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Studio 9 | Beitrag vom 15.10.2014

Lokführer im StreikFahrgemeinschaft über Facebook

Auch Studenten müssen wegen des Bahnstreiks improvisieren

Von Ludger Fitttkau

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Ein Zug steht am Bahnsteig am Frankfurter Hauptbahnhof. Im Vordergrund ist ein Schild zu sehen mit der Aufschrift "Streikinformation". (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)
Wie hier am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main müssen Passagiere deutschlandweit heute mit Behinderungen rechnen. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Der bundesweite Lokführerstreik trifft zu Semesterbeginn auch viele Studierende. Doch Facebook & Co. können helfen, Fahrgemeinschaften zu organisieren. Und notfalls finden gestrandete Bahnkunden auf diese Weise auch einen Schlafplatz.

Kai Daschanski kauert ziemlich missmutig in der Cafeteria der Darmstädter Unibibliothek. Der Bahnstreik  heute Mittag verdirbt dem Maschinenbaustudenten den Kaffeegenuss.

"Ich muss früher aufbrechen. Ich verpasse die ganze Mathevorlesung, die ich eigentlich mitmachen wollte, weil Mathe ein Hauptfach ist. Aber mir bleibt keine andere Möglichkeit. Anders komme ich nicht weg. Ich muss spätestens um halb eins losfahren, denn ab 14.00 Uhr wird ja offiziell gestreikt, aber davor sind ja schon Verspätungen und was weiß ich nicht alles und deswegen muss ich schon früher aufbrechen."

Draußen auf dem Platz vor der Mensa trifft Soziologiestudentin Julia Kosenac einige andere Studierende. Sie stellt fest: Gerade ihre beste Freundin aus dem gut 30 Kilometer entfernten Heppenheim fehlt heute in der Gruppe wegen des Streiks:

"Sie ist heute gar nicht mehr gekommen, weil sie dachte: Okay, um neun Uhr fängt die Vorlesung an, dann muss sie ja den Zug schon um 11.30 zurücknehmen, damit sie überhaupt noch nach Hause kommen kann. Für eine bzw. zwei Stunden lohnte es für sie nicht, überhaupt in die Uni zu kommen."

"Schlimm ist auch für Seminare oder Veranstaltungen, wo man eben Anwesenheitspflicht hat, die Dozenten haben da nicht wirklich immer Verständnis für und wie erklärt man das denen dann. Muss man schon ein bisschen rumdiskutieren, ist nicht immer leicht."

Sage René aus Rödermark, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Er studiert im dritten Semester Politikwissenschaften. Doch Angst vor Sanktionen müsste er eigentlich nicht haben: Denn im Präsidium der TU Darmstadt drückt man an Tagen wie diesen ein Auge zu, wenn jemand fehlt. Das sagt Vizepräsident Ralf Bruder, der sich unabhängig von der Bahn bewegt – nicht nur am Streiktag

Reporter: "Sie schließen gerade ihr Fahrrad ab. Gute Alternative heute zum öffentlichen Nahverkehr."

Bruder: "Ist perfekt. An solchen Tagen freut man sich sehr, dass man mit dem Fahrrad unterwegs sein kann. Ich mache das regelmäßig und man ist unabhängig von irgendwelchen Ereignissen."

"Logistisch zu reagieren, ist kaum möglich."

Open Conference - Online-Journalismus-Studenten der Hochschule Darmstadt (©Deutschlandradio-Bettina Fürst-Fastré)Open Conference - Online-Journalismus-Studenten der Hochschule Darmstadt (©Deutschlandradio-Bettina Fürst-Fastré)

Hilfen für die Studierenden könne man bei einem so kurzfristig angekündigten Streik als Unileitung nicht bereitstellen, bedauert der Darmstädter Uni-Vizechef:

"Natürlich ist das logistisch ein Thema für uns, wie unsere Studierenden herkommen, jetzt gerade zu Semesterbeginn. Doch kurzfristig logistisch zu reagieren, ist extrem schwierig für uns. Geht fast gar nicht."

Deshalb helfen sich viele Studierende heute selbst und bilden Fahrgemeinschaften mit dem Auto. Organisiert wird das über die sozialen Netzwerke im Internet, beobachten René und eine Soziologiestudentin, die ebenfalls ihren Namen nicht im Radio hören will:

"Ich habe schon auf Facebook mitbekommen, dass Leute Mitfahrgelegenheiten gesucht haben."

Reporter:  "Haben sie schon überlegt, das sie Kommilitonen mitnehmen, die nicht nach Hause kommen?"

Studentin: "Ja, sicher. Wir haben das schon abgesprochen. Wir haben alle Apps auf dem Handy, um zu gucken wann die streiken, damit auch jeder heimkommt. Wir lassen hier niemanden stehen."

Verunsichert sind jedoch insbesondere die Erstsemester, die an der Uni noch niemanden kennen. Auch die Eltern können heute Nachmittag nicht unbedingt helfen:

"Eltern gehen arbeiten und sonstiges, also mal sehen. Wenn die jetzt nicht kommen, habe ich ein großes Problem. Weil ich anderthalb Stunden fahren muss, dann muss ich vielleicht bei einem Freund pennen."

Kai Daschanski blickt nun in der Bibliotheks-Cafeteria der Uni auf den Boden der leeren Tasse.  Sein Zorn auf die streikenden Lokführer ist noch nicht verraucht:

"Ja, selbstverständlich. Vom mir wird erwartet, dass ich pünktlich da bin. Vor allem zu Beginn des Semesters, und das ist jetzt leider nicht möglich."

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