Seit 10:05 Uhr Lesart

Mittwoch, 20.11.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Zeitfragen | Beitrag vom 23.10.2019

Männerbilder beim Pornfilmfestival Berlin Jenseits vom Mainstream

Von Gerd Brendel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Kumar Muniandy steht in "Sunny Boy" unter der Dusche. (Pornfilmfestival / Sara Moralo)
Der Film "Sunny Boy" porträtiert einen schwulen Mann Ende Dreißig aus Indien. (Pornfilmfestival / Sara Moralo)

"Das Pornografische bleibt politisch“, heißt es beim Pornfilmfestival Berlin in Anlehnung an den Grundsatz der zweiten Frauenbewegung. Männerrollen werden hinterfragt. Wie wird männliches Begehren im Nicht-Mainstream-Porno dargestellt?

Ein Grund weshalb konventionelle Pornos dumm wirken: Die Männer – so zumindest im 0815-Porno - "sind total Macho ... Macho- Fuckers …"
 
Martin, der gerne im Netz Pornos schaut und auf dem Pornfilmfestival auf der Suche nach Abwechslung ist: "Ich bin der allgemeine Verbraucher von Pornos." 

Anders als im Standardporno präsentieren die Filme beim Berliner Pornfilmfestival Männer facettenreicher, wie zum Beispiel Tommy Pistol in "Unraveled Intimacy" zu Deutsch : "aufgedröselte Intimität".

Männer, die Bedürfnisse artikulieren

Männer, die auch mal aus ihrer Macho-Rolle fallen dürfen und Bedürfnisse artikulieren und ausleben:

"Ich will ihren Fuß in Seidenstrümpfen an meinem Schwanz, ich will, dass sie ihn beißt, ich will, dass sie mir ins Gesicht spuckt, aber ich will sie auch würgen."

… sagt Madison Young, Pornodarstellerin, Buchautorin und Regisseurin von "unraveled intimacy".

"Es kommt darauf an, zu verstehen, dass Sexualität fließend ist, dass wir Raum geben, zu wechseln zwischen Dominanz und Unterwerfung, etwas einfordern und etwas empfangen."

In ihrem Film finden Pistol und seine Partnerin nach einer Lesung mit einem von Madison Youngs Ratgeber-Büchern wieder zueinander.

"Als sie mich hören, wie ich über Sexualität und Kommunikation rede, und darüber, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, erregt sie das so sehr, dass sie in der Garderobe verschwinden."

"Wir versuchen, Diversität zu zeigen, nicht ein Männerbild, sondern Bilder im Plural, mit den Klischees brechen, Mann ist nicht gleich Mann, und sowieso erst mal Mensch.

Sagt Paulitta Papell, eine der Organisatorinnen des Berlinerpornfilm-Festivals.

"Dieses binäre Denken, so schwarz, weiß, Mann, Frau, Subjekt, Objekt entspricht nicht der Realität, die Realität ist komplexer als das."

Männer bei authentischem Sex 

Komplexer als die stereotypen heterosexuellen Mainstream-Pornos mit ihrer starren Rollenverteilung: weibliches Objekt der Begierde, männliches begehrendes Subjekt.

"Egal, ob wir zu Objekt werden oder uns selbst als Objekt darstellen, bleiben wir Subjekt. Ich bin nicht nur Subjekt oder Objekt. Ich glaube, ich kann gleichzeitig Subjekt und Objekt sein."

Die Filme im Pornfestival zeigen Männer bei authentischem Sex und einen Alltag, der im Mainstream-Porno nicht vorkommt. In dem brasilianischen Film "Greta" zum Beispiel von Armado Praca versteckt der 70-jährige Krankenpfleger einen verwundeten Verbrecher. Allmählich entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung. Die Sexszenen zwischen den beiden berühren und sind alles andere als langweilig. Dass ein alter Mann, der nicht mehr die typischen Schönheitsideale erfüllt, trotzdem sexy sein kann.
 
Ines Moldavsky kommt in ihrem Film "The Men Behind The Wall" ganz ohne Sexszene aus. Er lebt von den erzählten Fantasien der palästinensischen Männer, die die jüdisch-israelische Filmemacherin über Dating-Apps im Westjordanland trifft. Wenn das Private politisch ist, dann gilt das für Sex umso mehr.

"Ich finde es interessant, wenn man Identität in einem Kontext betrachtet, weil wir sind ja immer in einem Kontext."

Und in unseren jeweiligen Kontexten sind wir nie auf nur eine Rolle festgelegt. Auch beim Sex spielen Männer und Frauen eine Rolle.

"Das Gegenteil von Reden ist Spielen, also man redet nicht über Sex, sondern macht es aus, spielt einen Master oder spielt einen Sklaven."

Sagt Martin, der Porno-Konsument.

"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Sagte Friedrich Schiller. Und das gilt auch für die eine Hälfte der Menschheit, die nicht nur im Mainstream-Porno häufig auf die eine Rolle festgelegt werden: Die Männer.

Mehr zum Thema

Blogging-Plattform Tumblr - Niedergang eines Giganten
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 17.08.2019)

Intimität - Wie wir Nähe leben
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 10.08.2019)

Besuch beim Pornodreh - Texas Pattis Karnevalsparty
(Deutschlandfunk Kultur, Feature, 08.05.2019)

Zeitfragen

Deutschlands Akademisierung Für alles einen Master, bitte!
Eine Illustration von Studenten und Studentinnen in einem Hörsaal, mit Büchern statt Köpfen.  (imago / Oivind Hovland)

Genau 20.118 Studiengänge gibt es in Deutschland. Dazu rund 2,9 Millionen Studentinnen und Studenten. Leidet unser Land unter einem Akademisierungswahn und fehlender beruflicher Bildung? Oder übersehen wir einfach die Potenziale von Bildungsaufsteigern?Mehr

Eschweiler im BraunkohlerevierNachhaltig in die Zukunft
Eschweiler: Die Windkraftanlage vor dem Braunkohlengroßkraftwerk Weisweiler im Rheinland. (imago / Sepp Spiegl)

Mehr als ein Drittel von Eschweiler war einmal von Tagebauen belegt. Umso wichtiger ist den Stadtverantwortlichen heute das Thema Nachhaltigkeit. Die Stadt setzt auf Erneuerbare Energien, es gibt Häuser aus recyceltem Beton – und ausreichend Kita-Plätze.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur