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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 01.02.2019

Machtstrukturen im JudentumWenn Gläubige sich schutzlos fühlen

Von Thomas Klatt

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Orthodoxe Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg: Mehrere Männer mit langen schwarzen Mänteln und schwarzen Hüten stehen auf eien Bürgersteig. (imago/ZUMA Press)
Orthodoxe Juden in New York: "Jeder erwachsene Mann hat eine Art Autorität, die nicht zu hinterfragen ist", sagt die Schriftstellerin Deborah Feldman. (imago/ZUMA Press)

In der jüdischen Gemeinde in Deutschland sind bisher keine Missbrauchsfälle bekannt geworden. Dennoch vertritt der Politikwissenschaftler Jonas Fegert die These, dass die jüdischen Gemeindestrukturen Missbrauch begünstigen.

Jonas Fegert will einen Stein ins Rollen bringen. "Bei uns doch nicht", heißt der aktuelle Aufsatz des Politikwissenschaftlers im jüdischen Debattenmagazin "Jalta". Thema: sexueller Missbrauch.

"Ich hab die Aufarbeitung mitbekommen bei der evangelischen Kirche, bei der katholischen Kirche, und da hab ich mich gefragt, wie verhält es sich mit den jüdischen Gemeinschaften oder mit der jüdischen Gemeindestruktur in Deutschland?"

Abhängigkeitsprozesse bei der Konversion

Anders als in den Kirchen gebe es bislang keinen öffentlichen Skandal, aber Machtstrukturen, die sexuellen Missbrauch begünstigen können, meint er.

"Die Integration von Tausenden von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in die deutschen Gemeinden, wo teilweise eben Individuen darüber entschieden haben, ob sie Gemeindemitglieder werden oder nicht. Ich glaube das hat schon auch Abhängigkeitsverhältnisse produziert, vor allem in den Neunziger- und Nullerjahren."

Auch Konversionsprozesse könnten dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen. Wer zum Judentum konvertieren will, muss ein langwieriges Verfahren durchlaufen. Man muss zunächst einen Rabbiner oder eine Rabbinerin finden, der oder die einen unterrichtet und beim Rabbinatsgericht vorschlägt. Dann muss man vor dem Rabbinatsgericht Rede und Antwort stehen. Die Konversion ist vollzogen, wenn die Kandidatin oder der Kandidat ins jüdische Tauchbad geht. Das erfordert Zeugen. In der Orthodoxie können das nur Männer sein. Meist gehen die Frauen in der Orthodoxie in einem Hemd ins Wasser. So manche empfindet das als demütigend und spricht von der "jüdischen Version des Wet-T-Shirt". Allerdings gibt es oft noch einen weiteren Sichtschutz, zum Beispiel einen Schirm. *

Jonas Fegert sieht vor allem vor der Konversion Möglichkeiten für Machtmissbrauch. Wer sich einer Rabbinerin oder einem Rabbiner anvertraue und vom guten Willen abhängig ist, habe es schwer, Grenzen zu ziehen oder gar aufzubegehren.

"Weil sie oft nicht wissen, wie lange diese Prozesse dauern, was sie tun müssen, um Mitglied der jüdischen Gemeinschaft zu werden, dem relativ schutzlos ausgeliefert sind. Und in den USA gab es da in den letzten Jahren eine Selbstorganisation von Leuten, die konvertieren, um einfach abzuklären, eine Struktur der gegenseitigen Hilfe. Und ich glaube in Deutschland sind Leute, die sich auf den Weg zum Judentum machen, oftmals relativ alleine. Da muss auch aufgepasst werden, dass das nicht missbraucht wird."

Der Rabbi filmte heimlich Frauen

Da gehe es um Putzen und Aufräumen und Kochen in der Gemeinde. Und was noch? Etwa auch sexuelle Gefälligkeiten? - Zumindest in den USA und Israel gebe es schon jetzt handfeste Skandale. Bekannt wurde etwa der Fall eines US-Rabbiners, der nackte Frauen heimlich in der Mikwe, also im rituellen Reinigungsbad, filmte. Ein Gericht verurteilte den Mann zu sechseinhalb Jahren Gefängnis.

Deborah Feldman war selbst Mitglied einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in den USA, einer Gemeinschaft, in der Mädchen und oft auch Jungen sexuell unerfahren in die Ehe gehen. Sie hat sich von der Gemeinschaft in Brooklyn losgelöst und lebt inzwischen in Deutschland. In ihrem Buch "Unorthodox" beschreibt sie zahlreiche sexuelle Details.

"Die Sprachlosigkeit, die dann herrscht. Diese Starre, in dem Erlebnis gefangen zu bleiben, weil man nicht mit Sprache rauskommen kann, das habe ich versucht zu beschreiben und das ist das, was für mich die Orthodoxie bemerkenswert macht. Dass die Gesellschaft so abgeschottet ist und Sexualität sowieso so ein Tabu ist, dass wenn sexueller Missbrauch passiert, kann das wirklich einen freien Raum genießen."

Die ultraorthodoxen Gemeinschaften seien oft autoritär organisiert, so Feldman. Darüber könnten romantische Kaftane, schwarze Hüte, Schläfenlocken und Perücken nicht hinwegtäuschen. Jeder erwachsene Mann sei eine Autoritätsperson.

"Da sind sehr viele Funktionäre, die Macht haben, die irgendwelche Autoritätsbereiche haben. Jeder erwachsene Mann hat eine Art Autorität, die nicht zu hinterfragen ist, während jede Frau null Autorität hat - und jedes Kind."

Mit Richtlinien gegen sexuellen Missbrauch

Und in Deutschland? Gibt es so etwas nicht, sagt Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ZWST. Er ist für den Zentralrat der Juden für das Thema sexueller Missbrauch zuständig. Die Situation in Deutschland sei anders als in den USA oder Israel.

"Das sind Strukturen, die wir hier in Deutschland gar nicht haben. Da reden wir über Religionsschulen, wo Minderjährige in so genannten Talmudschulen schon sehr früh an die Religion herangeführt werden und in quasi Internaten Tag und Nacht von religiösem Personal betreut werden."

Natürlich gebe es auch in Deutschland jüdische Freizeiten mit Kindern und Jugendlichen, organisiert und verantwortet von der ZWST. Und da müsse es eben klare Richtlinien geben, um sexuellen Missbrauch zu verhindern. Etwa auch in Kooperation mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, arbeite man daran.

"Wer betritt wann ein Zimmer des anderen Geschlechts? Oder wie verhält sich ein Jugendleiter in einem Zelt, in dem zehn Kinder schlafen und wie lange hält er sich in diesem Zelt auf? Da würde ich mir mehr Wissenstransfer wünschen."

Bisher kein Missbrauch in Deutschland bekannt

Einen zentralen Ansprechpartner oder eine unabhängige Stelle, bei der Betroffene sexuellen Missbrauch melden können, gibt es bislang für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht. Der Grund dafür sei einfach, sagt Aaron Schuster: Weil die ZWST für solche Fälle da sei.

Doch dies könnte im Missbrauchsfall bedeuten: Opfer müssten sich in bestimmten Fällen an die Organisation wenden, in der der Missbrauch geschehen sein kann. Genau das wurde und wird zumindest im christlich-kirchlichen Kontext immer wieder von Betroffenen und Experten kritisiert. Es müsse eben unabhängige Stellen geben. - Von konkreten Missbrauchsfällen an oder unter Juden wisse er bislang aber nur aus einem familiären Umfeld, sagt Schuster. Aus den Gemeinden oder der ZWST sei ihm bis heute kein Missbrauch bekannt. Dass es jüdische Missbrauchsfälle in Deutschland geben mag, will Aron Schuster aber nicht ausschließen. Doch bislang gab es kaum Debatten darüber, sagt Jonas Fegert.

"Wenn diese Fälle nicht öffentlich geworden sind, dann liegt das an der Struktur der jüdischen Gemeinde selber, dass nämlich nach außen zu einer nichtjüdischen Öffentlichkeit hin dicht gehalten wird. Dass man aus berechtigter Angst vor Antisemitismus oftmals über negative Sachen in der jüdischen Gemeinschaft nicht redet, nicht spricht. Aber das Dichthalten ermöglicht auch, dass bestimmte Schutzstrukturen oder Schutzräume nicht geschaffen werden. Und dagegen gilt es was zu tun."

* In einer früheren Version des Textes war an dieser Stelle ein inhaltlicher Fehler.

Jonas Fegert: "Bei uns doch nicht"
In: Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart.
Nefelis Verlag, 2018
170 Seiten, 16 Euro

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