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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2013

Lust an der Auseinandersetzung

Wolfgang Höbels Buch "Den Aufstand proben" porträtiert die Theatermacherin Karin Beier

Von Stefan Keim

Die scheidende Intendantin des Kölner Schauspielhauses, Karin Beier. (picture alliance / dpa)
Die scheidende Intendantin des Kölner Schauspielhauses, Karin Beier. (picture alliance / dpa)

Als Intendantin des Kölner Schauspielhauses hat Karin Beier sich einen hervorragenden Ruf als Künstlerin wie auch als streitbare Kulturpolitikerin erarbeitet. Der Journalist Wolfgang Höbel stellt sie in seinem Buch "Den Aufstand proben" vor.

"Hört uns jemand? Hört uns jemand? Hört uns jemand?" (Schrei)

Das Schauspiel Köln wird gehört. Deutschlandweit. Karin Beier gilt als die Erfolgsintendantin der vergangenen Jahre. Im Sommer übernimmt sie das Hamburger Schauspielhaus, das größte deutsche Sprechtheater. Sie hat bedeutende internationale Theatermacher ans Haus gebunden, Katie Mitchell, Alvis Hermanis, Christoph Marthaler, die Liste ist lang.

Vor allem hat sie selbst als Regisseurin in den sechs Jahren Köln zu ihrem Stil gefunden. Sie ist kantiger, kämpferischer und konsequenter als früher, das Spielerische hat sie dabei nicht verloren. Doch der Grundton ist bitter. Besonders gut passen dazu die Texte Elfriede Jelineks.

"Ne. Wir hören gar nichts mehr. Überhaupt nichts mehr. Die Verdunkelung hat uns überrannt. Wir wissen überhaupt gar nichts." (Schrei)

Wolfgang Höbel gelingt es in seinem Theaterbuch "Den Aufstand proben", Karin Beiers wichtigste Inszenierungen mit starken Bildbeschreibungen und klarer Analyse in Erinnerung zu rufen. Ebenso großes Gewicht bekommt ihre Rolle als Identifikationsfigur des Bürgerprotests gegen einen durch Sparmaßnahmen völlig sinnlos gewordenen Theaterabriss und - neubau.

"Einmischung lohnt sich doch" heißt ein Kapitel des Buches. Doch Karin Beiers Sieg hatte auch Schattenseiten. Die heftigen Anfeindungen ihrer Gegner hinterließen Spuren.

Karin Beier: "Das sind lauter unschöne Dinge gewesen, auch wie die vollzogen worden waren, sehr, sehr unschön. Wobei ich nicht mal glaube, dass es Boshaftigkeit war. Sondern, ich glaube, tatsächlich Unüberlegtheit. Das war einfach Dummheit, muss ich leider so einfach sagen."

Die Kölner Politiker machten es Karin Beier leicht, sich für Hamburg zu entscheiden. Mehr Erfolg als sie kann keine Theaterleitung haben. Dennoch wurde ständig über Kürzungen debattiert. Sie wolle "nie mehr kratzen und betteln", sagt Karin Beier im Buch. In einem Gespräch mit dem WDR hat sie sich so geäußert.

"Köln läuft eh ein bisschen Gefahr – ich häng mich jetzt weit aus dem Fenster - eine Asi-Stadt zu sein. Was ich damit sagen will: Diese Stadt wird in der Außenwahrnehmung sehr über den Karneval und den 1. FC definiert. Ich find' das sehr schade. Diese Stadt hatte mal einen ganz anderen Stellenwert in der bildenden Kunst, also ganz vorne, und auch in der Neuen Musik. Das wurde alles verspielt, unter anderem durch Kürzungen."

Wie es in Köln weiter gehen wird, interessiert Wolfgang Höbel nicht so sehr. Der Autor lebt in Hamburg und beschäftigt sich mehr mit der Theaterzukunft der Hansestadt.

Witzig ist, dass die zweite große Sprechbühne Hamburgs, das Thalia-Theater, von Joachim Lux geleitet wird, einem alten Weggefährten Karin Beiers. Lux war Dramaturg in Düsseldorf, bei ihrem Stadttheaterdebüt. Das war vor 21 Jahren mit George Taboris Stück "Die 25. Stunde". Karin Beier setzte damals durch, dass extra für sie eine neue Spielstätte eröffnet wurde.

Mutig und kompromisslos war sie schon damals. Das Buch erzählt ihre Karriere von Anfang an. Die ersten Shakespeare-Inszenierungen mit einer ambitionierten Studentengruppe in Köln und die vielen Theaterbesuche im Schauspielhaus, als Jürgen Flimm dort Intendant war.

Karin Beier: "Ich habe darüber so eine Lust am Diskutieren entdeckt, am Debattieren und so einer Auseinandersetzung. Das finde ich auch ganz wichtig, diese Lust. Das ist übrigens auch, wenn wir von Demokratie reden, ein ganz wichtiger Punkt, diese Lust zu wecken, Dinge zu diskutieren."

Diese Lust an der Auseinandersetzung ist es, die Karin Beier antreibt. Als Regisseurin, die Elfriede Jelinek bittet, ein Stück über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs zu schreiben. Wie als Intendantin, die bereit ist, im Minenfeld einer verkommenen Kulturpolitik ihren Standpunkt zu vertreten. Insofern ist der Titel "Den Aufstand proben" grandios gewählt.

Im Doppelabend "Demokratie in Abendstunden/Kein Licht" hat Karin Beier die Mechanismen des Protests selbstironisch unter die Lupe genommen, während sie selbst direkt im politischen Kampf stand. Diese Bezüge zwischen politischem und künstlerischem Handeln beleuchtet Wolfgang Höbel mit klaren Argumentationen und einer sinnlichen Sprache. Privates kommt im Buch nur am Rande vor, so weit es für die Arbeit Bedeutung hat. Dass Karin Beier gerade ein Kind bekommen hatte, als sie ihre Intendanz begann und mit dem Schauspieler Michael Wittenborn schon sehr lange ein Paar ist, gehört dazu.

Karin Beier: "Ein Betrieb wie das Theater, das ist ja doch eine Art Elfenbeinturm, in dem man tatsächlich aufgefressen werden kann. Dass man da sehr schnell seinen Bezug zur Realität verliert. Und ich kann da nur jedem zusprechen, Wege zu finden, ob das jetzt die Familie ist oder was anderes, jeder, der am Theater arbeitet, darf diesen Bezug zur Realität nicht verlieren."

Ein Interview mit Karin Beier und zwei ihrer öffentlichen Reden ergänzen Wolfgang Höbels eigenen Text. Die vielen wichtigen Mitstreiter ihres Teams kommen nur am Rande vor. Das ist nicht das Erinnerungsbuch über die Kölner Intendanz, sondern eins über Karin Beier selbst, ein präziser Blick in ihr Denken und Arbeiten. Das Buch zeigt, wie die alte Forderung, Theater als Forum der Demokratie zu etablieren, Wirklichkeit werden kann.

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