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Frühkritik | Beitrag vom 14.05.2021

Louisa Luna: "Tote ohne Namen"Krimi über Menschenhandel und Sexsklaverei

Von Kolja Mensing

Das Cover von Louisa Lunas Buch "Tote ohne Namen" auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Suhrkamp)
Brutal und sehr aktuell: Louisa Lunas Kriminalroman "Tote ohne Namen". (Deutschlandradio / Suhrkamp)

"Momentan nicht viel Gerechtigkeit", lautet das Fazit von Alice Vega. Die Privatdetektivin und Ex-Kopfgeldjägerin kämpft in Louisa Lunas Thriller "Tote ohne Namen" an der Grenze zwischen USA und Mexiko gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.

Am Stadtrand von San Diego werden zwei tote mexikanische Mädchen gefunden. Keine Namen, keine Ausweise, aber eine von ihnen hat einen Zettel in der Hand, auf dem der Name Alice Vega steht.

Vega ist eine ehemalige Kopfgeldjägerin, die mittlerweile als Privatdetektivin arbeitet und am liebsten mit einem Bolzenschneider in der Hand ermittelt. Die Polizei von San Diego lässt sich trotzdem erstaunlich schnell darauf ein, sie und ihren Partner Max Caplan in den Fall einzubeziehen.

Zwangsprostitution – ein aktuelles Thema

Es geht um illegalen Menschenhandel und Prostitution Minderjähriger. Doch als Alice Vega auf eine Spur stößt, die zu zwölf weiteren versklavten Mädchen und einem berüchtigten mexikanischen Kartell führt, macht die Polizei einen Rückzieher – und schreibt Vega selbst zur Fahndung aus.

Louisa Lunas Thriller "Tote ohne Namen" ist brutal und aktuell: Jahr für Jahr werden nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bis zu 10.000 Kinder aus Lateinamerika von den Kartellen in die USA verschleppt und zur Prostitution gezwungen.

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Gleichzeitig gibt es ein schwer zu überschauendes Netz aus staatlichen Behörden, zu denen die Polizei gehört, die Drogenvollzugsbehörde DEA oder die Einwanderungsbehörde, von Korruption zerfressen und gesteuert durch eine intransparente und zynische Politik, die sich auch nach dem Amtswechsel im Weißen Haus nicht grundsätzlich geändert hat.

Ein menschenverachtendes System

Das ist das Hintergrundrauschen dieses Kriminalromans, in dem Alice Vega aus dem Gefühl heraus, dass "hier momentan nicht viel Gerechtigkeit herrscht", einem menschenverachtenden System den Kampf ansagt.

"Es gibt zwei Möglichkeiten", sagt sie zu Max, nachdem sie sich in einer halsbrecherischen Aktion aus dem Polizeigewahrsam befreit haben: "Entweder wir hauen ab oder wir greifen an." Keine Frage: Sie greifen an.

Wer ist diese Alice Vega wirklich? "Tote ohne Namen" ist bereits der zweite Band der Reihe um die impulsive und gewaltbereite Privatdetektivin – aber der erste Band, der auf Deutsch erscheint.

Auch eine schüchterne Liebesgeschichte

In diesem Fall ist das sogar ein Vorteil: Louisa Lunas Figuren wirken ohne Vorgeschichte auf interessante Art fragmentarisch, fast brüchig, und auch die schüchterne Liebesgeschichte zwischen der wutgesteuerten Ex-Kopfgeldjägerin und dem nicht mehr ganz so jungen, geschiedenen Familienvater wird über weite Strecken nur angedeutet.

Es ist nicht das, was sie die beiden wirklich antreibt. Und vielleicht wissen sie es selbst nicht ganz genau: "Es gibt keine klaren Regeln in diesem Spiel", sagt Max zu Alice, als sie am Ende allein mit ihren Zweifeln in einem Hotelzimmer sitzen: "Wenn wir den Papierkram hinter uns haben, machen wir so weiter. Und so weiter. Verstehst du?"

Louisa Luna: "Tote ohne Namen"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea O'Brien
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
444 Seiten, 15,95 Euro

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