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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.01.2020

Lola Arias und "The Square"Persönlichkeitsrecht gegen Kunstfreiheit

Von Tobias Wenzel

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Ein leuchtendes, in den Boden eingelassenes Quadrat, das als Kunstwerk im Spielfilm "The Square" zu sehen ist (imago images / Prod.DB)
Um die Urheberschaft dieses Quadrats, das im gleichnamigen Spielfilm als Kunstwerk "The Square" gezeigt wird, wird in Berlin vor Gericht gestritten. (imago images / Prod.DB)

Im Film „The Square“ von Ruben Östlund taucht ein Kunstwerk auf, das auch im Abspann Lola Arias als Urheberin nennt. Die Künstlerin streitet ihre Mitwirkung ab und sieht ihr Image beschädigt. Östlands Anwalt pocht auf die Freiheit der Kunst.

Goldene Palme von Cannes, Europäischer Filmpreis, Nominierungen bei den Golden Globes und den Oscars – der Film "The Square" war ein internationaler Erfolg. Die argentinische, in Berlin lebende Theatermacherin Lola Arias Künstlerin empfindet den Film allerdings als Pein. Denn ihr voller Name taucht dort mehrfach auf und wird mit einem im Film präsentierten Kunstwerk verknüpft, dem titelgebenden "The Square". Lola Arias hat die Produktionsfirma des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund in Berlin verklagt.

Falsche Künstlerin wider Willen

Lola Arias sitzt im Ratskeller. In der Kantine des Rathauses Schöneberg wurde für die Fernsehserie "Babylon Berlin" gedreht. Die argentinische Theatermacherin ist aber in Gedanken beim Kinofilm "The Square" und bei dessen Regisseur, dem Schweden Ruben Östlund: "Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat: Etwa, dass es mich freut, dass mein Name in seinem Film auftaucht?!"

Lola Arias spricht auf Bühne in ein Mikrofon. Im Hintergrund eine Kamera und ihre Schauspielkollegin Elvira Onetto, die vor einer Matratze steht und ein Buch liest. (Imago Images/ drama-berlin.de/ Bresadola)Lola Arias will mit "The Square" nicht in Verbindung gebracht werden. (Imago Images/ drama-berlin.de/ Bresadola)
"Im kommenden Herbst präsentieren wir die argentinische Künstlerin und Soziologin Lola Arias und ihre Ausstellung The Square." sagt Kurator Christian im Film "The Square" über das gleichnamige Kunstwerk. Die gewollt wirkende Arbeit in Form eines Quadrats, das für alle Menschen, die es betreten, zur Zufluchtsstätte werden soll, wird im Film mehrfach in Verbindung mit dem realen Namen der argentinischen Theatermacherin genannt.

Ohne ihre Erlaubnis, behauptet Lola Arias. Sie sei für den Film als Schauspielerin engagiert worden, aber um die Rolle der fiktiven argentinischen Künstlerin Natalia zu übernehmen, nicht, um sich selbst zu spielen. Tatsächlich kann Arias eine Fassung des Filmskripts vom Januar 2016 vorlegen, in der diese Künstlerin noch Natalia hieß. Die mit Arias per Videokonferenz gedrehte Szene wurde nicht verwendet. Als der Film dann veröffentlicht wurde, sei sie geschockt gewesen, weil die nicht sichtbare, aber sehr präsente fiktive Künstlerin plötzlich Lola Arias hieß.

Großer Schaden für Arias' Image

"Mir haben Kuratoren und andere Künstler geschrieben: 'Wann hast du denn The Square gemacht?' Viele haben mir auch gesagt: 'Was für ein schlechtes Werk! Warum hast du nur etwas so Banales gemacht? Ein Quadrat, in dem andere Regeln gelten, als Zufluchtsort!' Man hat mir also nicht nur ein Werk, das nicht meins ist, zugeschrieben, sondern auch noch ein schlechtes."

Auch in Filmkritiken und zeitweise auf der Wikipedia-Seite von Arias wurde ihr das Werk zugesprochen. Die Verwirrung und der Schaden seien groß, sagt Arias, gerade bei einem international so erfolgreichen Film. Ein Künstler werde ja durch seinen Namen und seine Arbeit definiert. Als sie den Regisseur per E-Mail zu Rede stellte, habe er sich nicht entschuldigt und auch nicht die Verwendung ihres Namens erläutert. Deshalb habe sie seine Produktionsfirma Plattform verklagt.

Sie fordert eine öffentliche Klarstellung, außerdem, dass bei neuen Kopien des Films per Einblendung verdeutlicht wird, dass die reale Theatermacherin Lola Arias nichts mit der Lola Arias aus dem Film und dem dort gezeigten Kunstwerk zu tun hat. Auch geht es um Schadensersatz. 

Interviewanfragen für diesen Radiobeitrag ließen Ruben Östlund und sein Anwalt unbeantwortet. Vermutlich wird letztlich ein Richter entscheiden müssen, was in diesem Fall schwerer wiegt: die Kunstfreiheit, auf die sich Ruben Östlunds Anwalt beruft, oder das Persönlichkeitsrecht von Lola Arias.

Kunstfreiheit rechtfertigt nicht alles

Jakob Braeuer, Arias' Anwalt, hat im Verfahren betont, es sei ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen der Produktionsfirma und Lola Arias dadurch entstanden, dass sie Arias als Darstellerin engagiert habe. Dieses Vertrauensverhältnis verbiete es, einen gravierenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht mit Verweis auf die Kunstfreiheit zu rechtfertigen. Lola Arias habe als Darstellerin "handelndes Subjekt" des Films werden sollen, sei aber durch die nicht genehmigte Verwendung ihres Namens im Film zu einem bloßen Objekt degradiert worden.

Der schwedische Filmregisseur und Drehbuchautor Ruben Östlund ("The Square") nimmt in Berlin den Europäischen Filmpreis an. (dpa-Bildfunk / Pool / Tobias Schwarz)Bisher habe sich Regisseur Ruben Östlund nicht entschuldigt und auch nicht die Verwendung ihres Namens im Film erläutert, sagt Lola Arias. (dpa-Bildfunk / Pool / Tobias Schwarz)

Für zusätzliche Verwirrung sorgte ein Interview des Regisseurs mit der spanischen Zeitschrift "Fotogramas". Östlund äußert sich darin zur Entstehung seines Films: Auslöser sei gewesen, dass er auf "The Square", eine Installation von Lola Arias, gestoßen sei. Dabei ist Östlund selbst der wahre Urheber des Werks und hat es 2015 im schwedischen Värnamo als Studie für seinen Film installiert.

Postmoderne Spielerei oder Scherz?

Wurde Östlund also nur falsch zitiert? Oder hat er sich mit Arias einen Scherz erlaubt? So oder so wirkt die Verwendung ihres Namens im Film wie postmoderne Spielerei. Lola Arias: "Solch ein Spiel hat mich nie interessiert. Das ist ein Spiel, das Ruben Östlund – warum auch immer – gespielt hat und in das ich nie einbezogen worden bin. Was mir passiert ist, empfinde ich deshalb als sehr übergriffig, sehr missbräuchlich, als so gar nicht harmlos."

Die Kantine im Rathaus Schöneberg leert sich, der Ort, an dem für "Babylon Berlin" gedreht wurde. Vielleicht sieht sich Lola Arias die Serie bald an. Alles, nur nicht noch einmal "The Square", den Film, mit dem sie wider Willen über ihren Namen verbunden ist.

*Wir haben in diesem Beitrag den Teasertext präzisiert. 

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