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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.06.2019

Lyrix-Preis für junge PoetenFreud und Leid des Erwachsenwerdens

Josefine Berkholz und Christian Sülz im Gespräch mit Frank Meyer

Das Foto zeigt eine blonde junge Frau mit Dutt von hinten. Sie blickt auf einen Fluss. Rechts und links ist das Flussufer zu sehen. (Daria Nepriakhina/Unsplash)
Wenn Gedanken durcheinanderwirbeln: Junge Poeten haben daraus spannende Gedichte gemacht. Zwölf von ihnen sind jetzt beim Lyrix-Wettbewerb ausgezeichnet worden. (Daria Nepriakhina/Unsplash)

Der Lyrix-Wettbewerb für Nachwuchspoeten spiegelt wider, was junge Menschen umtreibt: das Erwachsenwerden, der Klimawandel und das Thema Flucht. Auch digitale Medien dienen dabei als Inspirationsquelle.

Große,  lyrische Stimmen aus aller Welt waren beim Berliner Poesiefestival zu Gast. Doch kamen dort auch  deutschsprachige Nachwuchspoetinnen und -poeten im Alter zwischen zehn und 20 Jahren zu Gehör. Zwölf von ihnen wurde gestern der diesjährige, vom Deutschlandradio getragene Lyrix-Preis  überreicht. 

Was beschäftigt die Jung-Lyriker? Das Erwachsenwerden, die Grenzen des eigenen Ichs, aber auch geopolitische Fragen sowie das Thema Flucht sei von den jungen Lyrikern aufgegriffen worden, berichtete der Wettbewerbsinitiator Christian Sülz. Über 1000 Einsendungen hatten die Jury erreicht. Autorin und Poetryslammerin Josefine Berkholz, die die Veranstaltung moderierte,  war selbst vor zehn Jahren unter den Preisträgern und erinnerte sich daran, wie schön es damals war zu entdecken, dass auch andere Jugendliche schreiben.

Digitale Medien und Kreativität 

Die digitalen Medien sind in ihren Augen kein Hindernis für die Kreativität – im Gegenteil: Viele Jugendliche ließen sich dadurch inspirieren. Lyrix trägt nicht nur den Wettbewerb aus, sondern veranstaltet auch Schreibwerkstätten und stellt Lehrerinnen und Lehrern  Materialien für sogenannte "Monatsthemen" zur Verfügung.

Die Preisträgerinnen 2019: Nina Baum (Jahrgang 2000), Helene Finn (Jahrgang 1998), Ruth Dreyer (Jahrgang 2002), Selin Eslek (Jahrgang 2003), Lukas Friedland (Jahrgang 1999), Daniel Kalak (Jahrgang1999), Sophia Meerwald (Jahrgang 1998), Cosima Paul (Jahrgang2001), Tom Niklas Pohlmann (Jahrgang 1999), Kerstin Uebele (Jahrgang 1997), Magdalena Wejwer (Jahrgang 1997), Selin Yacici (Jahrgang 2000).

Gedicht der Preisträgerin Nina Baum

ein bisschen wie unter Wasser

Am schönsten bin ich,
wenn ich beide Augen schließe
Dort, wo unser Zuhause ist
tragen wir das Licht in uns
und wir klammern uns mit beiden Händen
am Rand der Toilettenschüssel fest
und kotzen es aus
bis nichts zurück bleibt außer verschmierten
Farben, rot, schwarzblau, Ruß, im Abfluss
weil – was ist schon Licht gegen ewige Verachtung?
wie die Therapiestunden
Unser Licht und die geheimen Paradiesgärten hinter unseren Augenlidern

Ich lüge zu viel, lache aus Verzweiflung und
verschmiere mir die Lippen in den Farben der Nacht
so wie Graffiti
in leer stehenden Häusern oder
Bahnhofshallen
und schlafe zu wenig –
sich mit dir an der Hand in der Stadt
oder im Tag zu verlieren zwischen
leerstehenden Kinosesseln, abgerissenen Busfahrtickets,
der Nacht, unseren Träumen, die sich wie
Luftballons dem Himmel nähern, ist
wie geborgenes Da-sein, Hochhäuser        Zeitungskiosks         
Spielplätze nach Einbruch der Dämmerung
dein Heimweg von der Schule
oder Kinderheime               Verkehr
der Himmel, der sich über Straßenkreuzungen zwischen Hausdächern und Verkehrsschildern aufspannt
oder lernen, auf Grashalmen zu pfeifen                   
Kirschkern-Spucken

- ich schlafe zu wenig

Am schönsten bist du
wenn du mit angezogenen Knien auf deiner Matratze sitzt
und den Rauch von deiner Zigarette inhalierst
Dann färbt sich dein Brustkorb tiefenblau
wie verblichene Tinte
wie der Seetang zwischen deinen Rippen, die Silberfische
in deinem Inneren, wie die
Meerjungfrauen und schlafenden Delfine, die verzauberten Schiffwracks
so wie Atlantis – das Aquarium in deinen Lungenflügeln
ist mein geheimer Planet,
aber immer wenn du lächelst
und dich zur Seite drehst, um den Rauch auszupusten
ist alles wieder verschwunden
(ich bin das, was von dir übrig bleibt
wenn du nicht mehr da bist)

Am schönsten ist die Nacht
wenn sie uns zum Glitzern bringt
und zum Frieren
wie auf dem Weg zur Tankstelle
oder Silvester auf Asphalt
Wir sind
Wir sind beide noch zu jung, um dieses ewige Wach-Sein zu inhalieren
wie das Flackern des Bildschirms durch die Nacht oder oder
Einschlafgeheimnisse und Schuld
Sind wir beide schön

Aber deine Tattoos und die Narben unter deinen
Fingern haben mir ihr verbotenes  Leugnen zugeflüstert
Sie wissen alles über dich
Jetzt bin ich zu alt, um ohne Angst einzuatmen
und wieder ausatmen
einatmen
ausatmen

Zigaretten sind mein Oxygen
und du bist mein Zuhause
am schönsten bin ich mit geschlossenen Augen
am schönsten bin ich mit geschlossenen Augen.

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