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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.04.2009

Logbuch der "Einstürzenden Neubauten"

Blixa Bargeld: "Europa kreuzweise. Eine Litanei", Residenz Verlag 2009, 123 Seiten

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Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bei einem Konzert in Prag. (AP)
Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bei einem Konzert in Prag. (AP)

Mit der Avantgarde-Musikband "Einstürzende Neubauten" ist Blixa Bargeld bekannt geworden. Aber auch als Schauspieler, Regisseur und Literat tritt er in Erscheinung. In "Europa kreuzweise. Eine Litanei" beschreibt Bargeld seine Reisen mit der Band quer durch Europa und liefert neben amüsanten Anekdoten zahlreiche Restauranttipps.

Der Künstlername Blixa Bargeld dürfte in erster Linie popmusikaffinen Zeitgenossen die Ohren klingeln lassen. Mit seinen Bandkollegen von den "Einstürzenden Neubauten" lotet der Berliner seit den frühen 80er-Jahren die Grenze zwischen Geräusch und Musik aus, hat es dabei zu zahlreichen Alben und Live-Auftritten gebracht und das Geniale-Dilletanten-Ghetto Berlin-Kreuzberg längst hinter sich gelassen. "Einstürzende Neubauten" sind eine Institution der internationalen (Avantgarde-)Kulturszene. Neben seiner Arbeit als Komponist, Schauspieler und Regisseur tritt Bargeld auch als Autor in Erscheinung, zuletzt mit "Europa kreuzweise. Eine Litanei", einer Art Logbuch der "Einstürzende Neubauten"-Europatournee 2008.

Die Konzerte tauchen in dem Buch allerdings lediglich in Form der immer gleichen, flapsig kommentierten Setlists auf. Bargeld lüftet zwar das Geheimnis um den von den "Einstürzenden Neubauten" als Instrument eingesetzten, sagenumwobenen Presslufthammer. Doch dass es sich um einen "Elektro-Hammer der Marke Kango" handelt, dürfte nur Fans interessieren. Die Anekdote vom Verschwinden des Kango-Hammers in der Kopenhagener Hausbesetzerszene ist allerdings amüsant. Die Musik spielt in diesem launigen Text nur eine untergeordnete Rolle.

Weitaus breiteren Raum nehmen die Reisen ein. Wir erfahren, dass Blixa gerne mal die Koje im Bandbus mit dem Flugzeugsitz vertauscht, und die Kollision der Welten in den mal mehr, mal weniger luxuriösen Hotels bringt zahlreiche skurrile Situationen mit sich. In Zagreb begrüßt der Zimmerfernseher "Frau Bargeld" herzlich, in Kopenhagen beschwert sich Blixa über ein schniekes Hotel, das nicht in der Lage sei, ihm ein Taxi zu einem bestimmten Restaurant zu bestellen.

Doch, doch, ein Snob ist er schon, der Mann mit Wohnsitz San Francisco, Peking und Berlin, der Kaffee "nur in Italien" trinkt. Überhaupt: Die Esskultur steht in Blixa Bargelds Prioritätenliste ganz oben. Schilderungen diverser Abend- und Mittagsmahle bilden den roten Faden von "Europa kreuzweise". Als Reiseführer zwischen Luxemburg, Oslo, Moskau und Lissabon dient Bargeld der Guide Michelin, wobei er seinen Erfahrungen im Zweifelsfall eher vertraut als den Sternen des Standardwerks. Akribisch werden Menüfolgen notiert und kommentiert, mal kurz und nüchtern, mal seitenlang und elegisch. Das "El Bulli" bei Barcelona ist für ihn "das beste Restaurant der Welt" nach dem Genuss von "dreißig, selbstverständlich kleinen Gängen", darunter "Spherical Olives" oder ein "Rabbit Ear Crunchie". Und das Menü war noch billiger als die 150 Kilometer lange Taxifahrt zum Restaurant.

Kulinarisch gesprochen: "Europa kreuzweise" ist mit seinen 123 Seiten kein opulentes Gericht, aber eine originell gewürzte und humorvoll servierte Zwischenmahlzeit. Oder, um Herrn Bargelds Vergangenheit als Tresenkraft im legendären Berliner Punkschuppen Risiko Reverenz zu erweisen: Die Litanei zischt wie eine frisch aufgerissene Dose Aldi-Bier.

Rezensiert von Helmut Heimann

Blixa Bargeld: Europa kreuzweise. Eine Litanei
Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg 2009
123 Seiten, 14,90 Euro

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