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Interpretationen | Beitrag vom 05.04.2020

Ludwig van Beethovens Oratorium "Christus am Ölberge"Die Passion als Seelendrama

Gast: Peter Gülke, Musikwissenschaftler und Dirigent; Moderation: Michael Dasche

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Zeitgenössischer Stich des 31 Jahre alten Ludwig van Beethoven (1770-1827) ((Imago / WHA United Archives))
Zwei Jahre, nachdem dieser Stich entstand, komponierte Ludwig van Beethoven mit "Christus am Ölberge" sein einziges Oratorium. ((Imago / WHA United Archives))

Mit großen Chören und geistlicher Musik kannte sich Beethoven aus, aber trotzdem schrieb er nur ein Oratorium: "Christus am Ölberge" ist nicht nur für sein Schaffen, sondern für die Passionsmusik allgemein ein ungewöhnliches Werk.

Die biblische Erzählung von Jesus im Garten Gethsemane und der Gefangennahme des Nazareners ist Grundlage von Beethovens einzigem Oratorium "Christus am Ölberge" op. 85. Allerdings wird die Leidensgeschichte des Heilands im vertonten Text von Franz Xaver Huber nicht ganz zu Ende erzählt, wird vielmehr vor dem Kreuzestod ausgeblendet.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Dieser sehr freie Umgang mit der biblischen Vorlage war in Beethovens Zeit gängige Praxis bei Oratorienkompositionen. Werke dieser Gattung erfüllten längst nicht mehr ausschließlich gottesdienstliche Funktionen. Eher schon näherten sie sich der Opernpraxis, womit eine Verweltlichung einherging.

Jesus als Held

Entsprechend "vermenschlicht" agiert der "Held" des Christus-Dramas auch in diesem Oratorium, das Beethoven im Frühjahr 1803 in kurzer Zeit niederschrieb. Die Gethsemane-Situation, die Einsamkeit und Verlassenheit Jesu, wird zum Gleichnis für das Los des modernen Künstlers, findet aber auch ihre Analogie in der persönlichen Situation des Komponisten.

Olivenbäume, Garten Gethsemane, Ölberg, Jerusalem, Israel  ((Imago))Schauplatz der biblischen Handlung: Der Garten Gethsemane am Ölberg in Jerusalem ((Imago))

Nur wenige Monate vor der Entstehung seines Passionsoratoriums hatte Beethoven das "Heiligenstädter Testament" verfasst – ein Zeugnis tiefer Verzweiflung angesichts seines fortschreitenden Gehörleidens, aber auch eine Bekundung seines Willens, die eigenen Leiden zu überwinden und der ihm wesenseigenen "Neigung zu Menschenliebe und Wohltun" zu folgen. Aus dieser seelischen Disposition mag sich der hochgestimmte Ton erklären, den Beethoven namentlich für die Partie des Jesus, im Grunde aber für das gesamte Werk findet.

Beethoven zum Entdecken

Ob das – trotz einiger prominent besetzter Aufnahmen – eher wenig beachtete Werk dank des Beethoven-Jahres 2020 noch mehr Aufmerksamkeit erhält, wird sich zeigen. Diese Sendung wiederholen wir aus dem Jahr 2013; der ursprünglich für diesen Termin geplante Beitrag zu Beethovens Messe in C-Dur wird zu einem späteren Zeitpunkt gesendet.

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