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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.09.2018

"Lohengrin" in StuttgartDas Volk ist verunsichert

Von Rainer Zerbst

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"Lohengrin" an der Staatsoper Stuttgart mit Michael König in der Titelpartie (Staatsoper Stuttgart/Matthias Baus)
"Lohengrin" an der Staatsoper Stuttgart mit Michael König in der Titelpartie (Staatsoper Stuttgart/Matthias Baus)

Für eingefleischte Wagnerianer könnte die Stuttgarter Inszenierung von "Lohengrin" eine Zumutung sein, denn Regisseur Árpád Schilling glaubt nicht an eine hehre Gralsgesellschaft des Guten irgendwo in fernen Höhen.

Wenn bei ihm der Heerrufer nach einem Helden ausruft, der für Elsas Unschuld am Tod ihres Bruders, der ihr zur Last gelegt wurde, kämpfen wolle, der also für das Gute einstehe, dann findet sich dieser Held in der Bevölkerung von Brabant. Und der, der von der Bevölkerung vorgestoßen wird, will diese Rolle nicht einmal.

Doch hat man diese Regieprämisse einmal akzeptiert – und das fällt im 21. Jahrhundert leichter als der Glaube an Gralsritter –, dann ist alles logisch. Vor allem erkennt man dann, worum es in dieser Oper durchaus auch und vor allem geht: um die Menschen. Sei es nun das Volk oder die Bevölkerung, die verunsichert ist – in Wagners Oper ebenso wie heute bei uns. Man sucht nach einem Retter, und glaubt man ihn gefunden zu haben, dann ist man schon verändert.

Die Menschen sind freier

Ganz Wagners Chören folgend sieht Schilling diese Veränderung zum Positiven. Die Menschen sind freier, gelöster, glauben sich ihrer Probleme ledig. Leider ist er in der Führung des Chors, dem in dieser Oper ja eine Hauptrolle zukommt, nicht sonderlich einfallsreich. Zu statuarisch stehen die Sänger oftmals auf der Bühne.

"Lohengrin" an der Staatsoper Stuttgart (Staatsoper Stuttgart/ Fotograf Matthias Baus)"Lohengrin" an der Staatsoper Stuttgart (Staatsoper Stuttgart/ Fotograf Matthias Baus)

Eindringlicher gelingen ihm die Kammerspiel-Szenen, in denen Ortrud ihren Mann aufhetzt, versucht, Elsa auf ihre Seite zu ziehen, Elsa Lohengrin dazu bewegen will, doch seinen Namen zu verraten.

Viele Details fügen sich so zu einer durchaus aktuellen gesellschaftlichen Sicht der Oper auch aus heutiger Perspektive.

Musikalisch ist die Produktion ein Fest. Martin Gantner singt einen Telramund, der sich in seine Rolle, in die er anfangs nur von Ortrud gedrängt wird, hineinsteigert, fulminant. Okka von Damerau verfügt als Ortrud über einschmeichelnde Töne ebenso wie über geifernde, Simon Schneider gestaltet eine Elsa, die mehr ist als nur die scheue Reine, klangschön, durchaus hochdramatisch wie auch poetisch, und Michael Königs Lohengrin ist eine perfekte Mischung aus lyrischem Tenor mit heldenhaften Spitzen.

Der Chor grandios wie immer – und Cornelius Meister am Pult überragt sogar noch dieses Sängerpotential.

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