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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2010

Mafia-Epos in Serie

Das Genrekino auf der Berlinale

Von Noemi Schneider

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Max Riemelt und Marie Bäumer in "Im Angesicht des Verbrechens" (Berlinale)
Max Riemelt und Marie Bäumer in "Im Angesicht des Verbrechens" (Berlinale)

Der Genrefilm ist im deutschen Kino ein Stiefkind und wird gerne ins Fernsehen abgeschoben, umso erfreulicher, dass sich auf der diesjährigen Berlinale gleich mehrere deutsche Filmemacher hinein wagen.

Im Forum zeigt Thomas Arslan mit "Im Schatten" einen Berliner Gangsterfilm und im offiziellen Wettbewerb rennt Benjamin Heisenberg "Räuber" um sein Leben.

Ebenfalls im Forum der Berlinale zeigt Dominik Graf gleich eine ganze Serie: 490 Minuten umfasst sein Mafia-Epos "Im Angesicht des Verbrechens".

Dem Genre blieb er immer treu, mit preisgekrönten Filmen wie "Die Katze" mit Götz George oder dem Münchner Tatort "Frau Buh lacht" schrieb Graf deutsche Film- und vor allem Fernsehgeschichte, seine erste Liebe gehörte allerdings einem ganz anderen Genre.

"Ich glaube im Abiturjahrgang, da kam ein Englischlehrer und hat angefangen Western zu zeigen, und das hat mich wirklich völlig überrascht. Die erste Begegnung mit Rio Bravo, das war grandios und hat dann gleich auch schon so ne Genrewütigkeit bei mir zur Folge gehabt, weil man so spürte im Genre ist ja viel mehr klarer Stil, viel mehr klare Erzählform, von Typologie der Figuren und ne, sehr viel Humor und dann eben, Leben und Tod in jeder Hinsicht, viel mehr möglich als in dem von mir zunächst allein überhaupt wahrgenommenen Kunstfilm. Und das hat mich dann mit ein paar Jahren Verspätung dann noch mal auf die Filmhochschule gebracht und dort dann eigentlich auch gleich in die Nähe von, nicht grade Western, aber von zumindest Polizeithrillern."

In den 70er-Jahren beginnt Graf an der Münchner Filmhochschule zu studieren. Zu einer Zeit, in der der Deutsche Autorenfilm Hochkonjunktur hat, beschließen er und seine Kommilitonen mit den schmalen Hochschulbudgets Genrefilme zu drehen. Nach seinem Abschluss beginnt er für die Bavaria zu arbeiten. Im Fernsehen der 80er-Jahre findet er seine "Spielwiese", dreht Fahnder-Folgen und Tatorte und arbeitet zwischendurch immer wieder auch fürs Kino. Das Wichtigste fürs Genre, sagt er, sind gute Bücher!

"Es war halt so, dass ich auch sehr schnell merkte, dass ich mit meiner Art zu inszenieren völlig von Autoren abhängig bin, es gab aber dann auch im Umfeld der Hochschule und an der Hochschule selbst nen ganzen Haufen von jungen Autoren Christoph Fromm, Sherry Horman und eben auch Rolf Basedow, also Leute, deren Fantasien, deren Stories, deren Figuren mich immer enorm inspiriert hat, und wenn man die umsetzen konnte, egal ob es jetzt mit Günter Schütter "Die Sieger" oder eben mit Rolf Basedow sehr viele Fernsehgeschichten waren, dann hatte man immer das Gefühl, es ist vollkommen egal, ob man das jetzt fürs Kino oder fürs Fernsehen macht, es geht einfach nur um das, was in dem Drehbuch steht, das umsetzen zu können."

Von Rolf Basedow stammt auch das Drehbuch für die Mini-Serie "Im Angesicht des Verbrechens", Grafs Berlinale-Beitrag.

Im Zentrum steht der Berliner Streifenpolizist Marek Gorsky, Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Als er und sein Kollege Sven zum LKA kommen, werden sie in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen hineingezogen und Mareks Vergangenheit holt ihn ein: der Mord an seinem älteren Bruder Grischa.

Filmszene: "Ich muss wissen, was mit Grischa passiert ist. Ich brauch ne Spur, nen Hinweis, irgendwas womit ich weiterkomme."
"Wir schmuggeln Zigaretten in die Russland, wir verdienen Millionen damit und investieren das Geld wieder in saubere Geschäfte."
"Wenn sie dich kriegen, für wie lange musst du ins Gefängnis?"

Mit vielen Nebensträngen gelingt Rolf Basedow ein Berliner Nachwende-Mafia-Epos um Verbrechen und Strafe, Liebe und Schuld, das Graf fürs Fernsehen inszeniert, als wäre es Kino.

"Für mich ist es einfach so, dass diese Art der Filme mir im Grunde am meisten Spaß macht, und ich gehe letzten Endes, also auch in der Zusammenarbeit mit den Autoren, immer den Weg, wo ich ein Drehbuch finde. Manchmal mache ich ein Drehbuch auch nur wegen einer einzelnen Szene, die ich so großartig finde und finde, das sollte für die Nachwelt erhalten bleiben, was der Kollege da geschrieben hat so eine Lebensfreude, eine geheimnisvolle Art der Erzählweise, aber doch auch eine Direktheit in den Konflikten in den Dialogen, die man so im deutschen Kino ja überhaupt nicht mehr findet."

Filmszene: "Willst Dich irgendwann mal schämen, vor nem Toten?"
"Meinst Du er liegt da drin und schreit nach Rache?"
"Ja, warum nicht?"

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