer, der seine Arbeit getan hat für den Tag."

Rakete sagt über Güler: "Dieses Istanbul hat er abgebildet wie kein Zweiter." Nicht umsonst wurde Güler "Die Augen von Istanbul" genannt.

Aber er sei auch mehr gewesen als ein Fotograf seiner Heimatstadt: "Er gehörte zu den zwei großen Wahrzeichen von Istanbul. Wenn jemand gefragt hat, was darf ich nicht verpassen in Istanbul, habe ich wie aus der Pistole geschossen gesagt: 'Die Hagia Sophia und Ara Güler.' Denn der saß eigentlich meistens in seinem wunderschönen Café und obendrauf war seine Stiftung! Da standen dann etagenweise Regale mit Bildern und Briefen von Picasso... Diese unglaublichen Begegnungen, die er hatte. Und so hat er es auch erzählt."

Leiden am Umbau der Stadt

An dem Umbau seiner Stadt in den letzten Jahren habe der Fotograf gelitten, sagt Rakete. Güler habe den Rappel gekriegt und geflucht – "weil diese Bausünden um sich herum, die hat er alle nicht ertragen". Immerhin: der Bezirk, in dem Ara Güler wohnte und in dem seine Stiftung residiert, sei unversehrt geblieben, sagt Rakete: "Dieser Bezirk ist auch nicht zu versauen aus irgendeinem Grund."

(mf)

Mehr zum Thema:

Ara Güler - Das Auge Istanbuls
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 16.10.2014)

Jim Rakete: Digitalfotografie ist "unsexy"
(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 26.11.2008)

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