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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.07.2009

Lohmann: Man kann an jeder Haustür klingeln

Hartmut Lohmann über seine Erlebnisse als Stadtschreiber in Ranis

Hartmut Lohmann im Gespräch mit Katrin Heise

Sich öffnende Türen, aber auch Barrieren begegnen Lohmann in Ranis.  (Stock.XCHNG / Dora Pete)
Sich öffnende Türen, aber auch Barrieren begegnen Lohmann in Ranis. (Stock.XCHNG / Dora Pete)

In dem thüringischen 800-Seelen-Dorf Ranis ist derzeit der 26-jährige Schriftsteller Hartmut Lohmann zu Gast. Sein Debüt trägt den Titel "Genius". Seitdem hat der Bochumer vor allem fürs Theater geschrieben. Die Welt seines Aufenthaltsortes erscheine ihm teilweise wie vor 100 Jahren, so der Autor.

Katrin Heise: Hartmut Lohmann ist zurzeit Stadtschreiber im thüringischen Ranis. Guten Tag, Herr Lohmann!

Hartmut Lohmann: Ja, guten Tag!

Heise: Stimmt das, befindet sich Ihr Arbeitsplatz im Wirtshaus unter all den Leuten, um alles mitzubekommen?

Lohmann: Nein, und ich glaube auch nicht im Zwiegespräch mit einer Spinne, aber es ist trotzdem sehr nett.

Heise: Wie arbeiten Sie denn, erzählen Sie mal!

Lohmann: Ja, am Schreibtisch, einfach ganz normal. Also für mich ist Schreiben Handwerk, also das entsteht halt, wie auch ein Tisch entstehen würde, nämlich Stück für Stück.

Heise: Und jetzt haben Sie für Ihre Stück-für-Stück-Arbeit ja eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekommen, was hat man Ihnen da für ein Umfeld bereitet in Ranis?

Lohmann: Das Umfeld war ganz nett, also die Wohnung ist sehr groß, ich glaube 100 Quadratmeter. Ich habe mich da wohnlich eingerichtet, einen schönen großen Schreibtisch aus mehreren Tischen zusammengestellt – ich brauch’s immer beim Schreiben etwas größer wegen den vielen Papieren. Und ja, so entstehen dann die Texte.

Heise: Wir haben ja so ein bisschen was von Ranis mitbekommen, eben die große Burg wurde uns vor allem hier gerade nahegelegt. Haben Sie eigentlich von Ranis bestimmte Auflagen bekommen, müssen Sie Veranstaltungen durchführen oder Texte über Ranis schreiben?

Lohmann: Ja, also das Buch, das dort entsteht, soll schon einen gewissen Bezug zu Ranis haben, also Ranis soll in irgendeiner Weise auftauchen oder das Thüringer Umland. Ansonsten ist die künstlerische Freiheit aber eigentlich sichergestellt, also ich kann schon machen, was ich möchte, also in dem Buch, das Buch ist schon halt von mir und jetzt nicht irgendwie eine Auftragsarbeit für Ranis oder so. Ansonsten habe ich natürlich drei Lesungen zu absolvieren, also als Stadtschreiber, diese Stadtschreibergespräche, die schon eben erwähnt wurden. Und ja, ich glaube, die habe ich aber bis jetzt auf das letzte Gespräch, wo das Buch dann auch letztendlich vorgestellt wird, alle absolviert.

Heise: Sie sind angekommen aus Bochum mit dem Umweg über das Nordseebad, wo Sie eben auch schon Stadtschreiber waren. Was fällt Ihnen eigentlich an der kleinen Stadt oder am kleinen Städtchen Ranis auf?

Lohmann: Dieses etwas Gespaltene, ehrlich gesagt. Also es ist schon eine Stadt, die etwas auf der Suche ist auch nach Identität. Die Burg hat jahrhundertelang Identität gestiftet, aber das funktioniert jetzt sozusagen in der Moderne nicht mehr. Und ich denke, dass das auch so ein Anlass war, so eine Stadtschreiberstelle ins Leben zu rufen, weil der Stadtschreiber sozusagen als neutrale Instanz in die Stadt hineinkommt und sich das Ganze anschauen soll und dann darüber berichtet sozusagen und über das Medium Buch diesen Bericht dann sozusagen auch verbreitet. Die Hoffnung ist natürlich dann, darüber sozusagen auch eine gemeinsame Basis eventuell zu finden für alle.

Heise: Sie machen also bestimmte Probleme in Ranis aus. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, stehen die Einwohner von Ranis so zwischen Moderne und Tradition?

Lohmann: Ich denke, vielleicht stimmt das für den ganzen Osten. Vielleicht ist es ein bisschen weit gefasst, aber ich denke schon, dass – das war generell mein Eindruck, sowohl in Otterndorf als auch in Ranis – dass viele das Gefühl haben, im Stich gelassen worden zu sein und nicht genau wissen, wo es jetzt hingehen soll. Ich denke mal, das ist ganz allgemein.

Heise: Das heißt, Sie haben tatsächlich Ihre Stadtschreiberstelle - merken Sie auch so ein bisschen, der Westler mit dem Blick auf den Osten?

Lohmann: Ja, ja.

Heise: Hartmut Lohmann, Stadtschreiber im thüringischen Städtchen Ranis, im Deutschlandradio Kultur. Herr Lohmann, wie sind Sie eigentlich aufgenommen worden? Sind Sie auch wirklich als Westler aufgenommen worden, sind Sie für all die Einwohner da auch der Westler, der sie betrachten will?

Lohmann: Ja, nicht vielleicht der Westler, der sie betrachten möchte, aber der Westler schon, doch, ja.

Heise: Woran merken Sie das?

Lohmann: Es gibt Vorurteile, ehrlich gesagt. Also ich denke mal auf beiden Seiten, also jetzt nicht von meiner Seite, aber generell haben wir Westler ja auch gerne immer Vorurteile auch im Fernsehen verbreitet über den Osten, und ich denke mal, dass die Gegenreaktion darauf einfach ist, dass die im Osten dann auch Vorurteile gegen uns sozusagen entwickelt haben. Und ich hatte schon stark den Eindruck, dass viele dort einfach mal voraussetzen oder annehmen, dass ich quasi der verwöhnte Westler wäre, der all die Probleme, die die im Osten hätten, gar nicht verstehen würde oder gar nicht kennen würde. Es ist ein Vorurteil, also weil wir wissen im Westen ja eigentlich schon eigentlich Bescheid, zumindest jetzt ich.

Heise: Das heißt, das hört sich ein bisschen so an, als würden Sie nur schwer Kontakt zur Bevölkerung bekommen. Ist das so?

Lohmann: Nee, das dauert aber einfach ne Zeit. Das ist ja wie immer, wenn Vorurteile existieren, dann sind das so Grenzen und Barrieren, und die müssen dann abgebaut werden.

Heise: Wie machen Sie das?

Lohmann: Beim Bierchen zum Beispiel.

Heise: Also in der Wirtschaft, die wir beschrieben haben?

Lohmann: Genau, ja, ja, das ist immer gut.

Heise: Sie kommen abends hin, setzen sich einfach dazu und plaudern mit?

Lohmann: Zum Beispiel. Oder man klingelt an der Haustür, also man kann überall dort eigentlich auch an der Haustür klingeln, sich vorstellen, also man wird immer reingebeten. Und dann trinkt man ein Bierchen zusammen und kommt ins Gespräch.

Heise: Sie selber sind ja noch recht jung, 26 Jahre alt. Haben Sie eigentlich auch Kontakt zu jungen Leuten in Ranis?

Lohmann: Ja, da gibt’s leider nicht allzu viele. Ich hab’s versucht, aber es gibt sehr, sehr junge, also zu jung, sozusagen 18, 19, und alles so in meinem Alter, 26, habe ich nicht gesehen, ehrlich gesagt.

Heise: Wie ist die Situation für Jugendliche dort?

Lohmann: Einsam? Ich glaube schon sehr zurückgezogen irgendwie. Also in Ranis selbst, es ist ein 800-Seelen-Dorf und es gibt kein Kino, alles ist im Grunde außerhalb, es gibt nicht mal einen Supermarkt, sodass viele einfach Computer spielen. Also die meisten, mit denen ich so gesprochen habe, die haben irgendwie "World of Warcraft" oder so was gespielt.

Heise: Themen, die Sie in Ihren Stücken bearbeiten, das ist vor allem so zwischenmenschliche Begegnungen oder auch gerade die Unmöglichkeit der Kommunikation, das Aneinander-Vorbeireden. Finden Sie in Ranis Stoff für Ihre Bücher, Stücke?

Lohmann: Ich glaube, den Stoff findet man überall, weil nun mal überall aneinander vorbeigesprochen wird. Es ist halt, was in Ranis nicht so brauchbar gewesen wäre, es ist alles sehr, noch wie vor 100 Jahren teilweise, auch die Gespräche. Also auch die Gespräche in der Wirtschaft zum Beispiel sind schon so, da sitzen dann eben mehrere Herren um den Tisch, lehren einen Krug nach dem anderen, und das einzig Moderne dabei ist dann vielleicht das Handy, das hin und wieder piept, so als verlängerter Besenstock der zu Hause gebliebenen Ehefrau, die ihn dann hin und wieder piekst, ob er dann nicht mal wieder nach Hause kommen möchte. Ansonsten ist alles wie vor 100 Jahren teilweise.

Heise: Wie haben denn die Leute reagiert auf Ihre Lesungen?

Lohmann: Gemischt. Also bei der ersten Lesung waren nur ganz wenige da, ich glaube nur acht Leute. Und dann bei den zweiten Lesungen, die waren ja dann in der – das waren drei Lesungen nacheinander – das war in Schulen, also vor Schülern, die mussten ja dann quasi.

Heise: Das heißt, sie waren dann auch ein bisschen in gezwungener Haltung und mochten nicht mit Ihnen reden?

Lohmann: Ja, also in Neustadt war es so, dass die sehr, sehr offen waren, sehr freundlich und sehr interessiert, und ja, woanders war es dann eben auch anders. Also das war beides dabei, mal gezwungen und mal sehr offen.

Heise: Was nehmen Sie denn mit aus Ranis nach Bochum?

Lohmann: Also künstlerisch sozusagen, dass es jetzt zunehmend in Deutschland mehr um psychologische Prozesse als um literarische Prozesse gehen wird, ehrlich gesagt. Also es ist ja schon auch ne Resignation zu spüren in der Bevölkerung, jetzt nicht nur in Ranis, sondern auch das ganze Umfeld sozusagen, ich meine, die Arbeitslosigkeit liegt bei 12 Prozent. Und mir ist irgendwie dort sehr, sehr klar geworden, dass die Literatur als einfach ein schöner Text, den man liest, da nicht wirklich hilft, sondern dass wir uns sicherlich dort in eine andere Richtung bewegen werden, die psychologischer angelegt ist. Also wie können wir ein glückliches Leben führen trotz Arbeitslosigkeit? Ich nehme an, dass das gesellschaftlich relevanter sein wird in den nächsten Jahren, als welches Buch ist jetzt gerade auf der Bestsellerliste auf Platz eins.

Heise: Das klingt jetzt aber ein bisschen resignativ für Sie als Schriftsteller?

Lohmann: Nein, gar nicht. Also weil, ich meine, gut, dafür ist man ja Künstler, da muss man flexibel sein und kreativ. Ich meine, das ist ja einfach bloß ein anderer Ansatzpunkt. Auch die "Buddenbrooks" von Thomas Mann oder so haben ja Gesellschaftsprozesse aufgezeigt, die sozusagen – jetzt würden Sie eben sagen resignativ, aber das ist einfach nur ein Gesellschaftsprozess, also der Niedergang einer Kaufmannsfamilie. Und was bei "Buddenbrooks" fehlt, ist sozusagen die Antwort darauf, was käme danach. Bei den "Buddenbrooks" ist alles dann zerstört, alles vorbei. Das Gegenmodell wäre jetzt: Wie wird man jetzt glücklich trotz dem Niedergang der Familie sozusagen? Wie wird man glücklich trotz des wirtschaftlichen Niedergangs vielleicht eines ganzen Landes?

Heise: Das heißt, da fühlen Sie sich als Schriftsteller auch doch herausgefordert?

Lohmann: Ja, sehr!

Heise: Hartmut Lohmann, Stadtschreiber in Ranis. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Zeit, Herr Lohmann, und vielen Dank für das Gespräch!

Lohmann: Ja, ich danke auch, sehr gern!

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