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Zeitfragen | Beitrag vom 23.10.2019

Männliche Sexualität auf der Venus Frauen sind willig, Männer potent

Von Matthias Finger

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Eine Stripperin auf der Venus performt nackt, im Bildhintergrund richten Männer ihre Kameras auf sie. (Getty Images / Sean Gallup)
Männer aus allen Bevölkerungsschichten besuchen die Erotikmesse Venus in Berlin. (Getty Images / Sean Gallup)

Die Erotikmesse Venus bietet das, was viele heterosexuelle Männer, die dort hingehen, erregt: nackte und willige Frauen. Aber was sieht man, wenn man den Blick wendet, und genau auf diese männlichen Besucher schaut? Wie performen sie selbst ihre Sexualität?

"Einfach diesen erotischen Kick, diesen Reiz live zu erleben, die Frauen zu sehen. Einfach dieses Prickeln festzuhalten. – Das ist was anderes als zuhause? – Das ist was anderes als zuhause, auf jeden Fall."

Eine Traube – aus vielleicht 25 erregten Männern – drängt sich um einen Stand. Sie halten Kameras und Handys in die Höhe, um das Geschehen – über die Köpfe ihrer Vordermänner hinweg – zu filmen. Sie geifern, doch auch ich kann das Herdentier in mir nicht abstellen. Ich will sehen, was den Tumult verursacht – und traue meinen Augen kaum: Eine nackte Frau rekelt sich mit gespreizten Beinen auf einem Tischchen und spielt mit ihren Schamlippen. Willkommen auf der Erotikmesse Venus.

"Ja, dass es Frauen gibt, die sich so gerne darstellen – das ist das, was mich reizt. Ich gucke nur nach den schönen Frauen. Natürlich gibt es für alle Geschmäcker was, aber das ist nicht so mein Fall. Aber hier ist mal was Schönes." – Die Bilder sind nur für dich? – "Ja, die Bilder sind nur für mich."

Erzählt ein Hobbyfotograf mit riesigem Kameraobjektiv. Der Pornopulk vereint Männer aus allen Bevölkerungsschichten: Ich spreche mit Arbeitern und einem Vertriebsleiter aus der Automobilindustrie, mit Jung und Alt: 

"Na, um das mal wieder alles anzusehen, um Erfahrungen aufzufrischen und das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Und vor allem die vielen kleine Nackedeis, die Schnuckis die hier rumlaufen – die sind doch was fürs Auge. Muss man auch mal haben als Rentner." – Gibt’s eine Frau zuhause? Was sagt die dazu? – "Das weiß ich auch nicht genau. Aber ich habe ja kein Verbrechen begangen, indem ich hierher gefahren bin."

Darbietung menschlicher Triebe

Dem Mann steht ein Besuch auf so einer Messe einfach zu, das strahlt nicht nur dieser Rentner hier aus. Wobei man hinzufügen muss, dass der Begriff Messe etwas merkwürdig erscheint, je länger man sich hier aufhält. – Zu businessmäßig für eine Veranstaltung, auf der menschliche Triebe so ungeniert bedient werden. Dass diese Art des Porno- und Sexkonsums als angestaubt und aus der Zeit gefallen gilt, davon spürt man hier nichts. 

Ist das nicht ein ganz altes Frauenbild, die da nackt hinzustellen? – "Ich glaube, die werden nicht nackt hingestellt, sondern die stellen sich nackt hin. Und im Hintergrund einer Sexismusdebatte sollte man immer sehen, dass die Selbstbestimmung der Frau im Vordergrund steht. Die Me-Too-Debatte kommt ja auch aus einem ganz anderen Umfeld. Es gibt hier in diesem ganzen Geschäft auch kein ungefragtes Anfassen – und wenn, dann nur sehr wenig." 

Offenes sexistisches Verhalten, bei dem Frauen körperlich erniedrigt werden, findet auf der Venus tatsächlich kaum statt. Gezüchtigt werden nur zwei in Latex gehüllte Männer, die eine Kutsche durch die Hallen ziehen. Die dargestellten Geschlechterstereotypen folgen jedoch einem tradierten Pornogrundsatz: Frauen sind immer willig. Als immer potente Männer helfen Freiwillige aus dem Publikum aus. Statt nur passiv zu konsumieren, sollen sie aktiv performen. 

Warum seid ihr zu Erotikmesse gekommen? "Um uns komplett daneben zu benehmen: Weiber betatschen, Muschis zu lecken, Nippel zu lecken." Kann man das alles hier machen? "Wenn man genug Dreistigkeit an den Tag legt, dann geht hier alles." - "Du darfst halt einfach nicht so ein Typ sein, der eine Kamera hat und das fortgeschrittene Alter hat, sondern du musst ein Typ sein, der noch Mitte 20, 30 ist. Ein bisschen Dreistigkeit besitzt, aber trotzdem Charme dabei. Also nicht der Vollassi – dann läuft da einiges auf jeden Fall."

Jüngere Männer vs. alte Gaffer

Jüngere Männer gerieren sich gern als neue, begehrenswerte Besuchergeneration – im Gegensatz zu den alten Gaffern, von denen sie sich klar abgrenzen wollen. Auf einer Bühne liegt rücklings eine halbnackte Frau, und streckt dem Publikum ihr unbekleidetes Geschlecht entgegen. Zuschauer sollen sie fisten – also eine Faust, im Gummihandschuh, komplett in die Vagina einführen und diese durch Bewegungen stimulieren. Erst darf sich eine Besucherin ausprobieren, dann stellt ein Zuschauer seine Potenz unter Beweis.

Moderatorin: "Das ist ein beherzter Zugriff, junger Mann. Naturtalent. Der weiß, wie es geht. Das hat er so gut gemacht: Er darf noch mal. Eieieieiei."

Der Begriff Naturtalent mit schlüpfrigen Bezug zur sexuellen Performance: Mann muss zeigen, dass er befriedigen kann  – im echten Leben. Dass er nicht nur zuguckt, sondern drauf hat, was von ihm erwartet wird. Dann geht das Publikum mit. Und die Frau auf der Bühne goutiert sein Bemühen mit einstudiertem Stöhnen.

Wo bin hier nur gelandet? Sex als billiges Spektakel finde ich fragwürdig – trotzdem muss ich hinschauen: Um mich herum wieder hunderte Kameras, Handys. Die Fotos sollen beweisen: Ihre Besitzer haben den Vollzug intimster Handlungen selbst gesehen – statt nur Repräsentationen davon im Netz. Angebote für homosexuelle Kunden hingegen scheint es nicht zu geben: Die Venus ist zweifellos hetero-normativ. 

Ein wenig Sexuelles auch für Besucherinnen

Stereotyp ist ja: Nur Männer kommen zur Erotikmesse. Sie sind auch hier. Warum sind sie gekommen heute? Frau: "Also wir sind als Paar hier, wollen uns ein paar Anregungen holen und vielleicht etwas shoppen. Ein paar Klamotten, ein bisschen Spielzeug. Wir sind über die Messe gebummelt, haben uns die Stände angeguckt, ein paar Klamotten anprobiert und haben ein bisschen was gefunden."

Für weibliche Besucher werden auf der Erotikmesse auch Männer zum Lustobjekt. Immer mal wieder kommen knackige Typen in knapper Kleidung vorbei, die stolz ihre Muckis präsentieren – Promoter. In einem kleinen, mit Milchglasscheiben umstellten Ladysarea strippen muskelbepackte Typen – in Polizeiuniform für Frauen. Geschätzt machen die vielleicht ein Fünftel der Besucher aus.

Frau: "Nee, hier werden auch die Männer zur Schau gestellt. Von daher ist es scheißegal." Mann: "Männer sind ja auch hier, die sich ausziehen. Das sind ja nicht nur Frauen. Man kann sich hier ja auch Stripshows mit Männern angucken."

Die Erotikmesse Venus gibt sich modern: Beide Geschlechter können sich hier vergnügen. Doch im Grunde bedient die Veranstaltung ein altes Muster: Männer performen hier nach wie vor eher konventionelle Erwartungen an ihre Sexualität.

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