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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.11.2012

Logistik am Todesstreifen

Axel Klausmeier: "Hinter der Mauer. Zur militärischen und baulichen Infrastruktur des Grenzkommandos Mitte", Ch. Links Verlag, Berlin 2012, 336 Seiten

Mit hohem Aufwand betrieb die DDR Grenzsicherung, hier an der Berliner Mauer. (AP)
Mit hohem Aufwand betrieb die DDR Grenzsicherung, hier an der Berliner Mauer. (AP)

Die DDR betrieb spätestens mit dem Bau der Mauer ein komplexes System der Grenzsicherung. Immerhin waren über 13.000 Soldaten ständig mit der der Überwachung beschäftigt. Axel Klausmeier zeigt die organisatorische und militärische Struktur der Grenztruppen auf.

Übrig geblieben sind von dem einst verhassten Bauwerk nur noch wenige Reste, inzwischen allerdings mit Denkmalstatus versehen. Die Bedeutung der Berliner Mauer als Symbol des Kalten Krieges ist heute unbestritten. Weitgehend unbekannt ist allerdings, was zum "Eisernen Vorhang" um West-Berlin sonst noch dazu gehörte: das raumgreifende System zur Organisation der Grenzsicherung. Dies ins Blickfeld zu rücken, ist das Verdienst eines Buches, das der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, jetzt verfasst hat.

Klausmeier hat die (zumeist trostlosen) baulichen Hinterlassenschaften der Grenztruppen aufgesucht, in zahlreichen Fotografien dokumentiert und die Entwicklung der baulichen Infrastruktur der Grenztruppen recherchiert. Im Ergebnis werden die Dimensionen des Grenzsicherungsapparates deutlich, und zugleich die andauernden Probleme mit mangelhaften baulichen Anlagen.

Über 13.000 Soldaten waren ständig mit der Grenzüberwachung beschäftigt. Ihr Dienst in den Kasernen sollte sie zu "sozialistischen Menschen" erziehen, so der Traum von Armeegeneral Heinz Hoffmann, der die Kasernen als Orte geistig-kulturellen Lebens sehen wollte.

Die Wirklichkeit sah freilich anders aus: beengte Mannschaftsunterkünfte, monotone, stereotype, graue Gebäudekomplexe, die einen bedrückenden Rahmen für einen ohnehin unerfreulichen (Zwangs-)Dienst abgaben.

In einer aufschlussreichen Einführung erklärt Klausmeier den organisatorischen Aufbau der Grenztruppen nach dem Mauerbau: mit der Stadtkommandantur von Berlin, dem Grenzkommando Mitte, den Grenzregimentern und Grenzausbildungsregimentern. Bis heute ist die brandenburgische Umgebung von Berlin gezeichnet von hässlichen, verfallenden Bauten der Regimenter.

Klausmeier allerdings betrachtet die Hinterlassenschaften und ihre Geschichte aus dem Blickwinkel des Denkmalschützers. Unabhängig von ihrer zweifelhaften Ästhetik sieht er sie als Teil einer Kulturlandschaft, die Geschichte "lesbar" macht, da erst mit der baulichen Infrastruktur der Grenztruppen die wahre Dimension der Grenzsicherungsanstrengungen des SED-Regimes sichtbar wird. Klausmeiers Buch ist daher auch ein Appell, die Relikte als Zeugnisse der historischen Epoche des Kalten Krieges zu bewahren.

Sehr detailliert beschreibt Klausmeier den Kasernenbau der Grenztruppen - von der Umnutzung ehemals kaiserlicher oder nationalsozialistischer Militärbauten bis zum Aufbau standardisierter DDR-Bauten, die allerdings schon in den 80er-Jahren deutliche Zeichen des Verfalls aufwiesen. Die Parallelen zum zivilen Wohnungsbau sind unübersehbar: der Siegeszug der Platte, die rege Bautätigkeit in den 70er-Jahren ("Neubau- und Sanierungsarbeiten schienen kein Ende zu nehmen"), wachsende Schwierigkeiten, die Bausubstanz zu erhalten, in den 80er-Jahren.

Klausmeiers Buch ist ein geschichtswissenschaftliches Fachbuch, das Forschungsergebnisse auf einem noch weitgehend unerforschten Gelände präsentiert. Es ist Teil einer Publikationsreihe, die 2011 von der Stiftung Berliner Mauer begründet wurde, um die Mauergeschichte in all ihren Dimensionen bekannt zu machen.

Für den praktischen Gebrauch fehlen leider die Register, für ein breiteres Lesepublikum ist es zu sehr auf die nüchterne Darstellung der Forschungsergebnisse konzentriert.

Gruselig ist allerdings die Beschreibung des Ausbildungswesens bei den Grenztruppen – die Simulation von Fluchtsituationen und die Kampfausbildung für den Fall bewaffneter Auseinandersetzungen an der Grenze zum Klassenfeind. Je länger diese Geschichte zurückliegt, desto unwirklicher wird die Vorstellung, dass sie einst zum selbstverständlichen Alltag rund um West-Berlin gehörte. Umso wichtiger sind Erforschung und Vermittlung dieser historischen Ausnahmesituation.

Besprochen von Winfried Sträter

Axel Klausmeier: Hinter der Mauer. Zur militärischen und baulichen Infrastruktur des Grenzkommandos Mitte
Ch. Links Verlag, Berlin 2012
336 Seiten, 29,90 EUR

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