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Fazit | Beitrag vom 18.08.2020

Magnum-Archiv geht offlineErschütternde Bilder und ihr Kontext

Ulf Erdmann Ziegler im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Magnum-Fotograf David Alan Harvey schaut sich bei einer Ausstellung eines seiner Fotos genauer an. (picture alliance / AP Photo / Kamran Jebreili)
Fotos in der Kritik: Werke von David Alan Harvey haben dazu geführt, dass die Agentur Magnum ihr Archiv aus dem Netz genommen hat. (picture alliance / AP Photo / Kamran Jebreili)

Die berühmte Fotoagentur Magnum hat ihr Archiv, das im Netz verfügbar war, offline gestellt. Anlass ist Kritik an einer 30 Jahre alten Reportage über Kinderprostitution. Der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler spricht von einer Kampagne gegen Magnum.

Die renommierte Bildagentur Magnum Photos hat ihr Bildarchiv vorläufig aus dem Internet genommen. Es geht unter anderem um die Bilderserie "Bangkok Prostitutes", die der amerikanische Magnum-Fotograf David Alan Harvey in den achtziger Jahren in Thailand aufgenommen hatte.

Die Reportage entstand vor 30 Jahren, als es digitale Bildagenturen noch nicht gab. "Wenn Bilder für einen bestimmten Kontext gemacht werden, indem sie erscheinen, darf man davon ausgehen, dass die Leser und Betrachter eines Magazins das Material verstehen, dass sie die Perspektive verstehen, dass sie wissen, wer angegriffen werden soll. In diesem Fall werden natürlich die angegriffen, die nicht im Bild sind: männliche westliche Sex-Touristen", sagt der Schriftsteller und Fotografiekenner Ulf Erdmann Ziegler.

Kritik an der Verschlagwortung

Das Problem mit der Bildserie sei allerdings nicht nur, dass der Kontext im Internet verloren gehe. Im konkreten Fall habe Magnum reagiert, nachdem in einem Artikel auf der Fotografie-Nachrichtenseite "Fstoppers" Kritik an den historischen Aufnahmen minderjähriger Prostituierter geäußert worden war. 

Der Autor des Artikels habe "eine Kampagne am Laufen gegen Magnum, der hasst Magnum", sagt Ulf Erdmann Ziegler. "Er selbst ist ein konservativer Landschaftsfotograf, der nichts riskiert und der regelmäßig Magnum aufs Korn nimmt - und in diesem Fall nichts vorzubringen hatte außer der Verschlagwortung. Die Verschlagwortung bei Magnum könnte man für problematisch halten, ist aber das, was alle Agenturen machen, indem sie keinen Unterschied machen zwischen den Dingen, die in einem Bild sind. Genauso werden Bilder eben gefunden. Das ist natürlich für Profis gemacht und nicht für Laien, die das missbrauchen wollen."

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Man dürfe sich von solchen Leuten nicht vorschreiben lassen, wie eine professionelle Bildagentur Bilder verschlagworte. "Wenn er die Absicht hat, den Kontext ins Unsaubere zu ziehen und absichtlich Dinge kombiniert, von denen er glaubt, dass sie zweideutige Ergebnisse produzieren, dann ist das hier nicht das Internet, sondern es ist seine Absicht, die er aufs Internet oder auf die Stichwortsuche projiziert", so Ziegler.

Was wir lernen müssen: Kontexte zu lesen

Dennoch bestehe durch das Internet durchaus die Gefahr, dass Kontexte verloren gingen, sagt der Schriftsteller. "Was wir heute wirklich lernen müssen, ist Kontexte zu lesen. Das heißt, dass wir die Retextualisierung des Internets auch verstehen müssen, um sie quasi innerlich rückgängig zu machen. Wie dürfen auf die Zufälle der Kombination, die uns entgegenfallen, nicht reinfallen, sondern wir müssen verstehen, aus welchem Kontext Bilder geschöpft sind."

(nho)

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