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Lesart | Beitrag vom 05.10.2020

Lydia Davis: "Es ist, wie’s ist" Was die Liebe kostet

Von Manuela Reichart

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Buchcover "Es ist, wie's ist" von Lydia Davis (Droschl Verlag / Deutschlandradio)
Kein Wort zu viel: "Es ist, wie's ist" von Lydia Davis. (Droschl Verlag / Deutschlandradio)

Die US-amerikanische Schriftstellerin Lydia Davis ist eine Meisterin der Verdichtung. "Es ist, wie's ist" erzählt von Eifersucht, dem Schmerz des Verlassenwerdens oder der Verlogenheit von Patchwork-Familien.

Die Geschichte ist bekannt und wurde schon oft erzählt: Es geht um Liebe und Eifer­sucht, um die Frage, kann ich ihm vertrauen oder gibt es eine andere? Lügt er, will er mich noch wie ich ihn?

In der ersten "Story" dieses Bandes wird das ganze Elend des Miss­trauens durch dekliniert: "Liebt er mich oder nicht; wie sehr; ist er fähig, mich zu betrügen, auf frischer Tat, und nach der Tat im Drüber-Reden." Antworten gibt es keine in dieser rasanten Gefühls-Tour de Force einer Frau, die nicht mehr weiß, ob sie dem Gelieb­ten noch trauen kann.

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In einer anderen Geschichte ist das Liebesende längst besiegelt, als die Frau einen Brief von ihrem Ex-Mann bekommt, der sie in totale Verwir­rung stürzt. Sie sucht wieder nach Zeichen der Hoffnung und der Wahrheit zwischen den Zeilen eines französischen Gedichtes, denn nur das hat er ihr geschickt. Kein weite­res Wort der Erklärung.

Vertrackte Lebenslagen

Es gibt in den kurzen Geschichten von Lydia Davis  überhaupt kein Wort, das zu viel wäre, keine erzählerische Abschweifung, die nicht das Zentrum eines Menschen oder einer Handlung trifft. Ein verlassener Mann macht in der Titelgeschichte einen Kassen­sturz: Was hat ihn diese Liebesgeschichte gekostet, wie viel hat er für das Flugticket, das Hotel ausgegeben, was kommt am Ende pro Stunde, pro Minute heraus?

Was jedoch in Wahrheit von den Erinnerungen an eine große Liebe und Leidenschaft bleibt, das ist allein der unberechen­bare, nicht endende Schmerz – und nicht pekuniär aufzulisten.

In diesem ersten (im Original 1986 erschienen) Band ihrer "Collected Stories" ist die Autorin schon auf der Höhe ihres literarisch-verdichteten Könnens, verfügt bereits eindrucksvoll über die  Fähigkeit,  ihre Protagonisten mit den entscheidenden Fragen zu konfrontieren und Menschen genau wahrzunehmen in vertrackten Lebenslagen.

Tröstliche Lehre

Im Zent­rum stehen Liebesverwirrungen und Familienaversionen, die unbezähmbare Angst einer älteren Frau, weibliche Allerweltsträume einer jüngeren von nettem Haus und Baby, die anstrengende Verlogenheit in Patchwork-Familien; es wird in einem verstörenden Märchenton von der grausamen Beziehung einer Mutter zu ihrer Tochter erzählt, ein Kriminalfall kommt leichtfüßig  getarnt als Französischlektion daher, und eine groteske Dystopie variiert die Seelenlosigkeit der Massengesellschaft.

Lydia Davis ist eine ebenso kluge wie unkonventionelle Beobachterin menschlicher Verhal­tensweisen und Empfindungen. In der letzten dieser hier versammelten frühen Geschichten (die von Klaus Hoffer erneut hervorragend übersetzt sind) geht es um eine Frau, die nicht mehr weiß, wie und wo sie leben soll. Sie ist eine Meisterin der lähmen­den Selbstwahrnehmung. Am Ende dieser minutiös beschriebenen Introspektion ist die Protagonistin sich trotzdem sicher, dass sie irgendwie weiterleben wird.

Das ist die tröstliche Lehre aus den Geschichten von Lydia Davis: Es ist nicht nur, wie es ist, es geht auch irgendwie weiter.
 

Lydia Davis: "Es ist, wie’s ist"
Stories. Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer
Literatur­verlag Droschl, Graz, 2020
176 Seiten, 22 Euro

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