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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.05.2020

LügenZwischen Unterhaltung und Selbstbetrug

Von Petra Geist

Eine symbolische Illustration zeigt einen Lügner mit sehr langer Nase. (imago images / Ikon Images / Derk Bacon)
Wie oft lügen wir? "Häufiger, als wir denken", sagt der Psychiater Hans Stoffels. (imago images / Ikon Images / Derk Bacon)

Philosophen, Psychologen und Biologen blicken unterschiedlich auf das Phänomen der Lüge. Klar ist: Es wird viel und nicht immer bewusst gelogen. Dabei belügen Menschen nicht nur andere - und manche leiden gar unter einem Zwang zu Unwahrheiten.

Alle Menschen lügen, selbst einige Tiere tun es. Das Rauchschwalbenmännchen hindert das Weibchen in paarungsbereiter Zeit durch gezielten Fehlalarm daran, das Nest zu verlassen. Wenn ein Schimpanse einen Alphamännchen-Kampf verliert, kann es vorkommen, dass er humpelnd eine Verletzung vortäuscht – bloß nicht schwach erscheinen. Kaum wenden die Zuschauer sich ab, kann er wieder normal gehen.

Und Hieronymus von Münchhausen, der berühmteste Lügner Deutschlands, erzählte für sein Leben gern fantastische Jagdgeschichten und Räuberpistolen, in denen er stets selbst als unerschrockener Held auftritt und die unglaublichsten Abenteuer besteht.

Die Erfindung eines Lügenbarons

"Was er macht: Er erzählt diese Übertreibung und das ist eigentlich auch nachgewiesen, um sie als Übertreibung zu entlarven oder um sie als Lüge zu entlarven", sagt Tina Breckwoldt.

Ein Lügner war Münchhausen deshalb nicht, betont die Historikerin. Zu Münchhausens Pech wurden einige seiner Geschichten – zuerst in England – veröffentlicht. Sein voller Name prangt auf dem Buchumschlag, obwohl ihn niemand um Erlaubnis gebeten hatte.

Hinter dem Buch standen gleich zwei Männer: Erich Rudolf Raspe, genialer Universalgelehrter, Dieb und später Schwindler aus Not, der alte Lügengeschichten aus der Antike mit in das Münchhausen-Buch mischt. Und Gottfried August Bürger, der den berühmten Ritt auf der Kanonenkugel beisteuerte und es ebenfalls mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm.

Die zwei kreativen Köpfe schrieben so einen Bestseller – und sie erfanden den Lügenbaron.

"Bürger lügt mit Sicherheit", sagt Tina Breckwoldt. "Sein Lügen ist vor allem Fantasie, Sprachwitz, Sprachspiel und dann auch ein völliges Unverständnis dafür, wenn jemand sagt, Moment mal Junge, da hast du vielleicht etwas falsch gemacht, das versteht er ja gar nicht. Münchhausen ist da der Ehrlichste von den dreien – ganz eindeutig."

Menschen belügen nicht nur andere

Viele Philosophen betrachten die Lüge als eine Art "neutrales Werkzeug". Die Psychologie sieht sie als Teil unserer Kommunikation und als Lebensnotwendigkeit, um uns in schwierigen Umständen das Leben zu erleichtern. Als moralisch verwerflich gelten gemeinhin nur solche Lügen, die anderen schaden sollen.

Zwei Kinder stehen mit ihren Händen in Socken auf einem Bett. (imago images / Westend61)Mit dem Einfühlungsvermögen entwickelt sich bei Kindern die Fähigkeit zu lügen. (imago images / Westend61)

Wenn Kinder ab etwa vier Jahren lernen, sich in andere einzufühlen, beginnen sie zeitgleich auch zu lügen. Wie oft aber lügen wir? Studien zeigen sehr unterschiedliche Ergebnisse. Es gibt Experimente, in denen Menschen in nur zehn Minuten dreimal lügen – laut Selbstauskünften tun sie es aber nur zweimal am Tag.

"Wenn wir selbstkritisch sind, dann lügen wir sicher häufiger, als wir denken", sagt Hans Stoffels. "Aber es ist insbesondere auch so, dass wir eben nicht nur andere beschwindeln – unsere Mitmenschen –, sondern dass wir auch uns selbst beschwindeln."

Professor Hans Stoffels ist Psychiater und Psychotherapeut. Die Psychologie kennt: die Selbstlüge, die Notlüge, um sich und andere zu schützen, die Lüge aus Angst, die Lüge aus Geltungsgründen und die skrupellose Lüge.

Zwischenformen, Schattierungen und Grautöne

Studien betonen, dass es oft die Umstände sind, die Menschen zu Lügnern machen, etwa wenn wir uns im Gespräch selbst im besten Licht darstellen möchten, Erfolge übertreiben, Lebensläufe verbessern. Die Grenzen zwischen toll erzählt und gelogen sind fließend. Es gibt Zwischenformen, Schattierungen und Grautöne – auch zwischen normalen und krankhaften Lügen.

Hans Stoffels behandelt in seiner Praxis Menschen, die wegen einer Persönlichkeitsstörung zwanghaft lügen und sich selbst damit schaden. Sie fliehen in Fantasiegeschichten, auch weil sie sich nach Anerkennung sehnen.

"Ich unterscheide zwischen den Heldennarrationen und den Opfernarrationen", erklärt er. "Ich erinnere einen Patienten, der hatte seiner Partnerin lange erzählt, dass er früher als Arzt in der Dritten Welt tätig war und sich sehr engagiert hatte, das war sozusagen eine Heldennarration."

Nach seinen Beobachtungen nehmen allerdings seit Jahren die Opfernarrationen zu.

Aufmerksamkeit durch Unwahrheiten

"Ich denke, an einen anderen Patienten, der hatte eben seiner Partnerin erzählt, seine ganze Familie sei tödlich verunglückt und er sei ganz alleine aufgewachsen, weil eben alle verunglückt seien", erzählt Hans Stoffels. "Das stimmte gar nicht, die Mutter lebte sogar noch."

Menschen, die zwanghaft lügen, können sich oft besonders gut in andere hineinversetzen und spüren, was die gerne hören. Sie ziehen ihr Gegenüber in ihre Traumwelt hinein und glauben schließlich selbst an ihre erfundenen Geschichten – Lüge und Selbstbetrug vermischen sich.

Hans Stoffels hört immer wieder Berichte von der enormen Anstrengung, die es kostet, ein Lügengebäude aufrechtzuerhalten. Wie ein Jongleur müssen Lügnerinnen und Lügner ihre Geschichten im Auge behalten, oft leiden Beruf und Privatleben darunter, bis irgendwann alles auffliegt.

Krankhafte Lügner haben kreatives Potenzial

"Zu diesem krankhaften pathologischen Lügen gehört eben eine Fantasiebegabung, eine blühende Fähigkeit, Geschichten sich auszudenken, und das ist eine Begabung, die hat man irgendwie mit auf die Welt gebracht und die können wir auch Kreativität nennen", sagt Hans Stoffels. "Dieser Gesichtspunkt ist eben im Rahmen der Therapie sehr wichtig, weil der Betreffende dann nicht auch vom Therapeuten moralisch beurteilt und verurteilt wird, sondern weil es darum geht, dieses in den Schwindeleien verborgene kreative Potenzial zu entdecken – und dieses kreative Potenzial ohne Schwindel und Lüge dann zu leben."

Münchhausen, der ja nicht mal ein Lügner war, hatte in seinen letzten Lebensjahren kein Glück. Nach Erscheinen des Buches fühlte er sich bloßgestellt und verlacht. In seinem ruinösen Scheidungsprozess nannten ihn die Anwälte seiner Frau "Lügenbaron", erzählt Tina Breckwoldt in ihrem Buch "Die ganze Wahrheit über Münchhausen".

"Für ihn war das auf jeden Fall vernichtend und schrecklich und es gibt zeitgenössische Aussagen, wonach er sich dann verändert haben soll", sagt sie. "Er ist ein bisschen in sich zusammengefallen und wurde dann quasi verbittert und zurückgezogen."

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