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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.12.2011

Luxus der Zeit

Was mir heilig ist - Oliver Kluck

Von Gerd Brendel

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Der Dramatiker Oliver Kluck (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Der Dramatiker Oliver Kluck (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Oliver Kluck schreibt Theaterstücke wie Versuchsanordnungen: Die Bühne ist sein Labor, die Regisseure dürfen mitexperimentieren. Sein Stück "Die Froschfotzenlederfabrik" feierte kürzlich im Wiener Burgtheater Premiere. Gerd Brendel hat den Dramatiker gefragt, was ihm heilig ist.

"Ich hab ein bisschen Luft holen müssen, weil das eine Frage ist, die mir noch nie jemand gestellt hat. Was ist mir heilig? Zeit mit der Familie verbringen zu können, also nicht mit meiner eigenen Familie, ich lebe allein. Sondern mit meiner Kindheitsfamilie.

Ich hab mit denen auch viel Ärger gehabt in den letzten Jahren. Ich kenne Leute in meinem Alter, die haben von ihren Eltern ein Klavier geerbt, ich hab schlechte Zähne geerbt, und das war so furchtbar ungerecht die ersten drei Jahrzehnte meines Lebens, aber langsam wird immer interessanter.

Diese Familie ist über weite Strecken sehr unfähig. Die Leute haben keine Manieren, kein Stilempfinden, sie benehmen sich unmöglich. Aber sie sind auch sehr herzlich und haben hochinteressante Lebensgeschichten, es gleicht sich aus.

Meine Eltern selber, die kommen von Rügen. Meine Mutter hat in der Leiterplattenfabrik gearbeitet. Und der Vater, der hatte Berufsverbot, der ist Hochseeschiffer und hat jahrelang auf der Werft gearbeitet als Hilfsarbeiter. Der ist unehrenhaft aus der Armee entlassen worden, und gleichzeitig gab's auch Leute in der Familie, die hauptberuflich in der Stasi in Rostock gearbeitet haben.

Meine Zeit ist mir heilig. Wirklich bewusst Zeit verbringen, das ist ziemlicher Luxus geworden. Eine ziemlich verrückte Entwicklung, dass man mehr Zeit mit allen möglichen Sachen verwendet, mit irgendwelchen Verhandlungen, statt Zeit mit richtigen Menschen. Ganz oft telefoniere ich, schreib ich Mails, aber nicht so oft seh' ich Leute, aber wenn ich Leute sehe, dann seh' ich sie für ein, zwei Stunden, alle paar Monate, und dann sind sie wieder verschwunden.

Zeit ist viel zu wenig da. Das Schreiben hat im übrigen auch was mit Überwindung zu tun, weil es so zeitaufwendig ist, weil sich die Figuren nicht öffnen, also laufe ich diesen Figuren hinterher, diesen nur metaphysisch Vorhandenen, man könnte auch sagen, diesen Gespenstern, diesen Psychosen, und verwende ganz, ganz viel Zeit, um herauszufinden, was mit diesen Leuten, diesen de facto nicht vorhandenen Leuten los ist. Ich lerne diese literarischen Figuren durch irgendwelche zufällige Begebenheiten kennen, und dann verfolge ich sie, weil das, was sie mir erzählen, nicht ganz stimmt, irgendwo klemmt.

Dieses freiberufliche Schreiben ist wie 'ne Fleißarbeit, ist wie Leistungssport, geht über Üben. Das heißt, ich muss viel lesen, ausprobieren. Zwischen diesem ganzen Gelese und Sekundärtätigkeiten ergibt sich das literarische Thema von ganz alleine. Durch zufällige Alltagsbegegnungen, durch Beobachtung.

Der Text, der jetzt an der Burg gespielt wird, heißt 'Die Froschfotzenlederfabrik', und gleich danach wird 'Leben und erben' gespielt. Und dahinter steckt auch das Thema Zeit. Das wär' doch toll, immer Geld zu kriegen. Die Revolution wäre doch zu sagen, wir möchten mehr Zeit haben für unsere Beziehungen, für unsere Familie, für das Erkunden der Welt, auf jeden Fall nicht mehr in dem Maß zur Verfügung zu stehen, wie wir es jetzt tun."

"Was mir heilig ist" <br> Weihnachtliche Reihe in Fazit

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