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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.04.2017

Luther in BrandenburgAuf den Spuren der Reformation

Von Vanja Budde

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Das Kulturquartier Mönchenkloster in Jüterbog (Brandenburg) (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)
Im Kulturquartier Mönchenkloster in Jüterbog wird ab dem 8. September die Ausstellung "Tetzel, Ablass, Fegefeuer" gezeigt. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)

Nur 40 Kilometer liegt die brandenburgische Kleinstadt Jüterbog von Wittenberg entfernt. 1517 hielt dort der Dominikanermönch Johann Tetzel Bußpredigten, die Luther erzürnten und die mit den Anfang der Reformation darstellen. Im Jubiläumsjahr wird es dazu die Ausstellung "Tetzel, Ablass, Fegefeuer" geben.

Die gotische Nikolaikirche zu Jüterbog. Bernhard Gutsche ist hier Pfarrer, wortreich und temperamentvoll macht der Kirchenmann klar, welch bedeutende Rolle die Kleinstadt nahe der Grenze zu Sachsen-Anhalt in der Reformationsgeschichte gespielt hat:

"Da drüben ist der Tetzel-Kasten, der als quasi Reformations-Reliquie schon seit dem 17. Jahrhundert von den Besuchern gesucht wird, die auf dem Weg nach Wittenberg sind, und die uns auch immer wieder in den Blick der Öffentlichkeit gerückt haben, weil man aufgrund der Nähe zu Wittenberg und dem vermutlichen Wirken Tetzels hier diesen besonderen Zusammenhang gesehen hat."

1517 hält der Dominikanermönch Johann Tetzel hier in der Stadtkirche mitreißende Bußpredigten. Sein Ablasshandel, der die Befreiung vom Fegefeuer verspricht, zieht Gläubige in Scharen an. Auch aus dem nahen Wittenberg kommen sie: Von dort sind es nur 40 Kilometer nach Jüterbog. Luther reagierte ergrimmt – und so nimmt die Reformation ihren Anfang.

"Wir sind quasi der Vorspann zu Wittenberg, weil wir hier zeigen können, wie die Welt im Mittelalter oder am Beginn der Reformation eigentlich war, was durch die Reformationserfolge überprägt ist in Wittenberg und an anderen Stellen. Hier in Jüterbog zeigen wir was anderes, nämlich: Wir wollen hineinführen in die Welt und wie die Menschen damals fühlten und dachten. Und dadurch erklärt sich aber erst Reformation."

Ausstellung im sanierten Mönchenkloster

Die Menschen damals hätten Religion leidenschaftlich gelebt, sagt Pfarrer Gutsche. Daran will er im Jubiläumsjahr anknüpfen:

"Wir wollen nach 500 Jahren das erste Mal in Jüterbog auch wieder ein Mysterienspiel hier aufführen aus dieser Zeit. Mit Laien. Wir haben jetzt etwa 70, 60, 70 Laien, die mitspielen."

Im September wird das sein, wenn auch die Ausstellung "Tetzel, Ablass, Fegefeuer" im sanierten Mönchenkloster in der Jüterboger Altstadt eröffnet wird. Sie wird seltene Exponate zeigen, wie Tetzels Antwort auf Luthers Thesen im Originaldruck.

"Wir machen seit den 90er-Jahren diesen Aspekt ganz wichtig für unsere Stadtvermarktung."

Sagt Museumsleiter Norbert Jannek. Und seit einiger Zeit sei das 500. Jubiläumsjahr spürbar.

"Die Leute fragen gezielt, rufen gezielt an oder man kriegt eine E-Mail: ´Was ist denn nun mit diesem Tetzel?` Das ist in den letzten Jahren massives Interesse geworden. Wittenberg ist eben so ein Dauerwort, aber Jüterbog drängelt sich jetzt nach und nach immer mehr dazwischen."

In der Staatskanzlei im fernen Potsdam sieht Ministerpräsident Dietmar Woidke es mit Wohlgefallen, denn die Erwartungen ans Luther-Jahr sind groß.

"Ich erwarte, dass wir im touristischen Bereich einen großen Schritt weiter vorankommen als Brandenburg, dass wir vor allen Dingen es schaffen, zu zeigen, dass wir eine riesengroße Geschichte haben in unserem Land, dass wir reich sind an Geschichte."

Ein orinaler Ablassbrief aus dem Jahr 1515 (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)Ein orinaler Ablassbrief aus dem Jahr 1515, aufgenommen am 17.08.2016 im Stadtmuseum im Mönchenkloster in Jüterbog (Brandenburg). (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)
"Pinke Pilger" werden die Inhaber des Luther-Passes mittlerweile genannt: Mit dem schrillfarbigem Dokument sind sie auf den Spuren der Reformation unterwegs. Auch in Herzberg sammeln sie Stempel, denn es sei erwiesen, dass Luther hier geweilt hat, erzählt Anika Scheinemann-Kohler stolz, Pfarrerin der Herzberger St. Marienkirche. 

"Am 24. April 1522 kam er nach Herzberg von Torgau. Mit einem repräsentativen Gespann von sechs Pferden hat der Rat der Stadt Torgau ihn hierhergebracht. Das ist ein Punkt, der sich nachweisen lässt, ansonsten ist die Aktenlage relativ dünn."

Die Pfarrerin hofft auf Reformations-Besucher, die die knapp 60 Kilometer von Wittenberg nicht scheuen, um die beeindruckende Deckenmalerei in ihrer Kirche bewundern: Fabeltiere und Engel in bunten Farben, vom Anfang des 16. Jahrhunderts.

"Wir haben auf der Gewölbekappe hier, die Seligen, die in den Himmel gehen, und – die Hölle ist verschwunden. Nach der Reformation weiß übertüncht: der Weg der Verdammten in die Hölle. Die Angst vor der Hölle ist nicht mehr nötig. Die Reformation bedeutete das Ende der Angst für viele und das Vertrauen zu Gott durch den Glauben."

Auch Herzberg hofft auf Touristen 

500 Jahre später bedeutet die Reformation für die Städtchen im südlichen Brandenburg das Ende des touristischen Dornröschenschlafes, hofft Herzbergs Bürgermeister Michael Oecknigk. Herzberg gehört zum Städteverbund "Prediger und Bürger – Reformation im städtischen Alltag". Oecknigk will die Region auch an den Lutherweg andocken, der Wanderer bislang noch nicht nach Brandenburg führt.

"Genauso wie in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern wollen wir hier die Kommunen touristisch miteinander vernetzen. Wir sind Mitglied der Lutherwegs-Gesellschaft, können Sie auch nachlesen im Internet. Wir wollen erreichen, dass wir die Touristen dann mit herkriegen und da verbinden wir uns, unseren Raum im Südwesten, der ja von der Reformation mitgeprägt war, mit den Kultstätten, nenne ich es mal, Wittenberg und Torgau."

Konkurrenz machen sich die Städte und Dörfer im Reformations-Jubiläumsjahr nicht, meint Oecknigk. Ganz christlich suche man den Schulterschluss sogar mit der berühmten Nachbarin, der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt.

"Wir brauchen Übernachtungskapazitäten, spätestens wenn der große Abschlussgottesdienst ist, wo ja mit 250-300.000 Besuchern gerechnet wird und wir hier ja dann auch entsprechende Lokalitäten und Unterkünfte vorhalten wollen. Da helfen wir uns gegenseitig."

Die Ausstellung "Tetzel, Ablass, Fegefeuer" ist vom 8. September bis zum 26. November im Mönchenkloster und der Nikolaikirche in Jüterbog zu sehen. 

 

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