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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.05.2021

Lockerungen der CoronamaßnahmenLästern steigert das Wohlbefinden

Gedanken von Anne Backhaus

Zwei Männer sitzen in einem Straßencafé und trinken Milchkaffee. (Unsplash / Shane Rounce)
Endlich wieder im Café sitzen, quatschen und lästern: In einigen Ländern wurden die Coronamaßnahmen gelockert. (Unsplash / Shane Rounce)

Pandemie und Lockdown haben uns aus vielen Gründen zugesetzt. Einer wurde übersehen: der Mangel an Möglichkeiten zum Lästern. Das wird nun in wiedereröffneten Straßencafés nachgeholt. Ein Glück für die Gesellschaft, meint Journalistin Anne Backhaus.

München, 17 Grad, Sonne. Alle Tische vor den Cafés und Restaurants in der Innenstadt sind belegt. Die Luft scheint nicht voll von Viren, sondern von Leichtigkeit. Auf einer Außenterrasse freut sich eine Frau über ihren Kaffee im Porzellanbecher. Ihr Begleiter lobt den gemütlichen Stuhl, auf dem er sitzt. Sie seufzen wohlig. Das Paar lehnt sich zurück, genießt und schaut. Und dann geht es los.

"Na siehst du, ich bin wohl nicht der Einzige, der ein paar Kilos zugelegt hat", sagt der Mann mit Blick auf die Passanten. "Oha, die Damen haben aber auch gut gegessen", antwortet die Frau. "Und diese Frühlingsmode. Schau Schatz, Flieder, die Farbe steht bei weitem nicht jeder nach so einem Lockdown." Beide lachen – mit Blick auf die etwas blass wirkende Frau am Kiosk gegenüber.

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Wie schön, wir können wieder die Cafégemeinschaft genießen – und den Umstand, kein verantwortungsbewusstes Wesen sein zu müssen. Ja, das passt zusammen. Denn so freundlich manche den Tischnachbarn einen Aschenbecher reichen, so unfreundlich frotzeln sie auch über jene in Nicht-Hörweite.

Dieses Lästern, das niemandem wehtut und sich zugleich positiv auf das eigene Wohlgefühl auswirkt, ist reinigend für die Gesellschaft. Denn das menschliche Wesen sehnt sich nicht nur nach Gemeinschaft, sondern auch nach der Ablehnung anderer. Zumindest im Mikrokosmos Café führt das wiederum zu mehr Gemeinschaftssinn.

Pandemie hat auch das Lästern gestoppt

Der Mangel an Möglichkeiten zum Lästern ist kaum aufgefallen. Kein Wunder. Wer auf dem Kantstein einen To-go-Becher balanciert und gleichzeitig versucht, nicht in Richtung der Begleitung zu atmen, nun, dem fehlt die Muße, auf Passanten zu achten und zu spotten. Im Homeoffice gibt es auch keine Flure, die zur Lästerei einladen. Und überhaupt: In der Pandemie war ja immer jemand schlechter dran als man selbst. Wir haben im besten Fall auf andere aufgepasst, Solidarität gezeigt.

Am Tisch auf der Außenterrasse schmälern wir nun den Blick auf das Auffällige um uns herum. Die Weltgemeinschaft ist mal kurz wurscht. Was zählt, sind die Gegenwart und die wiedergewonnene Freiheit, Lästern inklusive.

Spott über andere steigert das Wir-Gefühl

Der Ursprung des Begriffes "Klatsch" reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Die Waschweiber klatschten nasse Kleidungsstücke gegen Steine, während sie Neuigkeiten und Spekulationen austauschten. Einige ergaben sich aus der Schmutzwäsche selbst: Flecken auf Bettlaken konnten Fremdgeher entlarven, verdreckte Kleider eine Dame liederlich erscheinen lassen. Lange wurde Lästern auch deshalb vor allem Frauen zugeschrieben.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben aber inzwischen gezeigt: Lästern ist eine Art Volkssport. Und das aus gutem Grund: Spott über andere steigert nicht nur das Wir-Gefühl, sondern hilft auch dabei, in stressigen Situationen Druck abzulassen oder sich von langweiligen Routineaufgaben abzulenken.

Stress und Langeweile, davon hatten wir genug im Lockdown. Vom Lästern hingegen nicht. Selbst die sozialen Netzwerke konnten keine Abhilfe schaffen. Es fehlt der Platz für spöttische Zwischentöne, wo der Daumen entweder nur rauf- oder runtergehen kann. Wo einzig Herzen vergeben werden oder sich eh alle angreifen.

Lästern dient auch der Gesundheit

Ausgerechnet in einer Zeit, in der unser gemeinschaftlicher Fokus wie noch nie zuvor auf die Gesundheit gerichtet war, konnten wir also noch nicht mal Lästern. Dabei steigert es unser Wohlbefinden, ist geradezu gesund.

Das Paar am Cafétisch, es diskutiert ausnahmsweise nicht über handlungsschwache Politiker und Impfstrategie. "Wie gut wir uns mal wieder unterhalten haben", sagt die Frau, nachdem sie die Rechnung bestellt hat. Und er sagt: "So nett, hier mit allen im Café zusammenzusitzen."

Das Lästern haben sie vergessen und genauso soll es sein. Es geht dabei schließlich um nichts als die eigene Gemütsbefriedung. Was bleibt, sind Entspannung und Gemeinschaftssinn. Ein Glück für die Gesellschaft.

Porträt der Journalistin Anne Backhaus (privat)Die Journalistin Anne Backhaus (privat)Anne Backhaus, Jahrgang 1982, hat Französische Literaturwissenschaft, Gender Studies und Psychologie studiert. Seit 2013 reist sie als freie Autorin für Reportagen, Filme und Interviews um die Welt. Sie lebt in Hamburg, wo sie unter anderem auch als Dozentin für Interview und (multimediales) Storytelling an der Akademie für Publizistik arbeitet.

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