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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.08.2017

Longlist zum Deutschen Buchpreis 20 Autoren im Rennen um den besten Roman

Meike Feßmann und Jörg Plath im Gespräch mit Joachim Scholl

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Gestapelte Bücher an einem Verlagsstand (dpa-Zentralbild)
Bücher über Bücher - 20 Romane haben es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft. (dpa-Zentralbild)

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis steht fest. Eine ausgewogene, literarisch anspruchsvolle Mischung aus etablierten Autoren und Debütanten, finden unsere Kritiker Meike Feßmann und Jörg Plath. Ihr gemeinsamer Favorit ist Thomas Lehr mit "Schlafende Sonne".

Rekordverdächtige 174 Romane haben die deutschsprachigen Verlage in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis eingereicht - mehr als je zuvor. Dazu kamen 26 Romane, die die Jury von sich aus nominiert hat. 

Sehr zufrieden zeigen sich unsere Kritiker Meike Feßmann und Jörg Plath über die ausgewogene Mischung aus etablierten Autoren und Debütanten und die insgesamt hohe Qualität der ausgewählten Werke. Die meisten Romane seien sehr sprachbewusst, sagt Jörg Plath.

Besonders gefreut hat Meike Feßmann, dass Thomas Lehr dabei ist, der schon 2010 auf der Shortlist war. Sein neuer Roman "Schlafende Sonne" sei zwar eine intellektuelle Herausforderung für viele Leser, aber mit seiner zeitdiagnostischen Wucht sehr überzeugend. 

Auch die Wahl der Debütantin Sasha Marianna Salzmann, begrüßt Feßmann. Salzmann, die Hausautorin des Maxim Gorki Theaters ist, habe sich für "Außer sich" zwar zwei modische Themen vorgenommen - Migration und die Genderproblematik - die sie aber literarisch anspruchsvoll verarbeite.

Sven Regener als unterhaltsame Überraschung

"Sehr schön ist auch, dass Jonas Lüscher dabei ist, der mit 'Kraft' die voltairsche Frage stellt, ob wir in der besten aller Welten leben", sagt Feßmann. Erstaunlich sei hingegen, dass Sven Regener, der eher in die unterhaltsame Literatur gehöre, es auf die Liste geschafft habe.

Unter den etablierten Autoren ist neben Robert Menasse mit seinem Brüssel-Roman "Die Hauptstadt" auch Ingo Schulze, der lange nichts mehr veröffentlicht hat und dem Jörg Plath zufolge mit "Peter Holtz" ein großer Schelmenroman gelungen ist. Feridun Zaimoglus "Evangelio" bilde einen sehr wortgewaltigen Abschluss des Lutherjahres.

"Insgesamt deckt die Longlist die Tendenzen des Frühlings- und Herbstprogramms der Verlage sehr gut ab", findet Feßmann. "Was fehlt, sind jedoch die historischen Stoffe wie sie etwa Uwe Timm verarbeitet", fügt Plath hinzu. "Und Bücher aus dem Genre, das man im Film als 'Bio-Pic' bezeichnen würde, wie zum Beispiel Lea Singers 'Poesie der Hörigkeit' über Gottfried Benn."

Top-Favorit ist für Meike Feßmann ganz deutlich Thomas Lehr, während Jörg Plath an ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Robert Menasse, Ingo Schulze und Thomas Lehr glaubt.

Für den Literaturkritiker Rainer Moritz gehören die Werke von Robert Prosser und Christoph Höhtker zu den Überraschungen unter den Nominierungen. Grundsätzlich aber gelte: "Es herrscht sehr viel Ausgewogenheit, auch zwischen kleinen und großen Verlagen", erklärte Moritz im Deutschlandfunk Kultur. Zudem gebe es die Tendenz, dass wieder politische Romane, Romane, die sich mit Gegenwartsproblemen auseinandersetzen, ins Blickfeld gerückt werden." Und auffällig sei, dass die Jury auch große Namen weggelassen habe: "Manche haben sicherlich damit gerechnet, dass Uwe Timm, Sten Nadolny oder Lukas Bärfuss  auf der Liste stehen."

Hören Sie das ganze Gespräch mit Rainer Moritz:

Auf diese 20 Titel konnten sich die sieben Juroren für die Longlist einigen:

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017)
Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)
Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)
Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)
Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)
Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)
Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)
Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)
Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)
Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)
Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)
Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017)
Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)
Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017)
Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)
Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017)

25.000 Euro für den Sieger

"Allen Büchern gemeinsam ist, dass sie die Jury auf die eine oder andere Art gestochen und gebissen haben – angerührt im besten Wortsinne. Vielleicht wird der Blick auf die Welt mit den Büchern der Longlist 2017 wieder etwas größer, weiter", erklärte die Jurysprecherin Katja Gasser.

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen fünf Autoren der Shortlist jeweils 2500 Euro. Die siebenköpfige Jury wird jedes Jahr neu besetzt.

Im Jahr 2016 wurde Bodo Kirchhoff für "Widerfahrnis" ausgezeichnet".

In der Sendung Fazit sprach Vladimir Balzer mit der Buchpreis-Jurorin Maria Gazetti.
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