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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.12.2013

MärchenklassikerEin Film vereint Ost und West

"Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" war über den Eisernen Vorhang hinaus beliebt

Von Noemi Schneider

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(picture-alliance/ dpa)
Der Prinz passt Aschenbrödel im Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" den verlorenen Schuh an (picture-alliance/ dpa)

Das Erfolgsgeheimnis von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“: Eine liebenswerte Hauptfigur, eine böse Stiefmutter, eine böse Stiefschwester, ein schöner Prinz und ein gutes Ende. Das Märchen der tschechischen Autorin Bozena Nemcova war beliebt in Ost und West. Bereits seit 40 Jahren läuft der Märchenfilmklassiker um die Weihnachtszeit im Fernsehen.

"Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht. Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht. Zum Dritten: Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr? Schade, so lange sie die Antwort auf mein Rätsel nicht wissen, leben Sie wohl!"

Mit diesen Worten verlässt Aschenbrödel in Vaclav Vorliceks berühmter Märchenverfilmung den königlichen Ballsaal und lässt ihren Prinzen einfach stehen.

Der Film, entstanden als Koproduktion zwischen der DEFA und den Barandov-Studios in Prag Anfang der 1970er Jahre ist großes Kino mit einem hervorragenden deutsch-tschechischen Schauspielerensemble, allen voran Libuse Safrancova als Aschenbrödel, die den rebellischen Geist der 70er Jahre verkörpert. Sie ist rothaarig, schlagfertig, voll Witz und Charme und hin- und wieder unendlich traurig.  Dieses Aschenbrödel kann schießen wie ein Jäger und reiten wie der Teufel.

Was sie gleich zu Beginn des Films unter Beweis stellt, wenn sie selbstvergessen zur Musik des tschechischen Komponisten Karel Svoboda auf ihrem Pferd Nikolaus durch den verschneiten Böhmerwald galoppiert.

Seine umjubelten Uraufführungen feierte der Film im Winter 1973 in der CSSR, im Frühling 1974 in Ostberlin und ein Jahr darauf in der BRD. Mit zahllosen Preisen ausgezeichnet, lies der Film in über 50 Ländern die Kinokassen klingeln und gilt bis heute als „erfolgreichster Märchenfilm“ aller Zeiten.

Seit 1975 läuft „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ in der Schweiz, in Deutschland, Norwegen, Tschechien und der Slowakei jedes Jahr zur Weihnachtszeit im Fernsehen rauf und runter.

Warum gerade dieser Film seit 40 Jahren Ost- und West gleichermaßen im Kinosessel oder vor dem Fernseher vereint, lässt sich auf seine absolute Ideologiefreiheit zurückführen.

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist ein Märchen, das der Regisseur Vaclav Vorlicek so verfilmt hat, wie man es besser nicht machen könne, sagte er selbst, Jahre später. Der damalige Regieassistent Peter Bohnenstengel sieht die Besonderheit des Films in seiner zeitlosen Erzählweise.

"Das war so rührend"

Peter Bohnenstengel: "Das hier ein Märchen erzählt wird, was eben nicht so mit Grausamkeiten umgeht. Alles was wir sehen, in der Korrespondenz der Darsteller untereinander, der Figuren, aber auch in der Charakteristik, das sind alles Dinge, die übertragbar sind auf heute. Er kommt also ohne besondere Gnome und Feen und sonst was aus, was ja in Märchen meist enthalten ist. Es sind alles realistische Figuren und Szenen bis auf die beiden Sachen, die Tauben und das zweite, dass aus den Haselnüssen Kleider hervorspringen. Aber alles, der Film spielt im 15.,16. Jahrhundert, alles andere ist übertragbar."

Seit seiner Erstausstrahlung im Fernsehen pilgern Fans zu den Drehorten in Deutschland und Tschechien. Auf Schloss Moritzburg bei Dresden ist alljährlich im Winter eine Ausstellung mit den Originalkostümen zu sehen, eine Musicalversion des Stoffs feierte in diesem Jahr Premiere und rund um die Weihnachtszeit kommt der Film sogar hin- und wieder als Sondervorstellung ins Kino, erinnert sich die Schauspielerin Dorothea Meissner, die dem Aschenbrödel ihre deutsche Stimme lieh.

Dorothea Meissner: "Da saß ich, am Sonntagvormittag in einem vollen, großen Kino, da waren Eltern mit ihren Kindern... das war so rührend es war auch so schön, den Film nochmal auf ner großen Leinwand zu sehen. Und da hab ich gemerkt, was das für ein sehr guter Film ist, was das für eine tolle Kameraführung ist, diese Musik, die Bilder und äh, ich glaube, was ganz schön in dem Film ist, ist der Schnee, dass das Märchen im Schnee spielt, das ist einfach traumhaft schön."

Und gerade das mit dem Schnee, war eigentlich ganz anders geplant, erinnert sich der damalige Regieassistent Peter Bohnenstengen.

Bohnenstengel: "Ich weiß nur soviel, dass also der Vorlicek, diese Idee hatte, das Märchen zu verfilmen. Er wollte am Anfang am liebsten das drehen, das reitende Aschenbrödel durch Wiesen und blühende Felder und dergleichen, das wollte die DEFA aber nicht, die wollte ihre Leute, das heißt ihre Sparten beschäftigen im Winter, das wollte wieder das Barandov-Studio nicht, schließlich kam folgendes zu Stande: Volicek hatte irgendwie ein Bild gesehen von Peter Brueghel, das hing in einer Ausstellung in Wien und dieses Bild hat ihn so inspiriert, eine Winterlandschaft, das hieß „Jagd im Schnee, oder so ähnlich, das hat ihn so inspiriert, dass er gesagt hat, ich möchte das doch im Winter drehen."

Ideologiefreier, deutsch-tschechischer Schnee, sparsame und witzige Dialoge, eine zeitgemäße Erzählweise, tolle Schauspieler, eine lyrisch – poetische Bildgestaltung und Musik, die jeder, der sie einmal gehört hat, mitsummen kann – so lautet das Erfolgsgeheimnis der „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ seit 40 Jahren. Und vielleicht erfüllt der Film, der angesichts von 3D und Special Effects heutzutage schon fast „schlicht“ zu nennen ist, eine Sehnsucht, die uns gelegentlich und besonders zur Weihnachtszeit überfällt, nach einem einfachen, analogen Märchen.

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