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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.02.2019

Lösungen für den FachkräftemangelKita-Personal gesucht

Von Felicitas Boeselager

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Kinder spielen mit einem Erzieher "Abklatschen" (imago/Westend61/Mareen Fischinger)
Die Erzieher-Ausbildung müsse attraktiver werden, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, so Stephan Siefert. (imago/Westend61/Mareen Fischinger)

Bis 2025 werden laut Verdi insgesamt 500.000 Erzieherinnen und Erzieher benötigt – andere Prognosen sprechen von 300.000. Der Bedarf ist auf jeden Fall groß. In Bremen gibt es deshalb auch das Bildungsprogramm "PiA", um mehr Fachkräfte auszubilden.

Gerade in der Grippezeit sind Kinder-Geräusche in vielen KiTa-Gruppen nicht mehr zu hören. Nicht weil alle Kinder krank sind, sondern weile viele KiTas wegen Personalmangel ihre Gruppen schließen müssen. Zurück bleiben hilflose Eltern. Auch in Bremen, obwohl der Stadtstaat nach Baden Württemberg den besten Betreuungsschlüssel für unter Dreijährige in Deutschland hat. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung kommen in Bremens Krippen 3,3 Kinder auf einen Erzieher. Am schlechtesten sieht es in Sachsens Krippen aus, dort sind es 6,4 Kinder pro Erzieher. Ingo Tebje von Verdi Bremen hält diese Zahlen für wenig aufschlussreich, denn sie berücksichtigten nicht die spezifischen Problemlagen verschiedener Orte:

"Weil im Bereich der Armut und Kinderarmut ist Bremen und Bremerhaven sind da leider Spitzenreiter und das hat natürlich spezielle Auswirkungen auf die Kollegin vor Ort."

Bis 2025 werden laut Verdi deutschlandweit insgesamt 500.000 Erzieherinnen benötigt – andere Prognosen sprechen zwar von 300.000, groß ist der Bedarf aber nichtsdestotrotz.

Ein Grund für den Fachkräftemangel ist die lange, unbezahlte Ausbildung zur Erzieherin, sagt Tebje. Wer einen Realschulabschluss hat, muss zunächst zwei Jahre eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin machen, um dann für die Erzieher-Ausbildung zugelassen zu werden. Und auch diese dauert nochmal drei Jahre, wovon in der Regel nur das letzte, das Praxisjahr, bezahlt wird.

Tipps für neue Bewerber

Bei einem Informationstag des Instituts für Berufs – und Sozialpädagogik in Bremen gibt Anika Katarzynski Tipps für neue Bewerber. Sie hat vor einem halben Jahr ihre Lehre zur Erzieherin angefangen und ist Teil eines speziellen Programms. Es nennt sich Praxisintegrierte Ausbildung, kurz PiA. Ihr Schulleiter Stephan Siefert erklärt, was das Besondere an dieser Ausbildung ist:

"Also bei PiA ist es ja im Unterschied zur Vollzeit-Schulischen Ausbildung, sprechen wir ja hier von einer Teilzeit, das heißt, zwei Tage Schule, drei Tage Praxis in der Einrichtung und das vom ersten Tag an bezahlt."

Außerdem fällt das Schulgeld, das die Azubis zahlen müssen, weg. In Bremen gibt es PiA seit Sommer 2018. Damit ist es das fünfte Bundesland, das dieses Programm anbietet. Baden Württemberg war 2013 die ersten.

"Es ist bundesweit eben ein sehr buntes Bild, was unter dem Stichwort PiA läuft. Das Bundesland Bremen, ist das einzige Bundesland, wo die Ausbildungsgehälter direkt von der Senatorin bezahlt werden, alle anderen Bundesländer rechnen die PiAs ein Stück weit auf den Fachkräfteschlüssel an und fordern dann von den Trägern aber auch, dass sie mitfinanzieren."

PiA ist in Bremen sehr beliebt, im ersten Jahrgang gab es 200 Bewerber auf 50 Plätze. Ein Grund dafür sei die Vergütung, glaubt Azubi Anika Katarzynski:

"Das Ding ist halt auch, es gibt so viele Ausbildungsberufe, wo alle Gehalt verdienen, auch wenn ich mir die Gehälter manchmal angucke. Also warum sollten Erzieher kein Gehalt bekommen? Ich meine, wir machen schon fünf Jahre Ausbildung."

Enge Verzahnung von Berufsschule und Praxis

Schulleiter Siefert schätzt an dem Programm auch die enge Verzahnung von Berufsschule und Praxis. Viele Probleme aus der Praxis könnten sofort in der Schule besprochen werden und Gelerntes könne schnell angewendet werden. Trotzdem ist das neue Ausbildungsprogramm "PiA" für ihn kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel:

"Es geht ja drum, dem Fachkräftemangel im Endeffekt dadurch zu begegnen, dass man die Ausbildung für möglichst viele Menschen attraktiv macht und PiA ist zum Beispiel nicht geeignet für Leute, die Kinder haben, weil wenn ich mir vorstelle, ich gehe drei Tag Vollzeit in eine Einrichtung, hab dann zwei Tage Schule, muss noch für eine Klausur lernen, das ist schon ganz schön belastend."

Deshalb bietet sein Institut auch eine Halbtags-Ausbildung zur Erzieherin an. Er plädiert aber insgesamt für ein ganz anderes Ausbildungsmodell:

"Ich würde sogar noch weiter gehen und würde gern auch mit anderen Schulen zusammen überlegen, wie kann man die Ausbildung so modularisieren, dass man die Module in welchem Zeitraum auch immer abarbeitet und dann irgendwann in die Praxis und in ein Anerkennungsjahr geht."

Auch Ingo Tebje von Verdi glaubt nicht, dass allein ein neuer Ausbildungsaufbau reicht, er fordert ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um den Erziehermangel zu bekämpfen:

"Quereinsteiger, Um- und Fortbildung, Anwerbung aus anderen Ländern."

Außerdem solle jede Form der Ausbildung bezahlt werden.

Forderung nach mehr Gehalt

Ein weiterer Lösungsansatz für den Fachkräftemangel könnte schlicht ein besserer Lohn sein. In Bremen verdient eine ausgebildete Erzieherin in ihrem ersten Jahr 2685 Euro brutto im Monat, nach 15 Jahren im Beruf sind es 3700 Euro brutto. Das ist zu wenig, sagt Tebje. Deswegen verhandelt Verdi grade mit den bremischen Kitas um eine höhere Tarifgruppe für Erzieherinnen. Je nach Arbeitsjahr 40 – 400 Euro brutto mehr im Monat. Andere Großstädte wie zum Beispiel München, Hannover und Hamburg zahlen bereits diesen Tarif. Tebje will aber noch mehr:

"Wir sagen ja generell, eigentlich muss die Erzieherin auf das Niveau einer Grundschullehrerin kommen. Eigentlich ist dieser Bereich einer der wichtigsten Bereiche der Kinderentwicklung generell, also für die ganze spätere Bildungsentwicklung der Kinder."

Dass Erzieherinnen trotzdem so schlecht bezahlt werden, habe auch historische Gründe, sagt Tebje:

"Ich sag mal, der ganze Bereich der Care-Berufe kommt mal aus so einer Philosophie heraus, das sind Frauenberufe, die eher in ihrer Nebentätigkeit ihre Zeit mit wohltätigen Zwecken verbringen und so sind die zum großen Teil entstanden und dann auch mit unbezahlten Fachschulausbildungen entstanden."

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