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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 01.07.2016

Lyrikerin Dagmar Nick"Gedichte kann ich nicht machen, Gedichte passieren"

Dagmar Nick im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Die Dichterin Dagmar Nick, aufgenommen 2016 in München (picture alliance / dpa / Ute Wessels)
Die Dichterin Dagmar Nick (picture alliance / dpa / Ute Wessels)

Ihr erstes Gedicht "Flucht" wurde von Erich Kästner publiziert - da war Dagmar Nick gerade mal 19 Jahre alt. Nick gilt als die "einzige bedeutende Lyrikerin der frühen Nachkriegszeit". In ihrem jüngsten Prosaband verfolgt sie die Spuren ihrer jüdischen Familie zurück bis in die frühe Neuzeit.

Sie gilt als die "einzige bedeutende Lyrikerin der frühen Nachkriegszeit". Dagmar Nick war gerade mal 19 als ihr Gedicht "Flucht" von keinem geringeren als Erich Kästner im Oktober 1945 publiziert wurde. Seitdem sind zahllose Gedichtbände von ihr erschienen, aber auch Hörspiele sowie Reisebücher. In ihrem jüngsten Prosaband "Eingefangene Schatten" verfolgt sie die Spuren ihrer jüdischen Familie zurück bis in die frühe Neuzeit.

"Die Schatten sind die Toten. Es sind meine Ahnen, die hier meine Wohnung bevölkern mit ihrem ungeheuren Temperament, mit ihrer Lustigkeit, ihren Späßen, ihren Vergangenheiten, ihrem Leben, das sie mir natürlich in Briefen oder Geschichten, die ich von meinen Eltern kenne, erzählen."

Mit viel Glück die Nazizeit überlebt

Die Tochter eines Dirigenten und Komponisten sowie einer Sängerin wurde 1926 in Breslau geboren. Als die Nazis gleich 1933 dafür sorgten, dass der Vater seine Stelle beim Rundfunk verlor, sah sich die Famlie gezwungen, nach Berlin umzuziehen. Dort überlebten sie mit viel Glück die Nazizeit.

"Man wusste, wenn du rausgehst aus der Wohnung halt den Mund, mach dich nicht irgendwie auffällig, sage nicht was du denkst. Jede Äußerung, die gefährlich sein könnte für die Familie, war undenkbar. Und in dem Moment wo man wieder zu Haus war und die Tür hinter sich schloss, war man in der Burg und man konnte Blödsinn machen und lachen und toben und Musik machen und singen und Witze machen und eben ja, Liebe und Humor von früh bis Abend."

Lyrik als Mittel, um Ängste loszuzwerden

Drei Ehen, mehrere Jahre Israel, Reisen rund ums Mittelmeer spiegeln sich in der Lyrik von Dagmar Nick.

"Es waren Dinge, die auf mich runterfielen oder mir entgegen kamen und ich hab sie aufgeschrieben. Aber Gedichte kann ich nicht machen, Gedichte passieren."

Die Lyrik war ja nicht zum Gedichte schreiben, sondern ein Ventil, um gewisse Dinge loszuwerden wie die Angst, zum Beispiel vor der Flucht.

Und wenn sie wirklich glücklich gewesen sei, dann habe sie keine Gedichte geschrieben, sagt die heute 90-Jährige.

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