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Lesart | Beitrag vom 22.01.2021

Louise Michel: "Die Pariser Commune"Die schönste Revolution der Weltgeschichte

Von Michael Braun

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Cover des Buchs "Die Pariser Commune" von Louise Michel. (Mandelbaum / Deutschlandradio)
Aufregendes Zeugnis einer revolutionären Zeit: "Die Pariser Commune" von Louise Michel. (Mandelbaum / Deutschlandradio)

Die Dichterin Louise Michel, genannt die "rote Jungfrau von Montmartre", war eine der großen Identifikationsfiguren der Pariser Kommune. Ihre Chronik der dramatischen Tage nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1871 ist pathetisch und fesselnd.

Die 72 turbulenten Tage der Pariser Kommune vom 18. März bis zum 28. Mai 1871 gelten bis heute als die "schönste Revolution der Weltgeschichte" (Karl Marx). Die Selbstorganisation der Kommunarden von Paris ist zum mythisch glorifizierten Vorbild aller sozialrevolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts geworden.

Zwei Machtzentren in Frankreich

Der Aufstand der Kommune begann nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870, in dessen Verlauf deutsche Truppen Paris zunächst belagert und dann für einige Tage besetzt hatten. In dieser Zeit gab es zwei Machtzentren in Frankreich: die bürgerliche "Regierung der nationalen Verteidigung" in Bordeaux und die frei gewählte "Föderation der Nationalgarde", die bewaffnete Bürgerwehr in Paris. Zwischen diesen beiden Machtpolen begann der Bürgerkrieg.

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Die Mauer auf dem Friedhof Père-Lachaise, an der am Pfingstsonntag 1871 die letzten 147 Kämpfer der Kommune in einem Akt terroristischer Staatsgewalt erschossen wurden, fungiert bis heute als ein Wallfahrtsort der französischen Linken. Die Geschichtswissenschaft aber hat in der Zwischenzeit den Mythos von der ersten "Diktatur des Proletariats" ernüchtert.

Anarchisten, Linksliberale und Radikaldemokraten

Der Publizist Sebastian Haffner wies bereits 1971, zum hundertsten Geburtstag der Kommune, darauf hin, dass diese nur wenig mit Kommunismus zu tun gehabt habe, sondern zunächst ein frei gewähltes Stadtparlament gewesen sei, das nicht nur aus Anarchisten, sondern auch aus Linksliberalen und Radikaldemokraten bestand.

Ein Parlament freilich, das Beschlüsse fasste, die heute zum Grundbestand der bürgerlichen Demokratie gehören: ein kostenloses Bildungssystem für alle, die Trennung von Kirche und Staat, die rechtliche Gleichstellung der Frauen. Am 28. Mai 1871 wurde diese erste junge Demokratie in einem Blutbad ausgelöscht. Der brutale Rachefeldzug der alten Machtordnung forderte etwa 30.000 Opfer.

Barrikadenkämpfe und Verbannung

Zu den großen Identifikationsfiguren der Pariser Kommune gehörte die Dichterin und Revolutionärin Louise Michel (1830-1905), die "rote Jungfrau vom Montmartre", die auch in die militärischen Auseinandersetzungen involviert war. In linken Verlagen sind in den vergangenen Jahrzehnten einige Bücher von und über Louise Michel auf Deutsch erschienen, zuletzt 2016 ihre Memoiren.

Schwarzweiß Darstellung vom Brand des Palais d Orsay im Jahr 1871 (Imago / Imagebroker)Der Brand des Palais d Orsay, Quai d Orsay, heute das Musée d Orsay in Paris, im Jahr 1871. (Imago / Imagebroker)

Ihr wichtigstes Buch aber ist eine materialreiche Chronik zum Aufstieg und Niedergang der Kommune, es liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung im Wiener Mandelbaum Verlag vor. Es ist eine über 400 Seiten starke Reportage der dramatischen Ereignisse seit dem Zusammenbruch des französischen Kaiserreichs nach der Schlacht bei Sedan bis hin zu den Barrikadenkämpfen im Mai 1871 und schließlich der Verbannung Michels in eine Strafkolonie auf der Südsee-Insel Neukaledonien im August 1873. In der Verbannung wird sie zur Ethnologin, sucht Kontakt zu den Kanaken, wie sich die indigene Bevölkerung dort nennt, und untersucht in zwei Büchern deren Sprache und Kultur.

Bekenntniseifer einer Revolutionärin

In ihrer fesselnden Chronik der Kommune, die sie 1895 fertigstellte, schildert Michel unter Rückgriff auf Briefe, Zeitungsartikel, offizielle Dekrete und ihre eigene Augenzeugenschaft die Konfliktdynamik der damaligen Ereignisse. Man muss sich zunächst an das hochfliegende Pathos gewöhnen, mit dem Michel ihre Leidenschaft für die Revolution auflädt:

"Was den Brand von Paris anbelangt, ja, ich habe daran teilgenommen, ich wollte den Eindringlingen aus Versailles eine Barriere aus Flammen entgegenstellen. Wenn sie mich leben lassen, werde ich nicht aufhören, Rache zu wollen."

Dieser starke Bekenntniseifer ist natürlich meilenweit entfernt von der kühlen Distanz, mit der sich Geschichtswissenschaftlerinnen ihrem Stoff nähern. Aber durch die Akribie, mit der hier eine Augenzeugin die 72 Tage der Pariser Kommune beschreibt, wird man direkt hineingezogen in die Atmosphäre dieser epochalen historischen Umwälzung.

Leider hat der Verlag auf ein aktuelles Nachwort verzichtet, das die Bewertung der Ereignisse mit dem jüngsten Forschungsstand vergleicht. Dennoch ist Michels Chronik ein aufregendes und unverzichtbares Dokument beim Blick auf die europäische Revolutionsgeschichte.

Louise Michel: "Die Pariser Commune"
Aus dem Französischen von Veronika Berger
Mandelbaum Verlag, Wien 2020
418 Seiten, 28 Euro

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