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Lesart | Beitrag vom 23.08.2019

Lyrik für KinderReim und Tier, das rat ich dir

Von André Hatting

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Das Monster "Grüffelo" hält in dem gleichnamigen Zeichentrickfilm die Maus in der Luft. (picture alliance / dpa / Fmx / studio Soi)
Die Ballade über eine Maus, die sich das Monster "Grüffelo" ausdenkt, ist so populär, dass aus dem Gedicht auch ein Zeichentrickfilm wurde. (picture alliance / dpa / Fmx / studio Soi)

Es muss sich reimen und ohne süßes Tier geht's auch nicht: Lyrik für die jüngsten Leser funktioniert selten anders. Trotz des Welterfolgs des "Grüffelo" bleiben Kindergedichte eine Nische in der Nische: Für Autoren ist das Genre sogar eine Falle.

Wer sich auf dem aktuellen Markt der Kindergedichte umschaut, der trifft auf das Nilpferd, das im Leuchtturm feststeckt, die Echs, die um kurz nach sechs kommt oder der drollige "Hinundhering", der im Meer hin und her schwimmt. Schon früher haben Autorinnen und Autoren Tiere gern komische Dinge tun lassen – und wenn es auch nur das Reimen selbst gewesen ist wie im Beispiel von Mascha Kaléko:
 
Ihr sagt: Es reimt sich nichts auf Iltis?

Ich sage, es reimt sich doch. Was gilt es?

[...]

Gepflegter Nonsens

Deutlich älter, aber das Nonsensgedicht.  Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammt das "Lob der Faulheit". Der Autor ist ein junger Student in Leipzig namens Gotthold Ephraim Lessing:

Faulheit, jetzo will ich dir

Auch ein kleines Loblied bringen. –

O – wie --- sau --- er --- wird es mir, –

Dich - - nach Würden - - zu besingen!

Doch, ich will mein Bestes tun,

Nach der Arbeit ist gut ruhn.

[...]

Eines der neuesten Bücher in der Tradition hat in diesem Frühjahr Dagmara Kraus mit "alle nase diederdase" veröffentlicht, wobei sich in diesen gepflegten Nonsen auch wieder Tiere drängen.

Im Schatten des Grüffelo

Der Star unter den gereimten Wesen ist eine Fantasiefigur: "Der Grüffelo". Diese Ballade von der Maus, die sich ein Fabeltier ausdenkt, um im Wald nicht gefressen zu werden, dann aber beinah selbst von eben diesem nur scheinbar inexistenten Grüffelo geschnappt zu werden, hat sich seit dem ersten Erscheinen 1999 (in der englischen Originalausgabe "The Gruffelo") über vier Millionen Mal verkauft. Hörbuch, Film, Theaterstück und natürlich die ganze Merchandising-Palette vom Kuscheltier bis zur Teetasse – der Grüffelo begeistert Kinder und Eltern auf der ganzen Welt. Da solle noch jemand behaupten, Lyrik sei ein Ladehüter!
 
Aber diese Ausnahme bestätigt leider nur die Regel: Kinderlyrik verkauft sich eher mau.

Und für Autoren ist sie sogar eine Falle. Einmal Kinderdichter, immer Kinderdichter – das wirkt wie ein Stigma. Josef Guggenmos ist das bekannteste Beispiel dafür.

Verse, die Mut machen

Folgerichtig ist der seit 2016 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgelobte Preis auch nach diesem Autor benannt. Der erste Preisträger, Arne Rautenberg, hat mit "Unterm Bett liegt ein Skelett" Mutmachverse für Kinder geschrieben. Sie wirken wie Beschwörungsformeln und erinnern damit an die älteste Tradition deutschsprachiger Lyrik.

zombie-baby brabbelt zombie-baby sabbelt zombie-baby zombie-baby zombie-baby krabbelt
 
So wie Kinder bis zu einem gewissen Alter ein Haus immer mit Spitzdach, rauchendem Schornstein und Fensterkreuzfenstern zeichnen, als gäbe es keine anderen, so halten die meisten Verlage unbeirrt am Archetypus des gereimten Gedichts fest. Ernst Jandls "fünfter sein" ist eine Ausnahme von dieser Regel. Die Illustrationen von Norman Junge machen das Gedicht des Wiener Lautpoeten auch Kindern zugänglich und zeigen: Die Welt der Lyrik ist groß und großartig.

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