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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.08.2020

Longlist Deutscher BuchpreisHerzklappen, Herzfaden und Halbbart

Von Wiebke Porombka

Illustriertes Hintergrundmuster aus Büchern und Brillen. (imago images / Ikon Images / Jens Magnusson)
Longlist 2020: Der Sieger oder die Siegerin wird am Vorabend der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober verkündet. (imago images / Ikon Images / Jens Magnusson)

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da: Unter den 20 Nominierten ist neben Thomas Hettche ("Herzfaden"), Leif Randt ("Allegro Pastell") und Robert Seethaler ("Der letzte Satz") auch erneut Frank Witzel.

Die Longlist 2020 bildet ein erfreulich breites Spektrum gegenwärtigen Erzählens ab - anders als mit Blick auf die überraschend junge Jury hätte spekuliert werden können. Von dem oft beschworenen Generationenwechsel erkennt man kaum etwas: Und das ist eine der Qualitäten dieser Longlist, die kein bestimmtes Literaturverständnis proklamiert.

Stattdessen stehen bekannte Namen wie Thomas Hettche oder Bov Bjerg neben jungen Autorinnen wie Deniz Ohde, Olivia Wenzel oder Helene Adler. Hinzu kommen Namen, denen bislang die ganz große öffentliche Wahrnehmung versagt geblieben ist, wie Christine Wunnicke oder Jens Wonneberger.

Auseinandersetzung mit der Vätergeneration

Einige Romane wenden sich inhaltlich wie ästhetisch ganz explizit der Gegenwart zu – so Leif Randts schon für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter Roman "Allegro Pastell", das Porträt einer Generation zwischen Psychotheraphie, Clubkultur und Achtsamkeit.

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Oder Roman Ehrlichs im besten Sinne irritierender Roman "Malé", in dem die Malediven zu einem maroden, beinahe postapokalyptischen Ort geworden sind, an dem sich eine merkwürdige Aussteiger-Community in der fadenscheinigen Hoffnung, dort ein neues Arkadien zu finden, sammelt.

Auffallend oft problematisieren die nominierten Romane die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und damit auch mit der eigenen Vätergeneration. Welche Traumata, welche Versehrtheiten haben wir davongetragen?

Augsburger Puppenkiste und Nachkriegszeit

Besonders eindrücklich und auf überraschende Weise gelingt das neben Bov Bjerg mit "Serpentinen", ein Buch, das bereits im Frühjahr erschienen ist, auch Thomas Hettche mit "Herzfaden".

Dieser Roman, der die Geschichte der Entstehung der Augsburger Puppenkiste erzählt, ist zugleich eine Mentalitätsgeschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit. Nicht zuletzt ist "Herzfaden" auch eine Reflexion über die Möglichkeiten der Kunst und zugleich ein Roman, der selbst diese Möglichkeiten voll ausschöpft.

Ob nun ausgerechnet auch ein Titel wie Robert Seethalers "Der letzte Satz" unter den 20 nominierten Romanen erscheinen muss – ein Buch, das ohnehin von einem breiten Publikum goutiert wird – mag dahingestellt bleiben. So oder so ist die Longlist 2020 eine Liste, die überzeugt und Lust auf all jene Lektüren macht, die noch ausstehen.

Das sind die 20 nominierten Bücher:

Helena Adler: "Die Infantin trägt den Scheitel links" (Jung und Jung, erschienen Februar 2020, Gespräch mit der Autorin)
Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite" (Paul Zsolnay, März 2020, Rezension)
Bov Bjerg: "Serpentinen" (Claassen, Januar 2020, Rezension, Gespräch mit dem Autor)
Arno Camenisch: "Goldene Jahre" (Engeler, Mai 2020)
Roman Ehrlich: "Malé" (S. Fischer, September 2020)
Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" (Carl Hanser, August 2020)
Valerie Fritsch: "Herzklappen von Johnson & Johnson" (Suhrkamp, Februar 2020, Rezension)
Thomas Hettche: "Herzfaden" (Kiepenheuer & Witsch, September 2020)
Charles Lewinsky: "Der Halbbart" (Diogenes, August 2020)
Deniz Ohde: "Streulicht" (Suhrkamp, August 2020)
Leif Randt: "Allegro Pastell" (Kiepenheuer & Witsch, März 2020, Rezension)
Stephan Roiss: "Triceratops" (Kremayr & Scheriau, August 2020)
Robert Seethaler: "Der letzte Satz" (Hanser Berlin, August 2020, Gespräch mit dem Autor)
Eva Sichelschmidt: "Bis wieder einer weint" (Rowohlt Hundert Augen, Januar 2020, Gespräch mit der Autorin)
Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz Berlin, Februar 2020, Rezension, Gespräch mit der Autorin)
Olivia Wenzel: "1000 Serpentinen Angst" (S. Fischer, März 2020, Gespräch mit der Autorin, Lesekreis in der Lesart)
Frank Witzel: "Inniger Schiffbruch" (Matthes & Seitz Berlin, Februar 2020, Rezension)
Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt" (Klett-Cotta, August 2020)
Jens Wonneberger: "Mission Pflaumenbaum" (Müry Salzmann, Oktober 2019)
Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand" (Berenberg, August 2020)

Die Jurorinnen und Juroren haben aus mehr als 200 Einsendungen die aus ihrer Sicht 20 besten Bücher des Jahres ausgewählt. Am 15. September wird die Liste auf sechs Titel – die Shortlist – verkürzt. Der Sieger oder die Siegerin wird am Vorabend der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober verkündet.

Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Für den Buchpreis gibt es 25.000 Euro, die übrigen Autorinnen und Autoren auf der Shortlist bekommen jeweils 2500 Euro.

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