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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 27.06.2009

Machtkampf im Iran

Hintergründe und Folgen

Zu Gast: Sharham Najafi und Halim Hosny

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Anhänger der Opposition im Iran werden von Polizei verfolgt (AP)
Anhänger der Opposition im Iran werden von Polizei verfolgt (AP)

Auch zwei Wochen nach der umstrittenen Wahl im Iran gehen die Proteste weiter, zwar nehmen die großen Straßendemonstrationen unter dem gewaltsamen Druck der Milizen ab, aber die Forderung nach einer Annullierung der Wahl bleibt. Hinter den Kulissen schwelt ein erbitterter Kampf um die Macht im Gottesstaat.

Ihn verfolgen besonders die Exiliraner mit großem Interesse und Bangen.
Auch der Politikwissenschaftler Shahram Najafi, der seit Ende der 80er-Jahre in Deutschland lebt. Er verließ Teheran mit zwölf Jahren, da er zur Kinderarmee eingezogen werden sollte. Viele seiner Verwandten und Freunde leben nach wie vor im Iran. Mit ihnen steht er im ständigen Kontakt, über Handy, Facebook und Twitter – soweit die Verbindungen nicht von den Zensoren lahmgelegt werden.

"Das Internet untersteht staatlicher Kontrolle, die finden deine IP-Adresse heraus und nehmen dich fest. Und wenn jemand mit Wireless Lan arbeitet, dann stellen sie ganze Häuserblocks unter Quarantäne. Von Januar bis März gab es einige, die in den Gefängnissen Selbstmord begangen haben. Die Leichen wurden den Familien nicht übergeben, eine Obduktion wurde ihnen verwehrt. Jetzt gibt es Millionen von Milizen, die mit Recht zuschlagen und töten – oder sie glauben, das zu dürfen – auf jeden Fall werden sie nicht belangt. Sobald vier bis fünf Leute zusammenkommen, werden sie geschlagen, Zugänge zu öffentlichen Plätzen sind gesperrt."

Überwachung und Übergriffe gehörten – auch schon vor der Wahl – zum Alltag der Iraner: "Vorher betraf es Journalisten, Intellektuelle, Schriftsteller, politische Aktivisten. Angefangen hat es schon nach der ersten Wahl von Ahmadinedschad, dass man gleich auch kleinste Freiheiten einschränkte. Die Sittenpolizei wird dazu abgestellt, zu gucken, ob junge Frauen die Verhüllung einhalten, sie werden beschimpft, wenn sie Make-up tragen und aufgefordert, die Verhüllung zurechtzuziehen. Dann gab es eine Welle von Verhaftungen, von Bloggern. Journalisten gab es zwar noch, aber die Zeitungen wurden nach und nach geschlossen. Die Journalisten verlegten sich aufs Internet, bloggten ihre Artikel, viele wurden festgenommen."

Er ist nicht besonders optimistisch, dass die Demonstrationen erfolgreich sein werden: "Ich gehe davon aus, dass das Terrorsystem immer heftiger wird."

Allerdings setzt er eine Hoffnung auf den innerpolitischen Machtkampf:

"Was man sehen kann, sind erste Risse im politischen Lager, im innersten Machtkreis, die können nicht mehr gekittet werden, egal, ob es weitere Demonstrationen gibt oder nicht. Und das kann dazu führen, dass es einen Wandel gibt."

Der Journalist Halim Hosny berichtete bis zu dieser Woche als Korrespondent für das ZDF aus dem Iran. Nach der Wahl wurde seine Arbeit von den staatlichen Kräften aber derart eingeschränkt - er durfte nicht mehr auf der Straße drehen, das Büro nicht mehr verlassen - dass er ausreiste. Außerdem legten ihm staatliche Stellen nahe, das Land zu verlassen, um sein Visum nicht zu gefährden.

Jenseits der aktuellen politischen Berichterstattung möchte er ein möglichst reales Bild des Iran zeigen, der Menschen, des Alltags.

"Aus eigener Beobachtung musste ich erkennen, dass das Land ganz anders ist, als in den Klischees. 70 Prozent der Menschen leben urban und nicht auf dem Land, sie holen sich das Wasser nicht aus dem Brunnen. Sie sind nicht schwarz gekleidet und unterdrückt. Der Iran ist ein Land mit vielen Gegensätzen, tiefen Gräben, ein Land, das sehr religiös ist, wo aber viele Menschen ihre Religion im Privaten ausleben, nicht in der Öffentlichkeit. Natürlich gibt es eine starke Fraktion der Konservativen, die fünfmal am Tag beten, aber es gibt eben noch mehr."

Dies zeigte er auch in einer 30-minütigen Reportage über das Leben in Teheran, die er kurz vor der Wahl drehte. "Was ich sehe ist, dass die Jugend sich ihre eigene Nische sucht und auch findet. Natürlich gibt es Beschränkungen in der Öffentlichkeit: Wie die Frauen angezogen sind, darüber wacht die Sittenpolizei. Aber sie richten sich darauf ein. Gerade die Mittel- und die Oberschicht leben in Häusern mit Fernsehüberwachung – die sehen, wenn die Polizei kommt, und dann ziehen die Frauen eben ihre Kopftücher wieder an. Es wird auch Alkohol getrunken, aber den füllen sie in Shampooflaschen ab, und wenn die Polizei kommt, stellen sie die Shampooflasche ins Bad. Da sind genug Strategien vorhanden."

"Machtkampf im Iran – Hintergründe und Folgen" – über die vielen Gesichter des Iran, über die Mythen und die Wahrheit diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit Shahram Najafi und Halim Hosny.
Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800–22542254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

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