Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Montag, 18.11.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Lesart | Beitrag vom 07.10.2019

Lutherbibel als HörbuchGott klingt wie Rufus Beck

Von Tobias Wenzel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Schauspieler Rufus Beck liest am 15.03.2014 in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit.cologne. (imago stock&people)
Der Schauspieler Rufus Beck hat die Bibel in voller Länge als Hörbuch interpretiert. (imago stock&people)

Weltliteratur und Heilige Schrift: Die Bibel ist das am häufigsten gedruckte Buch. Jetzt wurde sie zum ersten Mal als Hörbuch interpretiert – ungekürzt und eindrucksvoll gelesen von Schauspieler Rufus Beck.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." (1. Buch Mose, 1,1-3)

Stimmgewaltig, aber gerade nicht pastoral liest Rufus Beck von Beginn an die Bibel. Zum Glück: So können sich nicht nur Christen angesprochen fühlen, sondern alle interessierten Hörer. Zum ersten Mal überhaupt hat mit Rufus Beck ein namhafter deutscher Hörbuchsprecher ganz allein das Alte und Neue Testament und auch die Apokryphen, also die Spätschriften, eingelesen, nach der 2017 revidierten Lutherübersetzung.

Wer nicht so bibelfest ist und die gesamten 98 Stunden dieser Ausgabe hört, der dürfte auch überrascht sein von dem Ausmaß der geschilderten Gewalt. Der vermutliche Grund: Pastoren und Priester thematisieren in ihren Predigten wohl einfach häufiger Frieden und frohe Botschaft als Mord und Kannibalismus:

"So haben wir meinen Sohn gekocht und gegessen." (2. Buch Könige 6,29)

Von Kreuzigungen und Kindesmord

"Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden." (Hosea 14,1)

"Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lukas 23,33)

Jesus will die Gewaltspirale unterbrechen, fordert auf, auch noch die andere Wange hinzuhalten. In seiner Bergpredigt grenzt er sich vom Alten Testament ab: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: 'Du sollst deinen Nächsten lieben' (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist." (Matthäus 5,43-48)

Es fällt allerdings schwer, sich Gott als vollkommen vorzustellen, wenn man noch den Gott des Alten Testaments in Form von Rufus Becks unvergesslicher Stimme im Ohr hat. Rachsüchtig wirkt Gott, wenn er Sodom und Gomorra in Schutt und Asche legt; und auch vor massenhaftem Kindsmord schreckt er nicht zurück: "Und es wird ein großes Geschrei sein in ganz Ägyptenland, wie nie zuvor gewesen ist, noch werden wird." (2. Mose 11,6)

Wirkungsmächtig mit zeitlosen Passagen

Da kann das Hören der Bibel einen schon mal vom Glauben abfallen lassen. Andererseits ist es – historisch-kritisch betrachtet – ein Buch, das von Menschen geschrieben wurde. Ob unterstützt vom Heiligen Geist oder nicht – mit ihnen ist jedenfalls manchmal die Fantasie durchgegangen, etwa wenn Jesus übers Wasser läuft. Aber auch das hat dazu beigetragen, dass die Bibel zum wirkmächtigsten Buch aller Zeiten geworden ist und gewaltige Spuren in den Künsten und in den Köpfen der Menschen hinterlassen hat. Der Gläubigen und selbst der Atheisten und Hardcore-Rationalisten. Ist doch hier, wie später bei Shakespeare, schon das Wesen des Menschen erfasst.

Gottvertrauen und Zweifel. Liebe und Hass. Loyalität und Verrat. Gleichgültigkeit gegenüber Menschen auf der Flucht, aber auch Mitgefühl gegenüber Kriegsflüchtlingen: "Bietet Brot den Flüchtigen. Denn sie flohen vor dem Schwert, ja, vor dem blanken Schwert, vor dem gespannten Bogen, vor der Gewalt des Kampfes." (Jesaja 21,14-15)

Man entdeckt allgemeine Sätze, die moderne Interpretationen erlauben und einen etwa ganz anachronistisch an den Klimawandel denken lassen: "Denn das Wesen dieser Welt vergeht." (1. Korinther 7,31) Man stößt auf Kurioses, zeitlose Sprichwörter und kluge Gebote: "Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen." (2. Mose 20,13+15)

Du sollst aber die Bibel kaufen, dieses von Rufus Beck herausragend gelesene, für die einen heilige, für die anderen nur allzu menschliche Buch der Bücher. 

Die Bibel. Gelesen von Rufus Beck. Ungekürzte Lesung des Alten und Neuen Testaments und der Apokryphen in der Lutherübersetzung 2017. Herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft. Erschienen bei DAV. Laufzeit: 98 Stunden und 15 Minuten. Gibt es in zwei Ausgaben: 9 MP3-CDs. Empfohlener Verkaufspreis: 99 Euro. 86 Audio-CDs. Empfohlener Verkaufspreis: 199 Euro.

Mehr zum Thema

Schauspieler Rufus und Jonathan Beck - Wenn der Vater mit dem Sohne
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 17.09.2018)

"Das Neue Evangelium" von Milo Rau - Jesus als Streikführer auf der Tomatenplantage
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 06.10.2019)

Glaube, Spiritualität und Musik - "Kirchen sind auch Kulturorte"
(Deutschlandfunk Kultur, Religionen, 04.08.2019)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur