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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 18.11.2019

Loblied auf einen schwierigen BerufWerdet Lehrer!

Gedanken von Michael Felten

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Eine Lehrerin steht vor einer Klasse mir einem Lehrbuch. (picture alliance/ JOKER / Gudrun Petersen)
Lehrer sind "Menschenbildner" und "Brückenbauer" zwischen unterschiedlichen Generationen und sozialen Schichten. (picture alliance/ JOKER / Gudrun Petersen)

Viele Arbeitnehmer sitzen Monitoren gegenüber, im Klassenzimmer hingegen gehe es vor allem um Menschen - Lehrer sei ein harter Beruf, aber auch ein wunderbarer, meint der Pädagoge Michael Felten. Die Frage nach dem Sinn der Arbeit stelle sich da nur selten.

Als meine Pensionierung nahte, wollte ich gar nicht mit dem Unterrichten aufhören. Nur: Was war eigentlich so reizvoll daran, mich mit jungen Menschen abzugeben? Mit Schülern, die manchmal auf alles Lust hatten, nur nicht auf Bruchrechnung; mit Eltern, die bei schlechten Noten gleich mit dem Anwalt anrückten, von mir aber die umfangreiche Nacherziehung ihrer Sprösslinge erwarteten; mit einer Schulbehörde, die in kürzerer Zeit aus volleren Klassen mehr Abiturienten herausholen wollte.

Es stimmt, Lehrer zu sein, ist verdammt harte Arbeit, aber auch eine wunderbare. Nein, ich meine jetzt nicht die langen Ferien – bekanntlich ist das ja nur ein gerechter Ausgleich für durchkorrigierte Abendstunden und Wochenenden. Es geht um etwas anderes: Jungen Menschen das Wurzelziehen beizubringen oder ihre Ideen beim Interpretieren von Gedichten zu fördern, das schenkt einem – ungeachtet aller Sorgen, Ungewissheiten und Mühen – eine eigentümliche Form von Erfüllung.

Anderen zu helfen, schafft innere Befriedigung

Anderen gerne zu helfen, das war eine Zeit lang als Helfersyndrom in Verruf geraten – aber es verschafft ganz einfach innere Befriedigung. In Zeiten, in denen Gewinn und Konsum, Bilanz und Design unsere Werteliste anführen, sei deshalb an das Glücksangebot erinnert, das zwischenmenschliche Nähe und Fürsorge beinhalten. Bereits Platon sprach von pädagogischem Eros. Viele Berufstätige fahren morgens zu Monitoren, Lehrer indes erstmal zu Menschen.

Und man darf auch ruhig noch ein wenig höher ansetzen. Sind Lehrer nicht Menschenbildner? Künstler, die trotz aller Lehrpläne Lebendiges mitgestalten? Sind sie nicht Brückenbauer zwischen Generationen, Schichten und Zeiten? Schlagen sie nicht immer wieder Verbindungen zwischen Wissen und Wachsen? Und während andere Menschen als Lebensleistung auf eine Firmengründung, einen Bestseller oder das eigene Häuschen verweisen, prägen Lehrer eben Biografien, im Laufe eines Berufslebens sogar ziemlich viele!

Wenn einem die Herzen zufliegen

Da ist aber noch etwas: Wer einen Klassenraum betritt und Kindern etwas beibringen möchte, geht ein Wagnis ein, stellt sich dem Reiz des Ungewissen. Niemand kann ihm vorher sagen, wie die Schüler heute drauf sein werden und wie er mit ihnen wohl zurechtkommt. Und sollte ein Lernschritt – oder auch mal die gesamte Stunde – schiefgehen, so kann ein Lehrer nicht einfach vor den Kindern davonlaufen, weder für den Rest der Stunde noch endgültig. Damit immer wieder aufs Neue fertig zu werden: Ist das nicht eine verlockende Herausforderung, vielleicht sogar eines der letzten wirklichen Abenteuer in der Wohlstandsgesellschaft?

Kaum ein anderer Beruf lässt einen übrigens so selbständig sein, lässt die Frage nach dem Sinn der Arbeit so selten aufkommen! Und wo sonst fliegen einem – nicht immer, aber oft genug – Herzen förmlich zu, gerade als Lehrkraft in der Grundschule?

Der Lehrerberuf will gelernt sein

Aber Lehrer zu sein, das will auch gelernt sein, das lässt sich nicht so eben mal aus dem Ärmel schütteln. Man muss gründlich Pädagogik und Didaktik studieren und Lehrkunst wie Klassenführung sorgfältig erproben. Die Seiteneinsteiger, die unsere Kinder heute zunehmend unterrichten, wurden indes lediglich zu Lehrern ernannt – und manche Bundesländer gönnen ihnen noch nicht einmal eine Notausbildung.

Zuerst also Kurzsichtigkeit der Kultusminister und jetzt lokales Verheizen. Oder war das gar nicht kurzsichtig, sondern Absicht? Hoffte man vielleicht, dank digitaler Aufrüstung in Zukunft jede Menge Pädagogen einsparen zu können?

Wie dem auch sei: Unterricht durch Quereinsteiger ist zumeist besser als gar keiner – und nicht selten ist er keineswegs schlecht. Zu hoffen wäre indes, dass die kostbaren Novizen sich ihrer Rarität bewusst sind und sich nicht als Erstes an Brennpunktschulen oder in Eingangsklassen einsetzen lassen, den brisantesten und sensibelsten Löchern im Schulsystem.

Michael Felten (privat)Michael Felten (privat)Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymnasium in Köln unterrichtet. Er arbeitet weiterhin in der Lehrerausbildung und berät Schulen. Ihm geht es darum, Praxiserfahrungen der Lehrer und Befunden der Unterrichtsforschung mehr Gehör in der Bildungsdebatte zu verschaffen. Er ist Mitbegründer der Initiative Unterrichtsqualität.

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