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Literatur | Beitrag vom 23.08.2020

Lyriksommer - Literaturdokument von 1993Ein ganzes Jahrzehnt in einem Gedicht

Mit Karl Mickel, Adolf Endler und Stephan Hermlin

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Schwarzweißporträt von Karl Mickel, der mit ernster Miene und einer Zigarre in der Hand in die Kamera blickt. (imago/gezett)
Der Lyriker Karl Mickel führte in der Literaturwerkstatt Berlin durch den Abend. Die Aufnahme zeigt ihn wenige Wochen später am selben Ort. (imago/gezett)

Ein oder zwei Gedichte repräsentieren ein ganzes Jahrzehnt – es gibt sicher kleinmütigere Versuche, der Lyrik Aufmerksamkeit zu verschaffen. Karl Mickel, Adolf Endler und Stephan Hermlin versuchten es 1993 im DDR-Ambiente der Villa von Otto Grotewohl.

Draußen liegt der parkähnliche Garten mit Skulpturen im Dunkel, drinnen, in der ehemaligen Residenz von Ministerpräsident Otto Grotewohl am Majakowskiring in Berlin-Pankow, räkeln sich die Zuhörer zurecht auf den durchgesessenen flachen Sitzmöbeln. Der Abend ist der Lyrik gewidmet, drei bekannte und höchst selten gemeinsam auftretende Dichter sollen Gedichte für jeweils eines der letzten Jahrzehnte finden.

Radikalchic der DDR-Moderne

Die einstige Residenz des Ministerpräsidenten, nach 1980 Clubhaus des DDR-Schriftstellerverbands, ist 1991 von der Literaturwerkstatt (heute: Haus für Poesie) übernommen worden. Die Einrichtung bleibt unverändert und nimmt die Retrowelle der kommenden Jahre vorweg. Doch der Radikalchic der DDR-Moderne, gebändigt durch viele Brauntöne, beherbergt nun jene Künstler, die die DDR zensiert, mundtot gemacht oder ausgewiesen hatte – Hermann Kant wird nie eingeladen, und Christa Wolf betrat die Villa erstmals 1991.

Stephan Hermlin spricht mit erhobener Hand und lacht. (imago/gezett)Stephan Hermlin bei einer Veranstaltung in der Literaturwerkstatt Berlin im Dezember 1993. (imago/gezett)

An diesem Januarabend im Jahr 1993 sitzen drei Dichter und Intellektuelle sehr unterschiedlicher Provenienz im riesigen Wohnzimmerambiente: der scharfsinnige Intellektuelle und Lyriker Karl Mickel, die lyrische Urgewalt Adolf Endler und der formstrenge, oft als "spätbürgerlicher Dichter" titulierte Stephan Hermlin. Alle drei sind inzwischen tot, aber ihr Gespräch über "Das deutsche Gedicht in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts" ist hörenswert.

Der gesellige Hexameter

Mickel verteidigt den Hexameter, selbst mit ihm könne man "gesellig umgehen". Endler entzückt ein "durchaus befremdliches" Gedicht von Hermlin, und der erzählt, dass er zwar "Der Tod des Dichters" dem Dichterkollegen und problematischen Kulturpolitiker Johannes R. Becher gewidmet habe. Das Gedicht sei aber nicht als Nachruf entstanden und einige Zeit nicht veröffentlicht worden, aus DDR-typischen Gründen. Und Gründen, die typisch sind für das Dezennium.

Adolf Endler sitzt rauchend und gestikulierend an einem Tisch. (imago/gezett)Adolf Endler bei einer Veranstaltung in der Literaturwerkstatt Berlin im November 1993. (imago/gezett)

Natürlich erscheint der Anspruch, mit Gedichten den Zeitgeist von Jahrzehnten einzufangen, allen Teilnehmern der Diskussion in der Villa hybrid. Doch die Erklärungen, warum das Unterfangen scheitern notwendig muss, rufen mühelos die höchst individuellen Erlebnisse und Bewertungen der Jahrzehnte herauf.

Eine Produktion von DS Kultur 1993.

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