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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.12.2014

Lyrik-BandDer Dichter als Kleingärtner

Jan Wagner: "Regentonnenvariationen"

Von Michael Opitz

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Der Autor Jan Wagner bei einer Lesung in Köln, März 2014 (picture alliance / dpa)
Der Autor Jan Wagner bei einer Lesung in Köln, März 2014 (picture alliance / dpa)

Unkraut, Mücke, Gartenzaun: Der Lyriker Jan Wagner wendet sich einmal mehr der Welt der kleinen Dinge zu. Die schönsten Zeilen in seinem neuen Gedichtband "Regentonnenvariationen" widmet er drei sizilianischen Eseln.

Vom Wasser geht eine ganz eigene poetische Faszination aus. Doch im Unterschied zum majestätisch seine Bahn ziehenden Rhein oder dem geheimnisumwitterten Styx ist das poetische Potential einer Regentonne eher bescheiden. Gerade dieses Gartenutensil aber hat den 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner zu einem lyrischen Zwiegespräch inspiriert – "Regentonnenvariationen“ heißt sein neuer Gedichtband, in dem sich ein Gedicht gleichen Titels findet. Jan Wagner sucht nicht die weite Landschaft, sondern er bevorzugt die überschaubaren Reviere. Die Regentonne hat ihren Platz in der Gartenparzelle, die als ein Ort gilt, an dem atemberaubende Naturschauspiele eher selten sind.

Das aber ist ein Irrtum: Jan Wagner schärft den Blick für die kleine Welt der Wunder, wenn er sich Pflanzen, Tieren und Dingen zuwendet, denen weder Aufsehenerregendes noch Spektakuläres nachgesagt wird. Deutlich wird dies an vier Versuchen, die sich in seinem sechsten Gedichtband finden: "versuch über mücken“, "versuch über zäune“, "versuch über silberdisteln“ und "versuch über seife“. Wagners Aufmerksamkeit gehört häufig den Dingen, die eine Randexistenz fristen. So wendet er sich nicht der Rose, sondern dem Unkraut zu, interessieren ihn die Oberflächenverwerfungen eines Seifenstückes mehr, als die Hochglanzfliesen eines Badetempels.

Eröffnet wird der sich in fünf Kapitel gliedernde Band mit einem dem Giersch gewidmeten Gedicht. Als eine wahre Plage kennt jeder Gärtner dieses wuchernde Unkraut. Wenn Wagner sich in "giersch“ wie ein Gärtner auf die Suche nach dem Unkraut begibt, dann entdeckt er an der Pflanze Eigenschaften, die von symbolischer Bedeutung sind: Der Giersch "kehrt stets zurück wie eine alte schuld“.

Das Bemerkenswerte an diesen Gedichten ist, dass sie stets mit Überraschungen aufwarten. Etwa wenn das Loch im Gartenzaun ein Komet verursacht haben könnte, der Sehnsucht nach Gräsern und Tulpen hatte.  In einem der schönsten Gedichte des Bandes "drei esel, sizilien“, wird der Esel zum Sinnbild des wechselvollen Laufs der Geschichte. Während die längst vergessen sind, die von Eseln getragen wurden, gleicht das "beharrliche sanfte V“ der Eselsohren einem Victory-Zeichen. Klugheit wird ihnen nicht gerade nachgesagt, aber sie haben stets eine tragende Rolle gespielt.

Jan Wagner: Regentonnenvariationen
Gedichte
Hanser Berlin, Berlin 2014
97 Seiten, 15,90 Euro

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