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Literatur | Beitrag vom 30.08.2020

LyriksommerPoetische Welten jenseits der Sprache

Von André Hatting

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Collage mit unterschiedlichen Motiven vom Denken und Reden.  (imago/ Donna Grethen)
Zusammen mit den Versen soll ein Reichtum an kulturellen Traditionen „geschmuggelt“ werden. (imago/ Donna Grethen)

Übersetzen ist eine einsame Tätigkeit? Beim VERSschmuggel eigentlich nicht: Da treffen deutsche Lyrikerinnen auf Kollegen, assistiert von einem „Sprachmittler“. Dieses Jahr allerdings digital. Das Virus verhindert die Geselligkeit.

VERSschmuggel heißt eine ungewöhnliche, nicht öffentliche Veranstaltung des Hauses für Poesie in Berlin. "Es ist eine Lyrikübersetzungswerkstatt, ein Lyrikübersetzungstreffen", erklärt die Koordinatorin Karolina Golimowska. "Es bringt Lyrikerinnen und Lyriker aus diversen Sprachgebieten zusammen, damit sie gemeinsam an Übertragungen ihrer Lyrik arbeiten."

Wörtliche Übersetzungen als Ausgangspunkt

Der VERSschmuggel findet jährlich statt, dieses Mal in Kooperation mit Kanada, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse. Inzwischen haben die Nordamerikaner ihren Auftritt wegen des Coronavirus zwar auf 2021 verschoben. Doch das Übersetzungstreffen fand statt, die aufwendigen Vorbereitungen waren längst abgeschlossen. Sie waren noch komplexer als sonst. Denn der Kooperationspartner besitzt zwei Amtssprachen, Englisch und Französisch, was die Zahl der Teilnehmer und Paarungen in die Höhe trieb. 18 Lyrikerinnen und Lyriker sowie neun assistierende "Sprachmittler" verfolgten ein Ziel: Verse verschieben. Aus dem Deutschen ins Französische und Englische und vice versa.

Üblicherweise dauert die Werkstatt in Berlin fünf Tage. Die Pandemie ließ daraus fünf Wochen im digitalen Raum werden. Denn Ausgangsbeschränkungen, Lockdown, Homeschooling und Zeitverschiebung erschwerten die Arbeit.

"Es ist keine Voraussetzung, die jeweils andere Sprache zu beherrschen", betont Karolijna Golimowska. "Das ist eben das Interessante: Es geht um poetische Welten, die jenseits der Sprache funktionieren." Daher nehmen "Sprachmittler" an den Gesprächen teil. Sie haben zuvor Interlinearversionen der Gedichte und Gedichtauszüge erstellt – wörtliche Übersetzungen mit Anmerkungen zu Anspielungen, Wortfeldern, Referenzen, die die Nachdichtung ermöglichen sollen.

Manchmal gibt ein unbegreifliches Wort den Anstoß

Der Australier Joel Scott, einer der "Sprachmittler" und wie viele von ihnen professioneller Übersetzer, findet das "etwas komisch. Es ist ein bisschen das Gegenteil von meiner Arbeit, weil ich versuche, fast schlechte Übersetzungen zu erstellen. Ich will, dass da etwas übrig bleibt für die Lyriker*innen. Und da ich das beruflich mache, kann ich sofort sehen, wie ich das besser machen könnte. Aber ich soll das nicht besser machen. Ich soll das relativ genau und wortwörtlich wiedergeben, damit die Lyriker*innen kommen und das nachdichten können."

Dann beginnt die Arbeit. Zuweilen ist es nur ein Wort, das seltsam, unerklärlich, unbegreiflich scheint. Maren Kames stolperte über "entitlement" in einem Gedicht von Aisha Sasha John. "Da hat Maren den Kopf geschüttelt", erinnert sich Joel Scott, "sie meinte: 'Das begreife ich nicht. In der Interlinearübersetzung leuchtet es mir überhaupt nicht ein.' Sie hat das Wort dann im Wörterbuch nachgeschaut, und das half auch nicht. Ich habe dann auch nachgeschlagen und dachte: 'Nee, was im Wörterbuch steht für 'entitlement', trifft es nicht.'"

Was tun? André Hatting hat den diesjährigen VERSschmuggel verfolgt.

(pla)

Das Manuskript können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Laura Lippmann, Friedhelm Ptok, Max Urlacher und André Hatting
Ton: Christiane Neumann
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Jörg Plath

Im Herbst erscheint im Wunderhorn Verlag die dreisprachige Anthologie zum VERSschmuggel.

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